Große Oper, große Gefühle: "Walküre" in Frankfurt.
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Große Oper, große Gefühle: "Walküre" in Frankfurt.

"Walküre" an der Frankfurter Oper

Gott hat sich heillos in Affären verstrickt

Große Emotionen, urgewaltige Stimmen, packende Lichtregie und viele Bravos: An der Oper Frankfurt wurde Wagners „Walküre“ wiederaufgenommen.

Von BETTINA BOYENS

Vielleicht war es im „Rheingold“ noch die Anspannung des Rollendebüts, vielleicht eine Indisposition, wer weiß: James Rutherford, der neue Wotan im Frankfurter „Ring“, hat jetzt im zweiten Teil der Tetralogie, der „Walküre“, eindrucksvoll bewiesen, dass er mehr zu bieten hat als ein imponierendes Baritontimbre.

Dieser Wotan, anfänglich noch heiter beschwipst in Sektlaune, weil seine beiden Wälsungenkinder sich gefunden haben, verwandelt sich im Laufe der Auseinandersetzung mit Fricka (Claudia Mahnke) glaubhaft in einen gebrochenen Mann, der sich sowohl im Wirrwar seiner komplizierten Verträge wie im unübersichtlichen Dickicht seiner Frauengeschichten heillos verirrt hat. Da hilft es auch nicht, dass er die Außenwand Walhalls auf der Suche nach Orientierung mit dem gesamtem Familienstammbaum vollkritzelt: Egal, wie viele Zuordnungspfeile, Namensstreichungen und Bündniverbindungen er anbringt, er verstrickt sich nur immer tiefer im komplexen System. Spannungsreich, mit der Dichte eines intensiven Kammerspiels, sind auch die beiden Szenen Wotans mit seiner Lieblingstochter Brünnhilde, die Rebecca Teem changierend zwischen brennendem Tatendrang und kindlicher Vaterverehrung auslotet.

Für ihre durchschlagende Wucht werden an diesem ersten Abend auch zwei Stimmen gefeiert, die mit der Macht von Naturgewalten wirken: Amber Wagners Sieglinde war bereits 2013 eine der Entdeckungen dieses „Rings“. Unglaublich, wie ihr glutvoller Sopran mit dem reizvollen Mezzoeinschlag zu raumflutenden Dimensionen anwachsen kann. Auch der eindrucksvolle Bass von Ain Anger in der Rolle des brutalen Hunding steht dieser Wirkmacht in nichts nach. Er ist mit dieser Produktion bereits vertraut, ebenso wie Frank von Aken als überzeugender Siegmund, der besonders in den Höhen melodiösen Tenorglanz versprüht.

Sechs Neubesetzungen gibt es bei den Walküren, allesamt Novizinnen ihres Fachs: Mitreißend gelingen Karen Vuong, Jenny Carlstedt, Hanna Herfurtner, Jessica Strong, Maria Pantiukhova und Judita Nagyová nicht nur die gewaltigen „Hojotohos“, sondern auch das von der Regisseurin hochdramatisch inszenierte Schwanken der Walküren zwischen Mitleid für Brünnhilde und der Furcht vor Göttervater Wotan. Hans Walter Richter leitet die szenische Wiederaufnahme mit viel Sinn für die psychologischen Verstrickungen, während Sebastian Weigle aus dem Orchestergraben einen aristokratisch zurückhaltenden Walkürenritt und immer wieder mitreißende Zuspitzungen dirigiert.

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