Ausstellung

Goethes Großvater brauchte es vom armen Schneider zum Self-Made-Millionär

  • Dierk Wolters
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„Monsieur Göthé“, das Erfolgsbuch über Goethes unbekannten Großvater väterlicherseits, findet nun auch seinen Niederschlag im Frankfurter Goethehaus.

Zum Schluss besaß Friedrich Georg Göthé ein mehr als stattliches Vermögen. Umgerechnet, sagt Joachim Seng, Leiter der Bibliothek im Freien Deutschen Hochstift, mögen es um die 4,5 Millionen Euro gewesen sein. Zu diesem Vermögen zählten neben 16 Säcken mit Geld Wein und Häuser – allem voran der „Weidenhof“, ein prächtiges Hotel in bester Zeil-Lage.

Dabei hatte „Monsieur Göthé“ denkbar klein angefangen: In Artern (Sachsen-Anhalt) wurde er 1657 geboren, als Sohn eines Hufschmieds. Früh schon lernte er das Schneiderhandwerk und ging auf ausführliche Wanderschaft. Zwölf lange Jahre war er unterwegs. Seine Reise führte ihn bis ins ferne Lyon, wo er mehrere Jahre gelebt haben muss. Schließlich ging es nach Frankfurt: auffällig zielstrebig, wie Seng und seine Forscherkollegen Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz feststellten, die über diesen „unbekannten“ Großvater ein reich illustriertes Buch in der „Anderen Bibliothek“ veröffentlicht haben.

Denn als Göthé, wie sich der Großvater nach seinen Auslandsjahren vornehm französisiert nannte, in die Stadt am Main kam, ging alles sehr schnell: Verlobung, Hauserwerb, Eintragung ins Meisterbuch, all das binnen weniger Monate. Hat Göthé Frankfurt als Handelsstadt gereizt, weil es ihn an Lyon erinnerte? Hatte er hier womöglich schon früher, während seiner Gesellen-Wanderschaft, seine spätere Frau kennengelernt?

Talent und Ehrgeiz

All dies muss Spekulation bleiben. Unterlagen findet man kaum, so wie es auch nur ein einziges Bild gibt, von dem man annimmt, es könnte sich um des Schriftstellers Großvater väterlicherseits handeln.

Nachweisen lässt sich allerdings, dass es nun mit der Karriere rasant bergauf ging: Bald schon war Friedrich Georg Göthé einer der angesehensten (und wohlhabendsten) Schneider der Stadt, ergatterte nach wenigen Monaten sogar einen Auftrag am Hof in Darmstadt – was durchaus für Neid und Argwohn sorgte. Die hohe Qualität seiner Arbeiten allerdings lässt sich bezeugen – etwa durch eine Rechnung, die er anlässlich eines Prozesses vorlegte, und die zeigt, wie fein und mit welchen Materialien (unter anderem Silberborten) er arbeitete.

Dennoch ließ Göthé all dies ruhen, als er 1705 zum zweiten Mal heiratete. Seine erste Frau war fünf Jahre zuvor im Kindbett verstorben. Seine zweite Frau nämlich, Anna Elisabeth Schellhorn, geborene Lutz, brachte den „Weidenhof“ in die Ehe – ein prächtiges Hotel auf der Frankfurter Zeil, das Göthé fortan gemeinsam mit seiner Gemahlin führte. Hier wuchs Johann Caspar Goethe auf, Johann-Wolfgangs Vater, der seine Abneigung gegen Gasthöfe allerdings zeitlebens nicht ablegte. Wie er überhaupt über seinen Vater wenig erzählte.

Karriere und Wohlstand

Das mag damit zusammenhängen, dass Göthé aus einfachsten Verhältnissen stammte, Johann Caspar aber um sozialen Aufstieg immens bemüht war, so wie der am Weimarer Hof protegierte Dichter-Sohn später ebenfalls. Goethe erwähnt seinen Vorfahren selbst in seiner Autobiografie „Dichtung und Wahrheit“ kaum: Freilich starb dieser Großvater auch schon 1730 – knapp 19 Jahre vor Goethes Geburt, während ihn der ungleich berühmtere Textor-Großvater (mütterlicherseits) mehr als zwei Jahrzehnte seines Lebens begleitete.

Die Ausstellung im Arkadensaal zeigt das Leben dieses weithin unbekannten Dichter-Vorfahren nun in jenen Spuren, die die drei Buch-Autoren ausgruben, sowie in herrlichen Objekten aus den Archiv-Tiefen im Freien Deutschen Hochstift. Zu sehen sind beispielsweise Fotografien des (verschandelten, jedoch noch erhaltenen!) Geburtshauses in Artern, eine herrliche Familienbibel aus dem Besitz des Bruders, auf dessen Vorsatzseite er ausführlich die Hochzeit von Friedrich Georg beschreibt, die Eintragung im Frankfurter Meisterbuch, Prozess-Dokumente und vieles mehr.

Das Geld, das Göthé im Lauf seines arbeitsamen Lebens verdiente, trug erheblich zum Wohlstand des Vaters Johann Caspar und mithin auch zu dem des Enkel-Dichters bei. Darüber hinaus zeigt dieses Ausstellungs-Porträt jedoch eindrücklich, welch strebsamer, willensstarker und unabhängiger Geist Goethes Großvater gewesen war: einer, der seinen Weg ging, sich nicht beirren ließ und am Ende seines Lebens auf eine steile Karriere zurückblicken konnte.

Monsieur Göthé

Bis 25. Februar, Goethehaus Frankfurt, Großer Hirschgraben 23–25. Geöffnet täglich 10–18, So bis 17.30 Uhr. Eintritt 7 Euro. Am 24. Januar um 19 Uhr sprechen Direktorin Anne Bohnenkamp-Renken und der Rechtshistoriker Michael Stolleis über einen kuriosen Prozess, es lesen Michael Quast und Anna Zemenkowa.

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