Maria Stuart

Grandioser Schiller-Thriller am Mainzer Staatstheater

Packende Spielzeiteröffnung in Mainz: Dariusch Yazdkhasti inszeniert Schillers spröden Klassiker „Maria Stuart“ als fesselnden Polit-Schocker.

Elisabeth, die Bleiche, richtet Maria, die Stolze. Dariusch Yazdkhasti gelingt, was wenige schaffen: Den 200 Jahre alten Klassiker derart fesselnd auf die Bretter zu wuchten, als sei er gestern erst aus Schillers Feder geflossen. Atemlos verfolgt man den wortreichen Zweikampf der „Afterkönigin“ Elisabeth von England mit der eingekerkerten „ränkevollen“ Katholikin Maria Stuart. Es ist, als höre man zum ersten Mal von der skrupellosen Monarchin, die ihre schwesterliche Rivalin 20 Jahre hinter Gittern hält und schließlich aufs Schafott führt. Und zum ersten Mal von dem hinterhältigen Doppel-Geliebten, vom fanatischen Retter und von nervenaufwühlenden Intrigen um Liebe, Macht und Seelenheil.

Schon die wuchtige Thalheimer-Bühne von Anna Bergemann überzeugt: ein Blutgerüst. Nicht nur an der metallfarbenen Rückwand und den grauen Treppenstufen, auch an der Rampe hat das eingetrocknete Blut vieler Vorgänger grausige Flecken hinterlassen. Die wenigen Hocker haben die Form eines scharfen Fallbeils, ebenso wie die ineinander verschachtelten Türportale.

Blendend bleich hebt sich davor die Hautfarbe der „jungfräulichen Königin“ Elisabeth ab, die ihre hohe Stirn mit roter Prachtperücke krönt wie Stephen Kings Horror-Clown Pennywise. Anders ihre royale Kontrahentin: Kostümbildnerin Josephin Thomas zeigt sie als bedauernswerten „Schatten der Maria“, gedemütigt im dunkelroten Blutkleid, angegriffen durch die lange Haft, mit schief sitzender Langhaarperücke. Beide königlichen Rivalinnen tragen elisabethanischen Brokatschick. Auch die intriganten Herren stecken in dunkler Renaissance-Kluft.

Trotz der Kostümzitate wirkt die auf zwei Stunden eingedampfte Originalsprache Schillers aktuell und messerscharf sezierend. Vielleicht, weil sie von den engagierten Mimen deutlich betont, wild geschrien, tief geseufzt und virtuos wie elegante Laserschwerter gekreuzt wird. Warum tragen alle Headsets? Den deutlich artikulierenden Schauspielern traut man zu, dass sie auch ohne elektronische Verstärkung Schillers wortgewaltige Sprachkathedralen verständlich über die Rampe bringen können.

Mit Anika Baumann aus dem Ensemble steht eine eindrückliche Schauspielerin als Maria auf der Bühne des großen Hauses, die anfangs dreckbeschmiert und demütig vor Elisabeth zu Kreuze kriecht, bevor sie ihr provozierend zubrüllt: „Ich bin Euer König.“ Wenig hat sie von der ungebeugten Schönen, die hypnotisch auf die versammelte Männerwelt wirkt, als die sie oft gezeigt wird. Vielmehr hebt sie ihre Ausweglosigkeit hervor, drei Tage vor ihrer Hinrichtung, und ihr Ausgeliefertsein an die englische Krone, an ihren ehemaligen Geliebten Graf von Leicester sowie an den religiösen Schwärmer Mortimer, der in höchster Ekstase zu Handgreiflichkeiten neigt.

Auch Gaststar Hannah von Peinen legt ihre Elisabeth als Meisterin der Verstellung funkelnd vielschichtig an. Ihrer britischen Königin, agil gleitend zwischen herrschaftlicher Kälte, Liebesverwundung, kochender Wut und kalter Hinterlist, merkt man beständig an, dass sie ihren Machtvorteil zu gegebener Zeit ausspielen wird. In Wahrheit geht es ihr nicht um den Vorrang des Politischen vor dem Privaten, und schon gar nicht um die „Wohlfahrt des Volkes“: Vielmehr fällt sie das Todesurteil über Maria, als die politische Feindin ihre ärgste amouröse Nebenbuhlerin zu werden droht. Lieben doch beide den opportunistischen Graf von Leicester, hier alert verkörpert von Henner Momann in keckem Samtcape. Als sein Kontrahent um die Gunst Marias läuft der erst 24-jährige Julian von Hansemann als übermotivierter Papist Mortimer zu Höchstformen auf. Wie kaum einem anderen, abgesehen von Hannah von Peinen, die viel Filmerfahrung mitbringt, gelingt ihm der schwierige Wechsel zu den vielen Nahaufnahmen mit Live-Kamera.

Grandios besetzt, überzeugt dieser Mainzer Klassik-Thriller auf ganzer Linie: Marias Amme verkörpert Andrea Quirbach mit vollendeter Empathie, Sebastian Brandes ist ein Baron von Burleigh mit Stasi-Qualitäten und Denis Larisch ein aufrechter Ritter Paulet, der zudem in seiner weiteren Rolle als Graf Aubespine mit bemüht französischem Accent für die einzigen Heiterkeitsausbrüche des Abends sorgt.

Irritierend beiläufig inszeniert Dariusch Yazdkhasti Marias Tod: Während die schottische Königin hinten lautlos in sich zusammensackt, kippt Baron von Burleigh an der Rampe einen Metallhocker um. Warum gleicht dieses kalte Geräusch dem Herabsausen des Guillotine-Beils? Weil die Nerven der Zuschauer schon tanzen, weil der Horror ihnen zwei Stunden lang durch Mark und Bein gedrungen ist. Frenetischer Applaus für alle Beteiligten beendet diesen großen, schaurig-schönen Schiller-Schocker.

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