Ausstellung „Planet 9“

Gespenster und andere Trugbilder

Insgesamt 40 Künstler haben sich für Darmstadt auf die Suche nach dem Unfasslichen begeben – zwischen Malerei, Installation, Film, Theater, Performance und Vortrag.

Ein nackter Mensch sitzt in der Hocke. Da er sich abwendet, entdeckt der Betrachter am Hinterkopf, an Teilen des Rückens und der Pobacken große weiße Flecken – es sind die Partien, die der Mensch normalerweise nicht sieht. Katja Eckert spürt in ihren Zeichnungen der Frage nach, ob die Augen sich selbst sehen können. Diesen blinden Fleck in der Wahrnehmung umkreist die Künstlerin, indem sie Gedanken, Schatten oder die Elster zeichnet, den einzigen Vogel, der sich selbst im Spiegel erkennt, übrigens ähnlich wie Schimpansen und Orang-Utans. So ist Eckert eine „philosophische Zeichnerin“, konstatiert zu Recht Léon Krempel, der Direktor der Darmstädter Kunsthalle.

Katja Eckert ist eine von 40 internationalen Künstlerinnen und Künstlern, die in den nächsten drei Monaten bis 27. August abwechselnd die Kunsthalle bespielen werden. Léon Krempel probiert erstmals ein neues Ausstellungsformat in dem kleinen Haus aus, einen steten Szenenwechsel, einen Parcours zwischen Malerei, Zeichnung, Installation, Film, Theater, Performance und Vortrag. Krempel vergleicht die Schau mit einer Website, an der auch ständig gearbeitet wird. So bietet die Schau immer wieder neue Dialoge; selbst das bereits Gesehene wirkt im Zusammenhang mit Neuem erfahrungsgemäß ganz anders.

Auch thematisch betritt Krempel ein ungewöhnliches Neuland für Kunstfreunde. Vor etwas mehr als einem Jahr wurde ein neunter Planet postuliert, ein Klumpen, der am äußersten Rand des Sonnensystems die anderen Planeten beeinflusst. Freilich wurde er bis heute nicht entdeckt, sondern nur rechnerisch beobachtet aufgrund statistischer Auffälligkeiten. Ein Phantom also, das den eingeladenen Künstlern als Metapher für das Unsichtbare dient. So kann der neunte Planet den Zustand der Erde spiegeln, er steht aber auch für Utopien und Antiutopien.

Die interessanteste Arbeit stammt von Helga Griffiths. Sie führt den Besucher in einen schwarzen Raum, dessen Fußboden eine Mulde hat. So setzt man nur vorsichtig seine Schritte, spürt dem ansteigenden und abfallenden Boden nach. Derweil läuft ein 20-minütiger und von Cellomusik unterlegter Film, der an eine Fahrt durch eine Mondlandschaft erinnert. Aber es handelt sich um das Gehirn der 57-jährigen Künstlerin, das in einem dreidimensionalen Scan abgetastet wird und frappierende Ähnlichkeiten mit einem Himmelskörper hat. Die sutbile Beeinflussung des Betrachters wird ergänzt durch den Duft „Trust“, der seine Wirkung zwar unsichtbar, aber auf Dauer spürbar entfaltet beim freieren Umgang mit anderen Besuchern.

Griffiths spielt mit dem Gleichgewichtssinn, mit dem Sehen, Riechen und Hören – ein synästhetisches Gesamtkunstwerk an der Grenze zur Wissenschaft. Die bisher eher international als national wahrgenommene Künstlerin fragt sich, „ob wir mit der Ausbildung neuer Sinne die Welt und den Kosmos anders wahrnehmen würden“. Und weiter: „Mit unseren derzeitigen Sinnen und unseren heutigen wissenschaftlichen Instrumenten können wir nur weniger als fünf Prozent des gesamten Universums wahrnehmen; der Rest ist dunkle Materie und Energie, die nur indirekt nachgewiesen werden können.“ Der Mensch ist da nur ein kleiner Punkt, aber Griffiths gelingt es, die Sinne zu erweitern und zu sensibilisieren.

Auch andere Künstler versuchen Unsichtbares auszudrücken oder zumindest für einen kurzen Moment festzuhalten. Mila Hundertmark etwa hat alte Dias gesammelt, die sie im großen Kunsthallen-Saal projiziert und dazu Performances aufführt, die alles in Bewegung zeigen. Überall im Raum tauchen Bilder und Menschen auf, huschen hin und her und verschwinden ebenso rasch wieder. Hundertmark spürt Bildern, Klängen und Assoziationen nach, die nur kurz aufblitzen. So fragt sie, was wirklich und was lediglich bloße Vorstellung ist.

Da haben es die Maler wesentlich einfacher. Die Brasilianerin Rosilene Luduvico malt den Rhein auf fast abstrakte Weise. „Ich male die reine Empfindung angesichts der Betrachtung des Wassers“, meint sie. Wieder anders sind die hyperrealistischen Gemälde des Iren Eoin Mc Hugh. Für Krempel handelt es sich um „surreale Kopfgebilde, denn die Schau soll nicht platt den Weltraum illustrieren“. Auch Mc Hugh spricht davon, dass man das Unbekannte zwar fühlen oder erleben, aber nicht darstellen könne.

Gefragt sind also die Intuition des Künstlers und das Einfühlungsvermögen des Betrachters. So bietet die Schau ein faszinierendes Spiel mit einem Phantom.

Kunsthalle, Steubenplatz 1, Darmstadt. Bis 27. August, dienstags, mittwochs und freitags 11–18 Uhr, donnerstags 11–21 Uhr, samstags und sonntags 11–17 Uhr. Eintritt 7 Euro (Ausstellungszeitung inbegriffen). Telefon (06151) 89 11 84. Internet

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