Ausstellung in Frankfurt

Gemälde von Johannes Heisig: Das Leben ist ein Selbstversuch

  • Dierk Wolters
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"Mach Dir ein Bild!" heißt die Schau mit neoexpressionistischen Gemälden des in Brandenburg lebenden Künstlers Johannes Heisig aus den letzten Jahren.

Warum ausgerechnet Hornissen? Und das gleich 30 Mal? So oft nämlich sind die nicht gerade possierlichen Tierchen zu sehen in dieser Ausstellung, 27 Mal im kleinquadratischen 20 mal 20 Zentimeter-Format, 2 Mal metergroß und einmal gar auf doppelte Leindwandmeterweite gespannt: Monströs wirkt der verkrümmte Körper, von den Fühlern und Facettenaugen, über die ausgebreiteten zarten Flügeln, weil das tote Tier auf dem Rücken liegt, bis zu den markanten Bauchplatten. Ein wenig mitleiderregend wirkt das Insekts, wie es so daliegt: tot und sehr fragil, mit riesigen nutzlos gewordenen Facettenaugen. Es wundert nicht, dass Johannes Heisig diesen Zyklus „Requiem für eine Hornisse“ genannt hat.

Von hier aus führen gleich zwei Wege in die Bilderwelt des Künstlers. Der erste ist einfach und biografisch: Im vergangenen Jahr ist der 1953 geborene Künstler nach eineinhalb Jahrzehnten in Berlin auf einen brandenburgischen Bauernhof gezogen. Die Hornissen – viel besser als ihr Ruf, wie Heisig findet – waren schon vor ihm im Atelier. Der zweite Weg führt über den „Requiem“-Titel: Mehr nämlich als das grelle Spektakel berührt Johannes Heisig das, was still und vergänglich ist, der flüchtige Moment. Ihn zu bannen, ist ein Grundmoment seiner Malerei. „Wenn man etwas lange anschaut, wird es weniger schlimm“, sagt Johannes Heisig.

Stadt und Natur

Es springt nicht zuallererst ins Auge, dass es Heisig in seinen Bildern darum geht, die Dinge „weniger schlimm“ zu machen, denn seine Gemälde anzuschauen, ist eine Augenlust. Ob Stadt- und Naturszenen, ob Porträts oder aber jene Werke, die aktuelle Themen aufnehmen wie die Terroranschläge in Paris: Heisig ist kein formstrenger Asket, sondern schwelgt in satten Farben, und die üppige Materialität seiner Bilder tut ein Übriges. Doch gäbe es dieses prachtvolle Festhalten nicht ohne Melancholie. Und manchmal ist sie sogar ängstlich grundiert. Es ist, als wolle Heisig mit seiner Malerei anmalen gegen die Sorge, etwas könnte verschwinden: ein idyllischer See im Thüringer Wald, ein Blumenstrauß, den er bannt in pastoser Pracht, oder aber er selbst, in einer seiner zahlreichen, wie er es nennt: Selbstbefragungen. Mal um Mal scheint Johannes Heisig zu rufen: Seht her, das gibt es! Und damit auch stets zu meinen: Seht her, das denke und fühle ich, seht her, das bin ich!

Johannes Heisig ist der Sohn des großen Bernhard Heisig, der wie der im vergangene Jahr gestorbene Malerbruder Walter Eisler nach Jahren der Mitarbeit im Atelier seines Vaters zu einer vom autoritären Rollenvorbild unabhängigen Bildsprache erst finden musste. In den Jahren nach dem Mauerfall wurde er Rektor der Dresdener Hochschule für Bildende Künste, zog sich dann aber aus der Öffentlichkeit zurück und fand, so scheint es, gerade dadurch ins Weltgeschehen zurück. Dass ihm das Malen das ihm gemäße Medium ist, um etwas über sich und seine Gefühlslage mitzuteilen, machen gerade auch seine zeitgeschichtlich inspirierten Bilder deutlich. Von den Gemälden, die die Frankfurter „Galerie“ noch bis Anfang November zeigt, wären etwa „Die Hafenrundfahrt“, seine „Café-d’Europe“-Variationen oder „’round Midnight“ zu nennen. Im letztgenannten Gemälde rücken ein rauschhaftes Konzert und eine Feuersbrunst, ekstatische Begeisterung und übergroße Angst stramm zusammen: Ohne einen Moment zu fixieren, wie es ein Fotoreporter täte, bündelt Johannes Heisig hier eine nächtliche Schreckenssituation, die symbolisch für eine lange währende Stimmung stehen mag: „’round Midnight“ ist konkret und doch abstrahierend, eine subjektive und doch sehr allgemeingültige Befindlichkeitsstudie.

Maler seiner Zeit

Der Maler als Sprachrohr seiner unruhigen Zeit: Das ist Johannes Heisig, wenn er in einer seinem Vater nicht fernstehenden Manier ein überbordendes Berliner Stadt-Triptychon malt. Er ist es aber auch, wenn er Hornissen malt oder Porträts. Das Porträt der Frankfurter Schriftstellerin Eva Demski übrigens, die ihm 2012 Modell saß und das in der „Galerie“ ebenfalls zu sehen ist, ist schon verkauft. Der Käufer, soviel verraten die Galeristen, wolle das Werk einem Frankfurter Museum stiften.

Bis 5. November, „Die Galerie“, Grüneburgweg 123, Frankfurt. Bis 5. November, Mo bis Fr 9–18 Uhr, Sa 10–14 Uhr. Telefon (069) 9 71 47 10. Internet

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