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Galerie Parisa Kind in neuen Räumen

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Von: Dierk Wolters

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Welch eine Textur, welch ein Gewicht: Mike Bouchet spürt dem nach, was alltäglich ist und doch selten in den Mittelpunkt rückt.
Welch eine Textur, welch ein Gewicht: Mike Bouchet spürt dem nach, was alltäglich ist und doch selten in den Mittelpunkt rückt. © Lucia_Gerbsch

Die erste Ausstellung der Frankfurter Konzeptkunst-Spezialistin gilt dem amerikanischen Künstler Mike Bouchet, Gatte der Galeristin und ein alter Frankfurter Bekannter.

Wie wohnen?, hatte Mike Bouchet auf der Venedig-Biennale 2009 gefragt und ein amerikanisches Fertighaus im Hafen des Arsenale schwimmen lassen. Für die Frankfurter Schirn zerlegte er das Haus komplett und stellte dessen Einzelteile auf 30 Paletten aus. Aus der Transformation in einen anderen Zusammenhang schlägt Bouchet die Funken seiner Kunst.

Zur Manifesta nach Zürich eingeladen, organisierte er eine Ausstellung, in der er explizit die Kehrseite des menschlichen Lebens zum Thema machte: das, was hinten rauskommt (Helmut Kohl) sozusagen, was ihm viel Protest einbrachte, aber durchaus hintergründigen Sinn hatte.

In „Zurich Load“ baute der in Frankfurt lebende Amerikaner eine 80 Tonnen schwere Skulptur aus Klärschlamm. 80 Tonnen: Das ist die Menge an Fäkalien, die Tag für Tag in Zürich anfällt. Den Klärschlamm presste er, schnitt ihn in viele hundert Kilogramm wiegende Kuben, die er säuberlich nebeneinanderstellte: ein Werk von nach der Behandlung zum Glück nur noch mildem Geruch, aber umso größerer visueller Prägnanz.

Fotos dieser Installation zeigt nun einer der neuen Räume in unmittelbarer Nähe zum Roßmarkt, mit denen die Frankfurter Galeristin Parisa Kind, Spezialistin für Konzeptkunst und zudem die Gattin von Mike Bouchet, ihre neue Geschäftsheimat einweiht. Er habe das ursprüngliche Material umwandeln und damit etwas Wunderschönes schaffen wollen, erläutert der Künstler und schwärmt von der tiefen braunen Farbe der 252 handgeformten Quader.

Widerstand kam von der rechtskonservativen SVP, die im schweizerischen Bundesrat einen Antrag stellte, das Werk wegen seiner „exkrementalen Immissionen“ zu verbieten – und gleich auch das Zürcher Migros-Museum dafür Gegenwartskunst kritisierte, weil es schon einmal die Frechheit besessen habe, das Ready-Made-Pissoir von Marcel Duchamp (das in der Tat als künstlerische Ikone gilt) als „größtes Kunstwerk aller Zeiten“ zu bezeichnen.

Die Aufregung bis in höchste Schweizer Polit-Kreise sicherte dem Künstler beträchtliche Aufmerksamkeit, doch sein primäres Ziel war dies nicht. Die gewaltige Arbeit, in enger Zusammenarbeit mit dem dortigen Klärwerk entstanden, ist tatsächlich eine sehr stille. Als Duchamp in einem riesigen Sammelbecken-Raum stand, in dem mehr als 26 000 Tonnen Fäkalien lagerten, ließ er eine Drohne an den gewaltigen Exkremente-Mauern entlang fliegen und filmte damit ihre bizarren Oberflächenstrukturen. Nicht zuletzt wird dort das Phosphor sichtbar, das man aus den Abfällen gewinnen will. „In gewisser Hinsicht ist es also tatsächlich Gold, was hier lagert“, sagt Bouchet. Dies auch stiftete letztlich den Bezug zur Zürcher Manifesta. Deren Motto nämlich lautete: „What People do for Money“ – was Leute für Geld tun. Dass es ein Künstler tatsächlich wagen würde, den Bezug von Fäkalien zu Geld so direkt herzustellen, hatte offenbar nicht jeder erwartet.

Eine weitere Ebene zieht der Nachbarraum der Galerie ein: Denn um die Museumsmitarbeiter von der Ungefährlichkeit seiner Skulptur zu überzeugen, musste Bouchet immer neue Nachweise erbringen und zuletzt sogar mittels einer Thermalkamera Kern- und Oberflächentemperaturen der Blöcke dokumentieren lassen. Warm leuchten diese Aufnahmen, ein optimistisches Fest glücklicher Farben.

„Kinder gehen viel unvoreingenommener an diese Sache heran als Erwachsene“, sagt Mike Bouchet selber. Was er uns mit diesem Hinweis sagen will? Wahrscheinlich, dass diese Ausstellung bei allem Überbau und aller Polit-Kleinkariertheit auch ein großer Spaß ist: der Versuch, das Thema des menschlichen Produzierens und Konsumierens von jener Seite aus zu betrachten, die für gewöhnlich achtlos in der Kloschüssel landet.

Bis 8. Oktober, Galerie Parisa Kind, Kaiserstraße 4, 2. Stock, Frankfurt. Geöffnet Di bis Sa 12–17 Uhr

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