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Auf Childishs Ölgemälde ?Sea of Galilee (version z)? von 2012 fliegt eine Propellermaschine über den See Genezareth. Abb.: Opelvillen

Billy Childish-Ausstellung

Wie ein van Gogh - nur kühler in den Farben

Der britische Punk-Musiker und Poet Billy Childish malt auch, aber inspiriert von dem niederländischen Künstler und deutschen Klassikern der Moderne, wie die Schau in den Rüsselsheimer Opelvillen zeigt.

Von CHRISTIAN HUTHER

Was für ein kecker Name! Kaum jemand würde wohl als Künstlernamen das wenig schmeichelhafte Eigenschaftswort „kindisch“ wählen, auch wenn das englische Wort „childish“ nicht sofort für alle verständlich ist. Aber wenn man von Geburt an bürgerlich-langweilig William Charlie Hamper heißt, nach einer verkorksten Kindheit zum Punk-Musiker wird und das bis heute ist, darf man sich in Großbritannien auch Childish nennen und den Allerweltsvornamen Billy wählen.

Dieser Billy Childish ist allerdings mit seinen mittlerweile 55 Jahren immer noch ein Tausendsassa. Mehr als 140 Musikalben hat er aufgenommen, rund 40 Gedichtbände und fünf Romane veröffentlicht. Und malen tut er auch. Gar nicht mal so schlecht, wie jetzt die Rüsselsheimer Opelvillen in der ersten deutschen Einzelausstellung des Universalkünstlers bis 26. Juni zeigen. Die am kommenden Sonntag, 11 Uhr eröffnende Schau versammelt rund 20 großformatige Gemälde aus den vergangenen fünf Jahren.

Das ist nur ein kleiner Bruchteil dessen, was er gemalt hat, fast 2000 Bilder seit seinem zwölften Lebensjahr. Ein Großteil der figurativ-expressiven Werke zeigen freilich den Künstler oder seine Familie. Der Eindruck drängt sich also auf, dass der Mann mit dem markanten Schnauzbart, der gern Anzug und Hut trägt und dazu Zigarre raucht, ein genialer Selbstdarsteller ist.

Doch Childish scheint ohnehin aus der Zeit gefallen zu sein, er orientiert sich an Vorbildern, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert gelebt haben. Die deutsche Kunst und Literatur von Max Beckmann und Ernst Ludwig Kirchner bis zu Hans Fallada haben es dem Legastheniker besonders angetan. Noch wichtiger aber ist Vincent van Goghs Einfluss. Tatsächlich erinnern vor allem die Blumenstillleben in der Malweise an van Gogh, nur ihre Farbigkeit ist anders, viel kühler. Diese Art von unzeitgemäßer Malerei macht Childish zum Außenseiter. So ist es nicht verwunderlich, dass der Autodidakt erst seit wenigen Jahren erfolgreich ist und auf dem Kunstmarkt gute Preise erzielt. Das verdankt er der beharrlichen Arbeit, obwohl er ungeduldig ist, wie Opelvillen-Chefin Beate Kemfert erzählt.

Für ein Musikalbum geht er höchstens drei Tage ins Studio, für ein Gemälde braucht er vier Stunden. Dennoch scheint jedes Bild sicher gemalt, jeder Strich mit Ölfarbe und Kohlestift zu sitzen. Man sollte ihn also, trotz seines provokanten Namens, ernst nehmen. Vielleicht mehr, als es Tracey Emin tat, seine frühere Lebensgefährtin und die Dame, die Relikte ihres Liebeslebens als Kunst verkauft, etwa ein zerwühltes Lotterbett. Tracey Emin jedenfalls hielt nichts von Childishs Festhalten an der Malerei. Sie meinte, dass seine Kunst steckengeblieben sei, so wie er selbst. Doch zur Konzeptkunst konnte sie ihn nicht bringen.

Mit dem grob Gepinselten kann sich Childish manches von der Seele malen, ehrlich und expressiv, brutal und banal, zynisch und zerbrechlich. Ein Spätromantiker des 21. Jahrhunderts, der die Kunstgeschichte rückwärts erkundet, ähnlich wie er das in seiner Musik macht und auch vor Seemannsliedern, Blues oder Rock ’n’ Roll nicht zurückschreckt.

Vom Kommerz hält er ohnehin nicht viel, er produziert lieber seine Musik bei kleinen, unabhängigen Firmen. Dennoch ist sein Einfluss sehr groß. „Die Toten Hosen“ etwa nennen ihn als wichtige Inspiration. So widmet die Schau seiner Musik und Literatur eigene Räume und zeigt Childish als Urgestein der Punk-Szene. Als Maler jedoch nutzt er gern Fotos als Vorlagen, ähnlich wie sein gleichaltriger, aber ungleich bekannter gewordener Freund Peter Doig. Der Schotte, seit geraumer Zeit in Düsseldorf lehrend, konzentriert sich auf Landschaften, Childish indes hält sein engeres Lebensumfeld fest.

Doch die Gegenwart klammert er oft aus, nicht nur durch das Tragen steifer Anzüge oder das Vermeiden von Flugzeugreisen. Auch seine Gemälde zeigen historische oder idealisierte Landschaften. Sein betagter Fährmann auf dem Fluss basiert auf einem alten Foto, seine im Fluss reizvoll gespiegelte Baumallee ist eine Erfindung, in Wirklichkeit stehen dort Industriebauten.

Den Impressionen dieser heilen Welt steht Billy Childishs ungeschliffene Malerei gegenüber, die voller kleiner Ornamente und Muster ist. Dazu passen die oft gemalten Birken mit ihrer fleckenhaften Baumrinde. Childish hat ein gutes Gespür für Farben, verwandelt etwa die Erde in ein schillerndes Lila – ein Farbmagier, der daraus surreale Funken schlägt.

Opelvillen, Rüsselsheim, Ludwig-Dörfler-

Allee 9. Vom 23. März bis 26. Juni. Geöffnet mittwochs und freitags bis sonntags

10–18 Uhr, donnerstags 10–21 Uhr.

Eintritt 8 Euro. Telefon (0 61 42) 83 59 07. Internet

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