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Gleichgültigkeit ist kälter als der Tod

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Von: Axel Zibulski

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Die Oper Frankfurt hat sich als erste Saison-Premiere Helmut Lachenmanns „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ vorgenommen.

In der Mitte von allem sitzt: ein Meerschweinchen. Auf einer blauen Matte, groß gefilmt, von einem Mann allmählich in Beziehung zu sich gesetzt. Er streichelt es, birgt es, wischt den Urin weg. Das possierliche Tierchen muss man sympathisch finden, beschützen wollen. Womit es ihm besser geht als dem „Kleinen Mädchen mit den Schwefelhölzern“, das Hans Christian Andersen 1845 in ein tief trauriges Märchen und auf die kalte Straße einer skandinavischen Neujahrsnacht schickte. Wo es seine Streichhölzer wärmend anzündet, bis es am nächsten Morgen erfroren und unbeachtet daliegt.

Eine „Musik mit Bildern“ hat der 1935 geborene Komponist Helmut Lachenmann aus Andersens Märchen entwickelt, die 1997 an der Staatsoper Hamburg uraufgeführt und eine der bedeutendsten Opern des 20. Jahrhunderts wurde. Auch die Oper Frankfurt eröffnete nun mit einer Neuinszenierung des pausenlos-zweistündigen Werks ihre neue Saison. Die Premiere ist in jeder Hinsicht ein großartiger Erfolg geworden, auch wenn während der Aufführung immer wieder einzelne Zuschauer das Opernhaus verließen und es am Ende manche Buh-Rufe für den Komponisten wie für den Regisseur Benedikt von Peter gab – neben riesigem Beifall.

Eisiger Theaterplatz

Die Vorstellung beginnt eigentlich draußen, auf dem Willy-Brandt-Platz, der in Winterzeiten selbst eine eiskalte Spielfläche des Märchens sein könnte. Ein heißluftgefülltes Riesen-Mädchen mit Streichholzpackung steht da; nach der Vorstellung wird es gefallen sein. Zugegeben: ein eher banal verspielter Rahmen-Gag. Drinnen, in Gängen und Foyers, lassen Darsteller ihre Stimmen über Schalltrichter tönen. Durch die Scheiben sind die Frankfurter Insignien des Kapitalismus, das Euro-Symbol, die Hochhäuser, zu sehen. Andersens Mädchen blickt durch Fenster in warme Stuben.

Im Zuschauerraum der Oper umkreisen auf den Rängen Musiker des Frankfurter Museumsorchesters ebenso wie die Sänger des ChorWerks Ruhr das Publikum. Der Chor hatte bereits vor zwei Jahren bei der Ruhrtriennale in Bochum Lachenmanns Kaskaden von Flüstern, Rascheln, Glucksen, Klatschen, Schreien in äußerster Synchronisation übernommen, damals in musikalischer Partnerschaft mit dem HR-Sinfonieorchester. Dem stehen die Kollegen des Frankfurter Opern- und Museumsorchester nun unter der Leitung ihres ehemaligen Kapellmeisters Erik Nielsen überhaupt nicht nach in Sachen Verinnerlichung der weit ins Geräuschhafte entgrenzten, aber doch streng konstruierten Musik Lachenmanns.

Benedikt von Peter hat „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ mehr installiert als inszeniert: Auf einem schmalen Streifen über dem geschlossenen Orchestergraben spielt Michael Mendl stumm den „Mann“, der samariterhaft seine Jacke über das Meerschweinchen streift und dem in den letzten der 24 Szenen die Sho-Spielerin Mayumi Miyata zur Seite steht. Helmut Lachenmann selbst tritt auf und rezitiert mit verfremdenden Silben-Rochaden Leonardo da Vincis Text vom Wanderer vor einer Höhle. Ganz klar lässt Benedikt von Peter dagegen immer und immer wieder den Andersen-Text einblenden, dessen Worte auf die Ränge, die Wände, die Bühne der Oper Frankfurt projiziert werden, auf der ebenfalls Zuschauer Platz genommen haben, unter Orchestermusikern auf der ersten Bühnen-Etage.

Musik und Geräusch

Ganz konkret fängt uns in dieser Raumkonstellation neben den Worten aber auch die Musik ein, das eisige Knarzen der tiefen Streicher, das entzündende Rascheln von Styropor: Vor allem bleibt „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ in der szenischen Frankfurter Erstaufführung ein Hörtheater, dem die Solo-Sopranistinnen Christine Graham und Yuko Kakuta entrückte Spitzen verleihen. Am Rand steht das eingespielte Zitat aus einem Brief der späteren RAF-Terroristin Gudrun Ensslin, mit der Lachenmann im deutschen Nachkriegs-Südwesten aufgewachsen war. Indem Benedikt von Peter das „Mädchen“ nicht nur als Erklärungsmodell sozialer Kontexte bis hin zur Entwicklung terroristischer Gewalt bemüht, liegt auch darin: Empathie.

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