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Goethe kommt mit einem blauen Auge davon

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Unter Nazis: Faust (Charles Castronovo, links), Marguerite (Magdalena Kozena) und Mephistopheles (Florian Boesch).
Unter Nazis: Faust (Charles Castronovo, links), Marguerite (Magdalena Kozena) und Mephistopheles (Florian Boesch). © Soeren Stache (dpa)

Terry Gilliam, Mitbegründer des Comedytrupps „Monty Python“, hat für die Berliner Staatsoper den „Faust“ mit britischem Nazi-Humor neu inszeniert.

Es gibt wohl kein bedeutenderes und öfter zitiertes Werk der deutschen Literatur als Goethes „Faust“. Dabei hat die Geschichte um den grüblerischen Doktor Johannes Faustus, der einen Pakt mit Mephistopheles, dem Teufel, eingeht, nicht nur den Frankfurter Dichter zu seiner weltberühmten Tragödie inspiriert. Vor allem im 19. Jahrhundert traf der „Faust“-Stoff bei den europäischen Komponisten auf großes Interesse. Und so kam es, dass auch der Franzose Hector Berlioz den reizvollen Stoff in seiner Oper „La Damnation de Faust“ (Fausts Verdammnis) verarbeitete. In Goethes Geburtsstadt Frankfurt hatte Berlioz’ Meisterwerk zuletzt im Juni 2010 Premiere am Opernhaus – in einer Inszenierung von Harry Kupfer. Der Regie-Altmeister brachte den „Faust“ als Theater im Theater auf die Bühnen, in der Fausts Traumwelt recht handfest gezeigt wurde. Doch im Vergleich zur neuen Berlioz-Inszenierung an der Berliner Staatsoper, die dort noch bis 11. Juni zu sehen ist, war Harry Kupfers Frankfurter Regiearbeit sehr konventionell.

Im braunen Sumpf

In der Berliner Inszenierung verkauft Faust seine Seele an die Nazis, und Gretchen wird in ein Konzentrationslager deportiert: Regisseur Terry Gilliam, Mitbegründer der britischen Comedytruppe „Monty Python“, hat Goethe tief in den braunen Sumpf gezogen. Hakenkreuz und Hitlergruß, braune Uniformen und gelbe Davidsterne – der Amerikaner lässt in seiner Version von Berlioz’ „La Damnation de Faust“ an der Berliner Staatsoper die SA-Puppen tanzen.

Ist das alles nur abgedroschen oder schon ein Skandal – zur Premiere gab es vereinzelte Buhrufe für die Inszenierung, aber viel Beifall für das Ensemble unter Sir Simon Rattle. Gilliam hatte die Inszenierung 2011 für die English National Opera produziert, Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm holte sie in das Schiller-Theater.

Die 1846 uraufgeführte Werk ist eine Mischung aus Oper und Oratorium, Berlioz hat sich nur lose auf die literarische Vorlage gestützt. Während bei Goethe der Held ein Grübler ist, taucht er bei Berlioz als Naturliebhaber auf, der sich vom Weltgetümmel gestört fühlt.

Schrill, schriller, Gilliam – der Regisseur von erfolgreichen Filmen wie der Mantel-und-Degen-Klamotte „Die Ritter der Kokosnuss“ oder der bizarren Utopie „Brazil“, hat sich mit seinem „Faust“ an den Deutschen abgearbeitet. Gilliam will einen Bogen schlagen von den Preußen zu den Nazis, von der Romantik in die Moderne. Was sich als Wanderung durch germanische Seelenlandschaften andeutet, endet dann doch im hölzernen Klischee.

Gleich am Anfang spaziert bei Gilliam der Titelheld vor Caspar David Friedrichs Kreidefelsen, dann streitet Bismarck mit Pickelhaube um eine Portion des europäischen Kuchens, später wird Hitler vom Obersalzberg auf die Berge blicken, während unten das Gemetzel stattfindet. Zwischen Bauhaus-Wohnungen und deutschem Wald marschieren stramme Turner in Leni-Riefenstahl-Ästhetik (Bühnenbild: Hildegard Bechtler, Kostüme: Katrina Lindsay), der Zugwaggon mit den Deportierten wird durch die spärlichen Lichtschlitze angedeutet.

Das sind einprägsame Bilder, auch stark vom Kino und vom Comic bestimmt, etwa wenn Faust und Mephisto zur Rettung Marguerites auf dem Motorrad davonfahren. Wie in alten Filmen lässt Gilliam die vorbeiziehenden Landschaften projizieren, hier passen Berlioz’ pulsierende Musik und die Szene einmal zusammen.

Doch ansonsten hat es die Musik nicht leicht, sich gegen den Bild-Overkill zu behaupten. Simon Rattle steuert die Staatskapelle Berlin mit Bravour durch diese Klippen, gestützt auf seine Frau, der Mezzosopranistin Magdalena Kozena als Marguerite, Charles Castronovo in der Titelpartie und Florian Boesch als stimmgewaltigen Méphistophélès – und einem fabelhaften Chor (Leitung: Martin Wright).

Ob das „Ministerium für alberne Gänge“, das „Kommunisten-Quiz“ oder das „Fußballspiel der Philosophen“ – Gilliam, John Cleese und die anderen von „Monty Python’s Flying Circus“ haben wunderbare Sketche geschaffen. Etwas von jener (absurden) Leichtigkeit hätte gewiss auch diesem „Faust gut“ getan.

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