Ausstellung

Goldene Schüsse auf die Wände sind durchaus erlaubt

Werke von Julian Irlinger, früherer Frankfurter Städelschüler, ergänzen diesmal die herkömmliche Präsentation des Darmstädter Künstlerverbands.

Einen von 15 Künstlernamen wird sich der Besucher ganz sicher merken. Denn Peter Ruehle malt einfach seinen Namen auf Leinwände, etwa mit weißer oder roter Farbe auf schwarzem Hintergrund. Neben den Farben wechselt Ruehle auch die Schrift – bis hin zum Barcode, der eigentlich bei Supermarktkassen gebräuchlich ist. Mit diesem witzigen, aber auch hintersinnigen Trick macht der gebürtige Dresdner, der vor allem Landschaften malt, geschickt auf sich aufmerksam, zumal die Gruppenschau in der Darmstädter Kunsthalle bewusst auf Schilder verzichtet. „Die Besucher sollen sich auf die Werke konzentrieren“, meint Kunsthallen-Chef León Krempel.

Freilich kann man auch einen Raumplan erhalten, der Auskunft über Künstler und Werke gibt. Den sollte man schon zur Hand nehmen für die 38. Jahresausstellung der „Darmstädter Sezession“, bei der alles ganz anders ist. Denn der 1919 gegründete Künstlerverband mit seinen rund 100 Mitgliedern, davon zwei Drittel nicht aus der näheren Region, hat León Krempel als Kurator betraut und ihm zugleich „Carte blanche“ gegeben, alle Freiheiten also.

Krempel wählte elf Mitglieder aus, meist jüngere Künstler, die in den vergangenen Jahren Preise der Sezession erhalten haben, ergänzt von einigen älteren Mitgliedern. Dazu kommen vier Gäste, denn Krempel öffnet die Sezessions-Schau bewusst. Eine klassische Verbandsschau mit Gemälden und Skulpturen wollte er vermeiden, gleichwohl eine gute Ausstellung zeigen. Das ist ihm auch gelungen mit einer klugen Mischung aus Installationen, Klangcollagen, Videos, Objekten zwischen Malerei und Plastik sowie Kunst über den Kunstbetrieb. Neben Peter Ruehle spielen nämlich auch andere Künstler bis 7. Januar auf den Kunstbetrieb an.

Ähnlich witzig wie Ruehle geht Maria Anwander vor. Schon seit 2004 besucht sie Museen und Galerien mit dem Vorsatz, die Titelschilder von ihren Lieblingswerken zu klauen. Offenbar ist die in Berlin lebende 37-Jährige viel unterwegs, wie nun die Installation an den verschiedenen Sprachen und Logos verrät. Und wer die Namen von Thomas Demand bis Frédéric Guzman studiert, kann sich einen Reim darauf machen, was Maria Anwander interessiert, auch wenn der Betrachter nicht jedes Werk kennt.

Johannes Vogl hingegen hat einen Nageltacker umgebaut und nutzt ihn nun, um kleine Goldkugeln in eine Wand der Kunsthalle zu schießen. Das wurde schon zu Zeiten des Wilden Westens so gemacht, die Kügelchen allerdings in leere Minen geschossen, um andere Goldschürfer auf eine falsche Fährte zu locken. Vogl will niemanden hereinlegen, vielmehr verweist er auf die Wertsteigerung, wenn ein Künstler seine Werke an die Wände von wichtigen Galerien oder Museen hängen darf. Und manches Gemälde bringt ja heute mehr auf dem Kunstmarkt ein als der Museumsbau je gekostet hat.

Dem Wohnhaus des renommierten Architekten Peter Zumthor hat sich wiederum Laura Padgett fotografierend genähert. Die in Frankfurt lebende Künstlerin, von Krempel als Gast eingeladen, zeigt nur Details. Sie will Architektur erklären, aber rein assoziativ. Bestens bekannt ist auch der ebenfalls in Frankfurt ansässige Klaus Staudt, dessen konstruktiv-konkrete Kunst immer wieder bezaubert, selbst bei minimalen Variationen. Der mittlerweile 85-Jährige spielt dank kleiner Rasterstrukturen geradezu virtuos mit Farbe, Fläche, Licht und Raum. Das Studio schließlich ist für Julian Irlinger reserviert, der erst vor wenigen Wochen in Frankfurt bei der Absolventen-Schau der Städelschüler auffiel. Auch in Darmstadt präsentiert er seine Lentikulardrucke, eher geläufig als „Wackelbilder“, die schon bei der kleinsten Bewegung das Bild stark verändern.

Irlinger hat dazu zwei Onlinefotos von Kunstwerken aus der New Yorker Frick Collection zu einem Bild verschmolzen. Ein gutes Foto stammt von Frick, ein schlechtes Foto von Google. Der Megakonzern zeigt ebenfalls online die Frick-Sammlung, setzte aber für das Fotografieren eine Maschine ein, die Fehler machte. So verschlüsselt Irlinger die ursprünglichen Werke – ein anschauliches Plädoyer für die Aura des Originals.

Jahresschau „Sezession“

Kunsthalle Darmstadt, Steubenplatz 1. Beide Ausstellungen bis 7. Januar 2018, Di, Mi, Fr 11–18 Uhr, Do 11–21 Uhr, Sa, So 11–17 Uhr. Eintritt 5 Euro. Telefon (06151) 89 11 84. Internet

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