Rocko Schamoni (links), Jacques Palminger (Mitte) und Heinz Strunk sind etwas schräg, nicht nur, wenn sie gemeinsam auf dem Sofa sitzen. Die drei Künstler haben sich einst zu satirischen Zwecken zusammengetan. Was dabei herausgekommen ist, findet sich nun in ihrem Buch ?Drei Farben Braun?.
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Rocko Schamoni (links), Jacques Palminger (Mitte) und Heinz Strunk sind etwas schräg, nicht nur, wenn sie gemeinsam auf dem Sofa sitzen. Die drei Künstler haben sich einst zu satirischen Zwecken zusammengetan. Was dabei herausgekommen ist, findet sich nun in ihrem Buch ?Drei Farben Braun?.

Humorvereinigung "Studio Braun"

Bei uns geht es ernst zu

Das Hamburger Künstler-Trio Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Jacques Palminger tritt im Frankfurter Mousonturm jubiläumsgemäß zu einer Werk-Show an.

Vierter Altbau-Stock ohne Fahrstuhl im Hamburger Schanzenviertel. Klavier und Gitarre sowie Tisch mit Laptop im kleinen Wohnraum, an den Wänden Theaterplakate eigener Stücke und ein Regal mit Bänden wie „Gutes Deutsch“ und „Müde Helden“. Es ist die Privatwohnung des „Studio- Braun“-Mitglieds Rocko Schamoni, die dem Humortrio auch als Arbeitsplatz dient. Barfuß hocken Schamoni (50), Heinz Strunk (54) und Jacques Palminger (52) bei Spätsommerhitze vor einer Schale mit letzten Weingummis auf der dunkelroten Eckcouch und erklären: „Mit uns ist es nicht immer nur nett.“ Dann sprechen sie aber doch recht brav mit Ulrike Cordes über das Buch „Drei Farben Braun“, das am 1. Oktober erscheint und aus dem sie am selben Tag im Frankfurter Mousonturm eine Werk-Show machen wollen.

Meine Herren, Ihr Buch amüsiert natürlich. Aber ist so ein Rückblick nicht auch ein Symptom nahenden Alters?

JACQUES PALMINGER: „Studio Braun“ schaut nie zurück, dafür haben wir gar keine Zeit. Wir fragen uns immer nur, was wir als Nächstes machen. In dem Fall war es so, dass eine Kuratorin in einem Hamburger Museum mit uns eine große Ausstellung organisieren wollte, was sich aus Geldmangel zerschlug. Wir hatten dafür aber so viel Material zusammengesammelt, dass wir gesagt haben, wir machen ein Buch daraus. Wir haben es dann auch nicht chronologisch gestaltet, das erschien uns zu eng, sondern in freier künstlerischer Ordnung. ROCKO SCHAMONI: Es ist tatsächlich keine reflexive Rückschau, weil wir jetzt über 50 sind und die Hälfte unseres Lebens mit größter Wahrscheinlichkeit rum ist. Tatsächlich hat die Welt ganz viel von dem, was wir veröffentlichen, noch nie gesehen. Selbst Dialoge aus Stücken, die wir abdrucken, sind den meisten nicht bekannt, weil die Aufführungen fast nur in Hamburg gelaufen sind. Unser Herausgeber Gereon Klug hat die ganze Aktion federführend geleitet.

Trotzdem ist so ein Buch ja erst einmal mit Rückblicken auf Werk und Leben verbunden. Was haben Sie dabei empfunden?

SCHAMONI: Anders als für unsere Theateraufführungen hatten wir bei der Auswahl keinen Streit. Mir gefallen zum Beispiel unsere Straßen-Zettel sehr gut, auf denen wir etwa versucht haben, alte Katzen zu verkaufen. Nach 20 Jahren muss ich immer noch vor mich hingrinsen, wenn ich das sehe. PALMINGER: Wenn ich in diesem Zusammenhang alte Fotos betrachte, und im Gesicht und im Ausdruck immer noch genau dieselbe Intention finde wie heute – dieselbe Freude an der surrealistischen Verfremdung – dann bin ich doch ziemlich froh. Weil es mir zeigt, dass der Weg bei aller Verschlungenheit ziemlich gradlinig war. Wie toll und dadaistisch-surrealistisch zum Beispiel unsere „Fanta“-Aktion war, bei der wir die Brause für 20 Pfennig in die Gesellschaft verteilt haben, ist mir erst dann richtig bewusst geworden.

Herr Schamoni hat in Interviews erklärt, dass der wahre Anarchismus im Sinne Michail Bakunins ihn antreibe – also die Idee einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Gilt das für Sie alle?

PALMINGER: Da müsste jeder für sich sprechen, ich würd’s für mich nicht ganz so hoch aufhängen. Ich möchte einfach immer wieder alte Rattenschwänze abschneiden.

Steckt ein inhaltliches Motiv dahinter?

PALMINGER: Also inhaltlich, da würde ich sagen – Liebe. SCHAMONI: Fragen Sie, warum man Kunst macht, oder fragen Sie nach der politischen Ausrichtung? Die Grundfeder meines künstlerischen Schaffens ist ja nicht Anarchismus. Das ist bloß etwas, was mich beeinflusst – der freiheitliche Gedanke, das Nicht-Anerkennen von vertikalen Strukturen. Auch in der Kunst: Bei uns ist keiner der Chef, nur die beste Idee zählt. Das war gerade in der Punk-Bewegung wichtig, aus der Jacques und ich kommen. Und Heinz ist auf seine Art ebenfalls davon beeinflusst. HEINZ STRUNK: Es gibt einen Satz vom Schauspieler Heinz Reincke: „Ich habe keine Philosophie, ich habe keine Lebensziele, ich bin im Grunde ein immer ängstlicher Mann.“ Im Künstlerischen finde ich einen Masterplan sogar unsympathisch. Ich probiere einfach alle Sachen. Das Moralische oder so dabei geht mir gegen den Strich. SCHAMONI: Ich hab’ mit 17 gedacht, dass ich ein politischer Künstler sein müsste. Dabei ist der Grund für all das Aufbegehren immer zutiefst biografisch. Allen Behauptungen, die eigene Arbeit sei superpolitisch motiviert, misstraue ich außerordentlich.

Sie haben alle auch Ihre Einzelkarrieren. Warum gibt es „Studio Braun“ noch immer, und was hält Sie zusammen?

STRUNK: Wir kennen uns sehr genau und haben mit den Jahren gelernt, miteinander auszukommen. Ich habe in den 20 Jahren nie daran gedacht, dass ich „Studio Braun“ verlassen möchte. Es ist eine Lebensendpartnerschaft. Es kommen immer viele Möglichkeiten und Ideen, weiterzumachen. Jetzt, wo ich schon auf die 60 zugehe, wird es eher mehr als weniger. PALMINGER: Jeder Mensch sollte eine Band haben oder im Kollektiv arbeiten, um kritikfähig zu bleiben und offen für Austausch.

Sie sind eine Humorvereinigung – wird bei der Arbeit viel gelacht?

STRUNK: Nein. Es geht erstaunlich ernst zu.

Und was bedeutet Humor für Sie?

PALMINGER: Humor macht das Leben ein bisschen leichter. Musik mit negativen Inhalten zum Beispiel macht das Leben und die Welt ein bisschen härter, schlechter auch und weniger lebenswert. STRUNK: Humor ist eine sehr gute Möglichkeit, sich von der eigenen Verbissenheit zu distanzieren. Eigentlich so etwas wie Notwehr.

Buch: „Drei Farben Braun“, Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, geb., 320 Seiten, 49,99 Euro. Vom 1. Oktober an. Auftritt: Mousonturm, Waldschmidtstraße 4, Frankfurt. 1. Oktober, 20 Uhr. Evtl. Restkarten an der Abendkasse. Telefon (069) 40 89 50. Internet

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