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Garstiger Kerl mit langen Haaren

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Von: Astrid Biesemeier

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?Seht einmal, da steht er, pfui, der Struwwelpeter?: Im Frankfurter Schauspiel steht der Unartige mehrfach auf der Bühne.
?Seht einmal, da steht er, pfui, der Struwwelpeter?: Im Frankfurter Schauspiel steht der Unartige mehrfach auf der Bühne. © Birgit Hupfeld

Aus dem Kinderbuch von Heinrich Hoffmann macht Rainald Grebes Inszenierung einen großen bunten Spaß, hinter dem die Erkenntnisse der Psychoanalyse lauern.

Kaum ist der Premieren-Applaus nach Rainald Grebes „Struwwelpeter“-Inszenierung abgeebbt, zücken auch schon die ersten Menschen im Publikum ihr Smartphone, gucken drauf, tippen etwas. Dabei war doch gerade erst zu sehen, was mit Kindern passiert, die zu viel auf ihr mobiles Kommunikationsgerät starren. Was bei Hoffmann der Hans Guck in die Luft war, könnte heute ein Hans Guck aufs Tablet sein. Und die Vieltipperei habe, wie Till Weinheimer später in der Inszenierung als eine Art professioneller Daumenabschneider sagt, sogar Folgen für den, der dem Daumenlutscher die Finger abschneiden muss – wegen der stark ausgeprägten Faszien oder Sehnen, die das einfache Durchschneiden schwer machen. Is klar. Hahaha. Die Zeiten ändern sich eben. Auch für professionelle Schneider.

Was sich offenbar nicht ändert, ist der Mensch. Was früher der Zappelphilipp, ist heute ein Zapp-Philipp. Wo ehemals vor Nahrungsverweigerern gewarnt werden musste, lauert heute im Überfluss die Gefahr (zumindest in unserer Gesellschaft). Irgendwas ist also immer, möchte man meinen. Weder Sigmund Freud, noch Heinrich Hoffmann, weder autoritäre Erziehung, noch antiautoritäre Erziehung, weder „Struwwelpeter“ noch „Anti-Struwwelpeter“ vermochten Kindern und Menschen so manchen (groben) Unfug oder Schlimmeres auszutreiben.

Zappeln und zappen

sind das Gleiche

Das zumindest zeigt die erziehungsfreie Inszenierung von Rainald Grebe, für die er sich mit dem „Struwwelpeter“ und dessen Schöpfer Heinrich Hoffmann wieder ein echt frankforderisches Thema gesucht hat. Schüler und Senioren der (Nach-)Kriegsgeneration hat er dafür ausgesucht, und diese Laien sind neben den Profi-Darstellern Grebe, Gaby Pochert, Christoph Pütthoff, Nino Sandow, Paula Skorupa, Jens-Karsten Stoll und Till Weinheimer auf der Bühne zu sehen und haben sogar eigene Erfahrungen und Geschichten eingebracht. In seinem poetisch-absurd-komisch-expressionistisch-surrealistischen Bilderreigen verquickt der Regisseur Schattenspiel, Puppenspiel, Kasperletheater, Stummfilm, Schauspiel und Musik, lässt fröhlich die Zeiten und Ebenen aufeinanderstoßen, indem er Heutiges, (Nach-) Kriegszeit und Hoffmanns-Zeit mischt, Soziologisches, Dokumentarisches und Fiktionales verquirlt oder diverse „Struwwelpeter“-Fassungen und -Übersetzungen präsentiert. Und dann schafft er es auch noch, zwischen Struwwelpeter, Daumenlutscher Konrad, fliegendem Robert, zündelndem Paulinchen oder Hans Guck-in-die-Luft die Themen Flüchtlinge, Erdogan und Jérôme Boateng zu integrieren. Schließlich ist Grebe nicht nur Schauspieler, Liedermacher und Regisseur, sondern auch Kabarettist. Ja, sogar einen Schlenker zu Frankfurts ermordeter Lebedame Rosemarie Nitribitt findet er. Dazwischen läuft mehrfach Christoph Pütthoff wie ein Running Gag als Hans Guck-in-die-Luft über die Bühne, auf der sich immer wieder Scharen von blondperückten Struwwelpetern tummeln.

Das Theater ist

eine Anstalt

Willkommen im Kosmos des Rainald Grebe und in einer Bühnenwelt, bei der man nie so genau weiß, ob man sich in einer Anstalt befindet oder einem Adventskalender. Ganz gewiss jedoch irgendwie im Oberstübchen des Rainald Grebe samt Themen, die ihn so umtreiben. Jürgen Lier jedenfalls hat für den „Struwwelpeter“ eine weiße Bühne entworfen, in deren Wänden eben wie bei einem Adventskalender verschiedene größere und kleinere Türchen und Kläppchen zu erkennen sind, aus denen Menschen mitsamt ihren Geschichten kommen und geschoben werden oder in denen jemand verschwindet. Das passt auch zum „Struwwelpeter“-Schöpfer Heinrich Hoffmann. Allerdings wird der Psychiatrie-Reformer selbst auf die psychoanalytische Couch gehievt, und der „Struwwelpeter“ als Verarbeitung von Kindheitstraumata des Arztes interpretiert. Natürlich nicht ganz ironiefrei. Denn hier ist alles in allem ein sehenswerter, großer bunter Spaß.

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