Gewaltig wogte das Meer

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Vor 50 Jahren fand sich im Darmstädter Chemieunternehmen ein Betriebsorchester zusammen. Daraus entwickelte sich die professionelle „Deutsche Philharmonie Merck“. Sie lud nun zum Jubiläumskonzert in Kloster Eberbach.

Dort war vor Wochenfrist das Rheingau-Musik-Festival mit seinem Motto „Klanggewalten“ zu Ende gegangen – dieses Konzert hätte wunderbar ins Programm gepasst! Wann hört man in unseren Breiten schon mal die pompöse „Sea Symphony“ von Ralph Vaughan Williams? Der 1958 verstorbene Verfasser des patriotischen Buches „National Music“ – weshalb seine Musik in Deutschland lange Zeit tabu war! – fügte hier dem großen sinfonischen Apparat einen ebenso großen Chor hinzu.

Die Hundertschaft singt Verse von Walt Whitman. Der bedeutende amerikanische Lyriker thematisiert das Meer als Naturgewalt, als Metapher für Stille und Freiheit und als Medium der Entdeckerfreude. Der Chor ist, wie ein Teil des Orchesters, ständig präsent, Gesang und Instrumente durchdringen und vereinen sich. Frankfurter und Darmstädter Kantorei hatten das ungewohnte, schwere Stück gut gelernt, steuerten sicher durch komplexe Rhythmen, vertrackte Einsätze und dynamische Wogen, lediglich ein paar stabile Sopran-Höhen hätten dem Klang noch gut getan. Stimmlich gut gepolstert verfehlten die eingestreuten hymnischen Effekte – Vaughan Williams sammelte zeitlebens Volkslieder – ihre emotionalen Wirkungen nicht; kleinere Partien gab der Komponist, dessen Musik in konservativer Grundhaltung „typisch englisch“ wirkt, an zwei Solisten, hier den stämmigen Bariton Duncan Rock und die an ihre Grenzen getriebene Sopranistin Máire Flavin.

Das vom jungen Joseph Bastian umsichtig gesteuerte Orchester musste sich in der toleranten Akustik nicht zurückhalten; Freunde gepflegten pianos kamen eher bei der vorausgegangenen „Unvollendeten“ Schuberts auf ihre Kosten, deren Konturen auch wegen nicht zu schneller Tempi gut zu vernehmen wahren. Ein würdiges Konzert!

(bom)

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