Georg Baselitz (links) steht vor seinem Bild ?Versperrter Maler? zusammen mit Max Hollein, der die Ausstellung kuratiert hat.
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Georg Baselitz (links) steht vor seinem Bild ?Versperrter Maler? zusammen mit Max Hollein, der die Ausstellung kuratiert hat.

Baselitz-Ausstellung im Städel

Es gibt keine Helden mehr

  • Dierk Wolters
    vonDierk Wolters
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Vor 50 Jahren war die Welt noch in Ordnung – nur nicht für einen jungen Maler aus Deutschbaselitz. Statt Aufbruchsglücks sah er überall die Altlasten des Kriegs.

Wir schauen ein halbes Jahrhundert zurück und sehen: Das Leben ist eine Verheißung. Nun gut, da gab es einen Krieg, zwei Jahrzehnte zuvor. Doch längst ist alles prächtig am Gedeihen, zumindest im Westen. Augen nach vorn, die Zukunft im Blick: In Wirtschaftswunderdeutschland regiert der Optimismus.

Nichts davon lassen Georg Baselitz’ „Helden“ spüren: gedrungene Männer mit breiten Schultern und kleinem Kopf, manche im Kampfanzug, immer allein, in einer chaotischen, oft zerborstenen und blutdurchtränkten Umwelt. Auch die Porträtierten selber sind nicht intakt. Gezeichnet von namenlosem Leid, irren ihre Blicke in die Ferne, als fänden sie da, wo sie stehen, keinen Halt.

Die Hände oft schutzlos nach außen gekehrt, die Kleidung zerfleddert, zerrissen, die Hose stellt das Geschlecht offen zur Schau. Es sind Männer, die nicht wissen, wohin sie gehören – eine gewaltige Lebenslast. Deren Finger eingeklemmt sind von fiesen Schraubstockmechanismen – was kann es Schlimmeres für einen Maler geben? Männer, die „Der Hirte“ heißen oder „Der Maler“, aber nichts mehr zu hüten haben und nichts mehr zu malen. Es sind Helden, die keine Helden sind. Menschen, die ausgezogen waren, um zu siegen. Und nun vor den Trümmern ihrer Existenz stehen. Möglicherweise sogar vor den Trümmern jeglicher Existenz.

In nicht einmal zwölf Monaten hat Baselitz diese Bildergruppe 1965 und ’66 gemalt. Sie bilden den Kern der bis 23. Oktober laufenden Schau. Auf zwei Etagen sind 40 Gemälde und 30 Zeichnungen zu sehen: Die großzügige Hängung tut den Werken gut, jedes von ihnen ist ein Solitär und braucht reichlich Platz, um seine Wirkung zu entfalten. Was mag den jungen Künstler, damals 27 Jahre alt, in seine fundamentale Oppositionshaltung getrieben haben? Noch dem heutigen Betrachter nimmt sie den Atem.

Hans-Georg Kern, 1938 im sächsischen Ort Deutschbaselitz geboren, hatte seine Kindsjahre in der Nazizeit verbracht. Hatte als Heranwachsender die Rückkehr manches gebrochenen Helden beobachten können. Um dann, als er 1957 nach West-Berlin ging, festzustellen, dass hier zwar mehr glänzte als im Osten, die Freiheit jedoch nur geborgt war, „aus Paris oder Amerika“.

„Mit dem, was die Maler machten, war ich nicht einverstanden“, erzählt Baselitz. Das klingt zunächst harmlos. Wer aber um die Unbeugsamkeit dieses Mannes weiß, mag ahnen, dass in diesem Satz Baselitz’ ganze Zukunft durchscheint. Denn wenn einer wie er „nicht einverstanden“ ist, dann macht er eben alles anders. Und alles heißt: alles.

Die „Helden“ sind zwar jene Bilder, die noch vor seinen Verkehrtherum-Gemälden entstanden, damit begann er 1969. Doch in zeitgenössischen Augen machte er schon mit diesen Bildern viel verkehrt: malte figurativ, nichts war verpönter als das. Und blickte, wo alle sich die Zukunft schön träumten, trotzig zurück. Selber orientierungslos und im tiefen Zweifel gegen die Beglückungsversprechen jeglicher politischer Systeme, entdeckte er: „Nach hinten schauen macht den Visionär aus.“ Dass er damit provozierte, war klar: Denn unter großen Mühen hatte man alles, was mit der Drangsal des Krieges zusammenhing, gerade erst verdrängt. Und jetzt kam einer, der verlangte, genau dorthin zu blicken. Und mehr noch: der in der Gegenwart die Vergangenheit durchschimmern sah.

Seine letzte Frankfurter Ausstellung hat der bisherige Städel-Chef Max Hollein gemeinsam mit Eva Mongi-Vollmer kuratiert. „1965 war vor 1968“, bringt sie die Einzigartigkeit von Baselitz’ damaliger Malerhaltung auf den Punkt. Baselitz hält in seinen antiheldischen Helden-Bildern nicht nur der prosperierenden Bundesrepublik einen reichlich vergangenheitsdreckigen Spiegel vor. Er bezieht mit ihnen auch Stellung zur Position des Malers in der Gegenwart. Ein Nestbeschmutzer war er also auch noch!

In seinen Bildern finde er seine „große Isolation“ wieder, sinniert Georg Baselitz, ein halbes Jahrhundert später in Frankfurt die Gemälde seiner jungen Jahre abschreitend. Das Seltsame sei, sagt er weiter: Keines seiner Bilder habe sich bislang einfügen lassen in eine kunsthistorische Strömung. Baselitz, das ist ein Großer, Einzigartiger. Das Gegen-den-Strom-Schwimmen ist sein Prinzip, nicht um des Prinzips willen, sondern weil er, der große Sture unter den Gegenwartsmalern, gar nicht anders kann.

Längst lebt Baselitz in Österreich. In Deutschland geriet er zuletzt in die Schlagzeilen als unversöhnlicher Gegner des deutschen Kulturschutzgesetzes, das die Ausfuhr nationalen Kulturguts beschränken will. Vor einem Jahr zog er Dauerleihgaben aus deutschen Museen zurück. Das Misstrauen gegen jegliche Bevormundung durch politische Systeme gehört zu Baselitz’ innerstem Schaffensantrieb. Als Maximal-Individualisten zeigt ihn auch diese Städel-Ausstellung. Einzigartig, obwohl noch nicht verkehrtherum.

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