Antonio Vivaldis Musik

Geigen, Vögel und Gewitter

  • Michael Dellith
    VonMichael Dellith
    schließen

Seine „Vier Jahreszeiten“ kennt jeder. Sie gehören zu den berühmtesten Stücken des klassischen Repertoires. Doch wer war der italienische Komponist Vivaldi, der vor 275 Jahren starb?

Sie sind so berühmt wie die „Zauberflöte“ oder Mozarts „Kleine Nachtmusik“: Vivaldis Violinkonzerte mit dem Titel „Le Quattro Stagione“ (Die vier Jahreszeiten) – ein wunderbares Beispiel für gelungene Programmmusik: In den vier Violinkonzerten hört man sanfte Winde wehen, heftige Stürme und Gewitter hereinbrechen. Hinzu kommen Vogelstimmen und sogar ein bellender Hund. Besonders originell ist das musikalisch geschilderte Schlittschuhlaufen, einschließlich Stolpern und Stürzen. Köstlich sind natürlich auch die Klänge zum schweren Schlaf eines Betrunkenen.

Es gibt wohl kaum einen Schüler, bei dem Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ nicht für Verblüffung im Musikunterricht gesorgt haben. So farbig und witzig kann Barockmusik klingen! Und nicht selten wurde in früheren Zeiten auch Vivaldis „Gloria“ vom Schulchor zu glanzvoller Aufführung gebracht. Doch damit erschöpfte sich meist auch schon die getroffene Werkauswahl des gebürtigen Venezianers. Seine Musik hatte nicht den besten Ruf, konnte in den Augen mancher Kritiker nicht mit der Größe und Ernsthaftigkeit eines Johann Sebastian Bach mithalten. Nur allzu gerne tat man Vivaldi als allzu leicht verdauliche Kost ab.

Mit 25 Priester

Dabei war der 1678 in Venedig geboren Antonio Vivaldi ein Musiker durch und durch. Sein Vater verdiente – wie schon der Großvater – den Lebensunterhalt als Barbier, erlernte aber später das Violinspiel und machte als Geiger im Orchester der Kathedrale von San Marco Karriere. Auf diese Weise kam der kleine Antonio bereits früh mit dem Violinspiel in Berührung – der Vater hatte es ihm beigebracht. Und so durfte der begabte Filius schon bald seinen Lehrmeister bei Konzerten vertreten. Doch dieser hatte für seinen Sohn nicht die Künstlerlaufbahn vorgesehen, vielmehr sollte Antonio Priester werden. Also erhielt Vivaldi mit 15 Jahren die Tonsur, mit 18 wurde er Subdiakon, und mit 25 Jahren stand die Priesterweihe an. Als Priester musste Vivaldi mehrmals am Tag die Messe lesen und auch singen, doch wegen seines Asthmas, das ihn von Kindesbeinen an plagte, konnte er diesen Beruf nicht lange ausüben.

Also verlegte sich Vivaldi auf die Geige und unterwies fortan im Ospedale della Pietà, einem von vier Heimen in Venedig für Waisenmädchen, die jungen Damen im Violinspiel. Und das machte der Prete Rosso („der rote Priester“), wie sie Vivaldi wegen seiner Haarfarbe nannten, mit einem solchen Geschick, dass ihm bald ein legendärer Ruf vorauseilte – als Instrumentallehrer, aber auch als Komponist. Denn Vivaldi schrieb nicht nur die meisten seiner Violinkonzerte und Sonaten für Aufführungen im Gottesdienst des Ospedale, er komponierte fortan auch Opern, was den Kirchenoberen freilich missfiel. Ein Geistlicher, der Opern schrieb, das ging gar nicht! Und dazu noch Vivaldis Lebensstil. Nicht nur, dass er seine Kompositionen im Eigenverlag herausbrachte, um die Einnahmen nicht mit einem Verleger teilen zu müssen. Vivaldi wurde ein Verhältnis mit einer jungen Sängerin nachgesagt, die ihn auf seinen Reisen begleitete. Auch der Musikgeschmack wandelte sich. Vivaldis Stern begann zu sinken. In Wien versuchte er noch mal einen Neuanfang, doch ohne Erfolg. Vivaldi starb am 28. Juli 1741. Er wurde in einem schlichten Grab auf dem „Spitaller Gottsacker“ vor dem Kärntner Tor bestattet.

Auch wenn Zeitgenossen wie Johann Sebastian Bach Vivaldis Musik schätzten – sonst hätte dieser wohl kaum Vivaldi-Konzerte für Orgel bearbeitet –, dauerte es mehr als 200 Jahre, bis die Musikwelt den Italiener neu entdeckte. Nicht zu unterschätzen ist dabei die in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts einsetzende Originalklangbewegung, deren Vertreter altehrwürdige Archive durchforsteten und auf so manche verschollene Partitur stießen. Und auch Crossover-Geiger Nigel Kennedy sorgte 1989 für ein Vivaldi-Revival, als er mit seiner rotzig-frechen Einspielung der „Vier Jahreszeiten“ die Barock-Hits entstaubte. Vivaldis Musik ist eben alles andere als seicht, deshalb wird sie sich auch immer wieder aufs Neue behaupten!

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare