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Eine Brosche aus Silber und Achat, entworfen von Patriz Huber.

„Der Mai ist gekommen“

Die Geburtsstadt des Lyrikers erinnert in dessen 200. Geburtsjahr daran, wie er „am deutschen Wesen die Welt genesen“ lassen wollte.

Von Thomas Morell (epd)

Der „Tanz in den Mai“ hat in Lübeck eine lange Tradition – wie auch in anderen Städten. Auf dem Rathausplatz sang in diesem Jahr der Shantychor „Möwenschiet“. Um Mitternacht wurde dann wieder Emanuel Geibels Frühlingslied angestimmt: „Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus. . .“.

Weitere Mai-Veranstaltungen zu Geibel folgten: Beim Liederabend in der Reformierten Kirche wurde der neue „Schul-Song“ der Lübecker Emanuel-Geibel-Schule vorgestellt. Und um seine romantischen Träume vom Wiederaufstieg der mittelalterlichen Hanse geht es am 27. Mai beim Literaturgespräch im Buddenbrook-Haus.

Geibel wurde vor 200 Jahren als Sohn eines reformierten Pastors in Lübeck geboren. Sein eigentliches Geburtsdatum war der 17. Oktober 1815, doch sein Vater verlegte den offiziellen Geburtstag auf den 18. Oktober – in Erinnerung an den Entscheidungstag der Völkerschlacht bei Leipzig am 18. Oktober 1813. Auch das heutige Lübeck hat die prominente Geburtstagsfeier auf den 18. Oktober dieses Jahres gelegt. Während seines Studiums in Berlin machte Emanuel Geibel Bekanntschaft mit den Romantikern. Die in Frankfurt geborene Dichterin Bettina von Arnim vermittelte dem 23-Jährigen eine Stelle als Hauslehrer in Athen. Später, so wird berichtet, sei er dann oft in griechischer Kleidung sowie mit Fez und Wasserpfeife durch die Lübecker Altstadt spaziert.

Nach seiner Rückkehr aus Athen veröffentlichte Geibel erste romantische Gedichte, die ihn schnell bekannt machten. Er wohnte meist in Lübeck, reiste aber unentwegt durch die Lande. Er sei das „literarische Idol“ seiner Zeit gewesen, urteilt Hans Wißkirchen, Direktor der Lübecker Museen.

Mit 37 Jahren wurde Geibel von Bayerns König Maximilian II. als Professor für deutsche Literatur nach München geholt, was ihm ein Auskommen sicherte und ausreichend Zeit für die Dichtkunst ließ. Doch der Nachfolger König Ludwig II. entließ Geibel 1868 – unter anderem, weil ein preußischer Adler dessen Gedichtband zierte. Im Gegenzug bewilligte Preußen-König Wilhelm I. dem Dichter für dessen Treue eine Rente von 1000 Talern. Geibel polarisierte schon zu Lebzeiten. Von den einen wurde er als „Dichterfürst“ gelobt. Andere aber sahen in ihm nicht mehr als einen Nachahmer ohne eigene Ideen. Von der literaturwissenschaftlichen Forschung wird er bis heute kaum wahrgenommen.

Doch nicht nur Geibels „Mai-Lied“ aus dem Jahr 1841 hat überlebt. Die letzten Zeilen seines Gedichts „Deutschlands Beruf“ von 1861 „Und es mag am deutschen Wesen/Einmal noch die Welt genesen“ brachten Geibel in der Nachkriegszeit in Verruf, weil sie von den Nazis als Schlachtruf für ein deutsches Vormachtstreben missbraucht wurden. Dabei war Geibel zwar patriotisch, sehnte sich aber wie viele Liberale und Demokraten zu jener Zeit angesichts der zahllosen Fürstentümer und Grafschaften nach nationaler Einheit. Die wollte er dann allerdings im Gegensatz zu den Demokraten lieber unter der Führung eines Kaisers verwirklicht sehen.

Lübeck plant im Jubiläumsjahr nicht nur, an den vergangenen Ruhm des Ehrenbürgers zu erinnern. Wissenschaftler wollen sich auch kritisch mit seinem Werk und dessen Wirkungsgeschichte befassen. Diskutiert werden soll unter anderem die Frage, warum Geibel so stark polarisiert hat und warum er im Laufe des 20. Jahrhunderts zunehmend in Vergessenheit geraten ist.

Das Buddenbrook-Haus wird im November eine Geibel-Ausstellung eröffnen, die sich mit seinem literarischen Aufstieg und den Kontroversen um seine Person beschäftigt. Die Stadtbibliothek, in deren Bestand sich ein großer Teil des Nachlasses befindet, konzentriert sich in ihrer Ausstellung auf die Musik. Gezeigt werden besondere Stücke aus der Musikaliensammlung und wertvolle Drucke mit Vertonungen von Geibels Lyrik.

Geibel starb am 6. April 1884 in seiner Heimatstadt Lübeck, die ihn 1868 zum Ehrenbürger ernannt hatte. Das Begräbnis glich einem Staatsakt. Schon fünf Jahre nach seinem Tod stellte die Stadt an einem prominenten Platz neben der St. Jakobi-Kirche ein Denkmal auf. Doch die Nazis verbannten das Monument des Dichters 1936 auf einen kleinen Platz hinter der Jakobi-Kirche, wo es heute noch steht. Der einstige „Geibelplatz“ heißt seitdem „Koberg“.

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