Umfangreiches Programm

Germany ist nicht nur blond

  • VonMarcus Hladek
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Die "Europa-Kulturtage" 2016 von Europäischer Zentralbank und Deutscher Bundesbank in Frankfurt und Umgebung haben das Motto "Facettenreiches Deutschland".

Vier große Konzerte und eine Oper stehen auf dem Programm, das diesmal Deutschland selbst gilt und in der Alten Oper vom HR-Sinfonieorchester unter Marek Janowski sowie dem „Atos Trio“ eröffnet wird (17. Oktober). Dazu ein Liederabend im Schauspielhaus, den Lydia Steier zusammenbastelt und inszeniert: eine der gefragtesten Opernregisseurinnen im Lande. Hinzu kommen Ausstellungen im Museum für Moderne Kunst (Florian Hecker: „Formulations“) und EZB-Gebäude (Sammlung der Deutschen Bundesbank), außerdem Autorenlesungen im Literaturhaus zum Thema „Heimat“. Eberhard Rathgeb liest dort aus dem Sachbuch „Am Anfang war Heimat“. Peter Prange stellt seinen historischen Roman über die D-Mark vor: „Unsere wunderbaren Jahre“.

Oper und Tanz

Wie die Mozart-Oper „Idomeneo“, die im Kurtheater Bad Homburg auch Flüchtlinge auf die Bühne bringt (3. November), handelt das Kindermärchen „Die Bremer Stadtmusikanten“ (Papageno Musiktheater) von Flucht und Exil, denn: „Etwas Bessers als den Tod find’st du überall“ (29. Oktober). Zum Abschluss-Event wird die Selbstvorstellung des brandneuen „Dance On Ensembles“, dem Tänzer über 40 Jahren angehören. Christopher Roman, tanzendes Mitglied und Leiter, wurzelt wie mehrere Mittänzer im „Ballett Frankfurt“ unter William Forsythe. Die zwei Tanzabende bringen zunächst die Porträtsoli „7 Dialogues“ zur Musik Matteo Fargions (Choreografen: Ivo Dimchev, Tim Etchells und andere) und Forsythes „Untitled Duo“ (30. November) zur Aufführung. Am 1. Dezember folgt Rabih Mroués „Water Between Three Hands“.

Facettenreicher, als der Titel erahnen lässt, geht es zu, wenn die Amerikanerin Lydia Steier (zweimal nominiert für Deutschlands Theaterpreis „Faust“) eigens einen deutschen Kulturtage-Liederabend schafft und ihn „Kein schöner Land“ nennt. Die Musikauswahl erstreckt sich von der Unterhaltungsmusik der 1960/70er über alte Volkslieder bis zu Bach, Wagner und Schubert. Vorbild der Handlung, die Steier in schreienden Farben als ruinöse Partynacht einer Familie Mustermann neuerzählt, sind die „Ballade vom großen Makabren“ des absurden Dramatikers Michel de Ghelderode, also eines Flamen, und György Ligetis darauf beruhende Oper „Le Grand Macabre“. Dort droht einem fantastisch-mittelalterlichen „Breughelland“ der apokalyptische Untergang im Schweif eines Kometen, was den Auftritt eines falschen Propheten einläutet, der bei Steier zum obdachlosen „Hobo“ wird. Im titelgebenden, urdeutschen Heimatlied von 1840 hieß es: „Kein schöner Land in dieser Zeit,/ als hier das unsre weit und breit,/ Wo wir uns finden/ wohl unter Linden zur Abendzeit!“ Kein Grund (frei nach Brecht), deutschromantisch zu glotzen. Denn der Verfasser, Wilhelm von Zuccalmaglio, hatte wie die Brentanos italienische Vorfahren. Mitten in der deutschen Romantik also steckte schon der befruchtende Beitrag der Migration.

2017 kommt Spanien

Weil die „Kulturtage“ sich auch an Gäste aus aller Welt richten, für die Frankfurt oft eher Heimat auf Zeit ist, kommt ein großer Teil des Programms ohne Sprache aus. Wie schön, dass Musik und Tanz universelle Sprachen sind. Weitere Konzerte stellen denn auch die Weltwirkung deutscher Musik in Rechnung. Mit einem Klassiker der Neuen Musik, Karlheinz Stockhausens „Kontakte“, und aktueller Musik der in alle Welt übergeschwappten Techno- und House-Richtung geschieht das am 28. Oktober im inspirierenden Kunst-Kontext des Städel. Außerdem kommt das Gewandhausorchester Leipzig und wiederholt in der Alten Oper das Musikprogramm seiner ersten Auslandstour von 1916. Musiker der Kammerphilharmonie Bremen stellen wiederum beim Wohltätigkeits-Konzert in der Paulskirche ihr sechstes Stadtteilkonzert „Sehnsucht nach Isfahan“ vor. Schon jetzt wurde das Kulturtage-Land 2017 bekanntgegeben: Spanien. dek

Europäische Kulturatge, verschiedene Veranstaltungsorte, Frankfurt und Rhein-Main-Gebiet. 17. Oktober bis 1. Dezember. Karten zu 6 bis 85 Euro unter Telefon (069) 13 40 400. Internet

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