Bayreuther Festspiele

Die Götter sind doch auch nur Gangster

  • VonAxel Zibulski
    schließen

Marek Janowski (77) dirigiert zum ersten Mal bei den Bayreuther Festspielen und macht im „Rheingold“ neugierig auf den weiteren „Ring des Nibelungen“.

Es sind die Festspiele der späten Dirigentendebüts. Das Jahr 2016 kann sich der gebürtige Dresdner Hartmut Haenchen (73) ebenso als persönliche Bayreuth-Premiere in den Lebenslauf schreiben wie sein Kollege Marek Janowski (77), zuletzt 13 Jahre lang Chef des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin.

Sein Zyklus mit allen in Bayreuth gespielten Wagner-Opern, den er in der Berliner Philharmonie leitete, hat Janowski für die Festspiele interessant werden lassen, auch wenn er Opern aus erklärter Distanz zum modernen Regietheater in den vergangenen Jahren konsequent konzertant aufführte.

Schon jetzt ist es also eine Ironie der jüngsten Festspielgeschichte, dass Janowski ausgerechnet den heftig umstrittenen „Ring des Nibelungen“ aus der Regie-Werkstatt von Frank Castorf (65) ins vierte Bayreuther Jahr führt. Denn szenisch hat sich nichts Wesentliches geändert. Der Öl- und Kapitalismus-Krimi, den der Berliner Theatermann erzählt, startet am schmuddeligen „Golden Motel“ an Amerikas Route 66, mit Tankstelle, Straßenkreuzer, leichten und blonden Rheintöchtern, göttlichen Mafiosi und einem versifften Swimming Pool, der das Rheingold ebenso birgt wie die Fast-food- und Alkohol-Reste.

Etwas fällt in diesem Jahr deutlicher ins Auge: Einen Tag nach der „Parsifal“-Premiere, in der Regisseur Uwe Eric Laufenberg die Sängerdarsteller manchmal auf der Bühne stehsingen ließ, hebt sich Castorfs perfekte Personenführung davon souverän ab. Sein exaktes Timing der Bewegungen, das genau justierte Ineinandergreifen von Szene, deren vergrößernder Projektion auf die immer präsente Leinwand sowie die Videoeinspielungen schaffen eine komplexe, wenn auch nicht immer der Musik zu ausreichender Geltung verhelfende Einheit. Aber eben eine Einheit.

Extrem langsam

Während Hartmut Haenchen für die „Parsifal“-Premiere kaum drei Probenwochen geblieben waren, stand Marek Janowskis spätes Debüt seit vergangenem Jahr fest. Es war lange ausgemacht, dass Kirill Petrenko, der zuletzt Bayreuths Musikdirektor Christian Thielemann aus dem Rennen um den Chefposten bei den Berliner Philharmonikern geschlagen hatte, den Festspielhügel nach drei „Ring“-Jahren verlassen würde. Dass Janowski nicht sofort Petrenkos kalkulierte Perfektion erreichen würde, war klar, dass der „Ring“ musikantisch spontaner, glutvoller werden könnte, zu erwarten. Ausrechenbar jedenfalls blieb hier wenig.

Im Vorspiel räkelten sich die Hörner und Violoncelli extrem langsam in die Höhe, beim finalen Einzug der Götter in Walhall tönte das Forte nachdrücklich. Alles, was dazwischen lag, ließ den „Ring“-Auftakt je nach Geschmack als orchestral variabel oder eben uneinheitlich erleben.

Nicht nur Janowski am Dirigentenpult, sondern auch neun der 14 „Rheingold“-Solisten gaben ihr Bayreuther Rollendebüt. Ein Wechsel, der insgesamt das vokale Niveau nicht anhebt. Als komplett neue Rheintöchter-Riege haben Alexandra Steiner, Stephanie Houtzeel und Wiebke Lehmkuhl erfreulich schnell zum Synchronsingen gefunden, und Roberto Saccà, nun der clevere Feuergott Loge, opfert seine tenorale Präzision kaum je der szenischen Aktion. Andere lassen dagegen einmal mehr fragen, warum in Bayreuth nicht wenigstens die Besseren des Wagner-Fachs zu hören sind. Iain Patersons Wotan geht schon in der mittleren Nibelheim-Szene die Puste aus, Tansel Akzeybek schlingert als Froh intonatorisch bedenklich, während Sarah Connolly (Fricka) und Caroline Wenborne (Freia) vokal kein Profil entwickeln können. Ein Gewinn ist der stattlich-kantable Bass Karl-Heinz Lehner (Fafner), dem Frankfurter Publikum als Baron Ochs aus dem „Rosenkavalier“ von Richard Strauss noch frisch in Erinnerung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare