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Die amerikanische Schriftstellerin Harper Lee und die junge Schauspielerin Mary Badham, die Scout Finch in der Verfilmung des Weltbestsellers "Wer die Nachtigall stört" aus dem Jahr 1961 spielte.

Ein weiterer Roman von Harper Lee

„Gehe hin, stelle einen Wächter“ – der Sturz eines Helden

Vielen Amerikanern galt der wiederentdeckte Erstling der Autorin schon vor der angekündigten Veröffentlichung als Buch des Jahrzehnts. Doch der Text überrascht die Nation.

Von Thomas Scholz

Nur sehr selten kommt es vor, dass ein Buch mehr ist als ein Buch. Mit „Wer die Nachtigall stört“ veröffentlichte die US-Autorin Harper Lee 1960 einen Roman, der nicht nur ein Welterfolg, sondern vielen Amerikanern zu einem moralischen Kompass wurde. Die „Rassenfrage“ war sein Kern, Lees Antwort darauf eine zutiefst humanistische.

Trotz des Pulitzer-Preises und dreier Oscars für die Verfilmung mit Gregory Peck brachte Lee (heute 89) danach nie wieder einen Roman heraus. Bis vor knapp einem Jahr das Ur-Manuskript ihres Erstlings gefunden wurde, dessen Veröffentlichung Lees damalige Lektorin Therese von Hohoff Torrey verhindert hatte. Der gefielen daran besonders die Rückblenden in die Kindheit der Hauptfiguren. Und so begleitete sie Lee bei der Überarbeitung von „Gehe hin, stelle einen Wächter“ zu „Wer die Nachtigall stört“. Nun steht die Urfassung seit gestern mit einer Erstauflage von 100 000 Exemplaren auch in den Regalen des deutschen Handels. Die „New York Times“ stilisierte das Buch bereits vor Erscheinen zum wichtigsten Verlagsereignis „seit Jahrzehnten“. Mit dem Schock, den der Roman treuen „Nachtigall“-Lesern nun zumutet, rechnete niemand.

„Wächter“ spielt – wie schon „Nachtigall“ – im fiktiven Städtchen Maycomb, im gleichnamigen County in Alabama. Auch die Personen sind dieselben, nur 20 Jahre älter. Wir befinden uns in den frühen 50er Jahren. Scout, die kindliche Ich-Erzählerin aus „Nachtigall“, ist die gereifte Jean Louise, eine 26 Jahre alte Frau, die regelmäßig ihre Ferien nutzt, um aus New York zu ihrem alternden Vater Atticus nach Maycomb zu reisen. Zu eben jenem Atticus Finch, der in „Nachtigall“ als Anwalt einen unschuldigen Schwarzen vor Gericht verteidigt, den Prozess zwar verliert, aber durch seine Menschlichkeit die hässliche Fratze des Südstaaten-Rassismus bloßstellt. Atticus ist jetzt über 70, leidet an der Gicht, praktiziert aber immer noch als Anwalt. Jean Louises Kindheitsfreund Hank ist sein Juniorpartner und füllt die Lücke, die der plötzliche Herztod ihres Bruders Jem vor einigen Jahren in Atticus’ Leben hinterließ.

Die träge Monotonie des verschlafenen Südstaaten-Nests ist für die unabhängige Jean Louise unerträglich. Die Damen des Ortes kreisen im Gespräch immer wieder um dieselben Themen. Hanks Heiratsaufforderungen lehnt sie nicht nur deshalb ab, weil sie sich ein Leben im Kreis dieser engmaschigen Gemeinde nicht vorstellen kann. Die Schwärmerei der jungen Scout ist der erwachsenen Jean Louise nun zu wenig: „Sie war fast in ihn verliebt. Nein, das ist unmöglich, dachte sie. Entweder du bist verliebt, oder du bist es nicht. Liebe ist das Einzige auf der Welt, das unzweideutig ist.“ Diese klare Sprache ist es, die Millionen Leser von „Wer die Nachtigall stört“ in den Bann zog. Diese Wirkung verfehlt sie auch diesmal nicht. Jean Louises Erinnerungen an einen Schulball mit Hank, an skurrile Verwandte, an die mütterliche, schwarze Haushälterin Calpurnia setzen sich zu einem poetischen Mosaik ihres Lebens zusammen. Der Schlag, der dieses Bild entstellt, kommt unerwartet.

Durch einen Zufall entdeckt Jean Louise, dass ihr Vater – der in „Wächter“ den Prozess um den unschuldigen Schwarzen gewann – in seinem tiefsten Inneren ebenso mit Vorurteilen gegenüber „Negern“ beladen ist wie die Mitglieder des Ku-Klux-Klan. Er sieht in den Schwarzen die rückständigen, unmündigen, faulen Kinder der Gesellschaft, denen die Urteile des Obersten Gerichtshofs zur Gleichstellung bald die Herrschaft über die Südstaaten verleihen könnten. „Möchtest Du, dass Dein Staat von Menschen gelenkt wird, die keine Ahnung haben, wie man regiert?“

Reflektiert, aber ohne Zweifel rassistisch begründet er seinen Standpunkt: „Sie haben bei ihrer Anpassung an die Lebensgewohnheit von uns Weißen erstaunliche Fortschritte gemacht, aber sie sind noch weit von uns entfernt.“ Der Vater als überlebensgroße moralische Instanz stürzt. Doch aus der Desillusionierung erhebt sich das Gewissen einer modernen Frau, die aus seinem Schatten tritt.

Dieser Prozess ist nicht nur für Jean Louise schmerzhaft, sondern auch für die Leser, denen Atticus Finch, dieser gütige, menschenfreundliche, tolerante Mann, nun als moralisches Vorbild ebenfalls abhanden kommt. Der Aufschrei in den US-Medien war entsprechend laut. Gleichwohl ist das Bild, das Harper Lee in „Geh hin, stelle einen Wächter“ von Atticus zeichnet, ein differenzierteres, als das des allzu reinen Helden, den wir aus „Wer die Nachtigall stört“ kennen. Daran ändert auch die etwas unbeholfenere Erzählweise der neuen Veröffentlichung nichts. Lees Romane werden beide zum Kanon der Weltliteratur gehören. Schon deshalb, weil „Wächter“ dazu anregt, „Nachtigall“ noch einmal zu lesen.

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