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Telemann/Portrait/Grafik nach Schneider Telemann, Georg Philipp Komponist Magdeburg 14.3.1681 - Hamburg 25.6.1767. - Portraet. - Aquatinta von Valentin Daniel Preisler, 1750, nach dem verschollenen Gemaelde von Ludwig Michael Schneider. Spaetere Kolorierung. |

Interview mit Dorothee Oberlinger

Georg Philipp Telemann: Wie vom Himmel gefallen

Rund um den 250. Todestag von Georg Philipp Telemann im nächsten Jahr erinnert die Musikwelt an den Vielschreiber unter den Barockkomponisten, der in Hamburg und Leipzig, aber auch in Frankfurt wirkte.

Mehr als 3600 Werke umfasst Telemanns Oeuvre, geistliche Choräle, Opern, Orgelstücke, aber auch Sinfonien für Orchester. Dorothee Oberlinger (47) ist Blockflötistin, Dirigentin und Professorin am Salzburger Mozarteum sowie Botschafterin des „Netzwerks der Telemannstädte“. Sie hat mehrere CDs mit Werken Telemanns eingespielt. Joachim Heinz sprach mit ihr.

Frau Oberlinger, was für ein Mensch war dieser Georg Philipp Telemann?

DOROTHEE OBERLINGER: Ich glaube, dass Telemann – neben der Tatsache, dass er der produktivste Barockkomponist war – ein sehr lustiger und spritziger Typ gewesen ist, eine Art Hans Dampf in allen Gassen mit Begabungen auf vielen Gebieten – heute würde man ihn eine Hochbegabung nennen.

Warum das?

OBERLINGER: Dafür sprechen zum Beispiel seine Autobiografien, von denen er im Laufe seines 86-jährigen Lebens gleich mehrere verfasst hat. Die Art, wie er über sich selbst schreibt, ist selbstironisch und äußerst unterhaltsam. Und so ist auch seine Musik.

Nämlich wie?

OBERLINGER: Sie ist vielfältig. Jemand hat mal so schön gesagt, dass Telemann so lange an der Schale einer Nuss reibt, bis sie golden glänzt – und Bach so lange an dieser Nuss herumwerkelt, bis der Kern der Nuss hervorkommt.

Was meinen Sie damit?

OBERLINGER: Telemann kann Musik in Gewänder packen, auch in modische Gewänder, die zu der Zeit angesagt waren. Zum Schluss komponierte er im Stil der Frühklassik. Bach beherrschte die stilistische Vielfalt und die unterschiedlichen Nationalstile natürlich auch, aber bei ihm steht die Kunst des Kontrapunkts in der sakralen Musik eher im Zentrum. Telemann schrieb viele „Gebrauchsmusiken“, durch ihn entstand eine vitale Kammermusikszene an allen Orten, an denen er wirkte, zuletzt in Hamburg. Wir finden plötzlich eine französische Suite, eine italienische Arie und dann wieder ein deutsches Stück. Oder er bringt polnische Musik mit, die er selber gehört hat in den Kneipen von Krakau und lässt diese Themen in seine Kompositionen einfließen. Dann wieder bringt er ungewöhnliche Instrumente oder Kombinationen von Instrumenten ins solistische Rampenlicht wie die Bratsche oder den Kontrabass.

Ein wahrer Tausendsassa also.

OBERLINGER: Er ist einfach „der“ deutsche Vertreter des sogenannten vermischten Geschmacks und hat viele Stile aus unterschiedlichen Gegenden einfließen lassen. Ein echt europäischer Gedanke. Deswegen war er vielleicht auf dem ganzen Kontinent auch so berühmt, übrigens seinerzeit viel bekannter als Johann Sebastian Bach.

Hinzu kam offenbar eine gewisse Fähigkeit, sich selbst zu vermarkten.

OBERLINGER: Telemann hat etwa eine eigene Monatszeitschrift herausgegeben, den „Getreuen Musikmeister“, den man auch abonnieren konnte. Die eine Ausgabe endete mit einem Sonatensatz, und wenn man die ganze Sonate spielen wollte, musste man sich die nächste Ausgabe kaufen, fast wie im Groschenroman. Ganz schön gewitzt.

Warum nahm Telemanns Beliebtheit nach seinem Tod trotzdem so rasch ab?

OBERLINGER: Vielleicht, weil man bei manchen seiner Werke noch mehr interpretatorisches Vorwissen und die Klangfarben des historischen Instrumentariums brauchte, um seine Musik zum Leuchten zu bringen. Bachs Kompositionen waren dadurch, dass er die „Methode zu Spielen“ konsequent ausnotierte, vielleicht „einfacher“ zu erschließen und wurden dann auch gerne auf jenen Instrumenten, die etwa im 19. Jahrhundert en vogue waren, gespielt, wie Klavier oder Klarinette.

Was ist mit den Opern Telemanns?

OBERLINGER: Die wurden, wie überhaupt sein Werk, im 20. Jahrhundert erst wieder rehabilitiert und aufgeführt. Für die Hörer ab der Mitte des 18. Jahrhunderts, die den Barock nicht mehr schätzten, hatten sie „schwülstige“ und überladene Texte. Und man wollte keine „erzählende“ Musik mehr hören, die diese Texte tonmalerisch ausgestaltet. Man wollte absolute Musik, die für sich selbst sprach. Dabei finde ich, dass es bei Telemann noch so viel Schönes wiederzuentdecken gibt! Viele seiner Arien sind vom Himmel gefallen und haben eine Melodik, die direkt ins Herz trifft.

Welche Stücke empfiehlt die „Telemann-Botschafterin“ dem Musikhörer zur Einstimmung?

OBERLINGER: Ich bin ja ein großer Fan seiner Kammermusik. Empfehlen könnte ich sein Doppelkonzert für Traversflöte und Blockflöte mit einem unglaublich mitreißenden polnischen Schlusssatz, oder auch seine Wassermusik, die programmatische Ouvertürensuite „Hamburger Ebb und Fluth“. Die funktioniert ähnlich wie Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ und macht einfach Laune!

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