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So grausam ist der Krieg

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Von: Dierk Wolters

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Der 1926 geborene und 2014 gestorbene Siegfried Lenz zählt spätestens seit ?Die Deutschstunde? zu den großen Nachkriegsautoren Deutschlands. Sein jetzt wiederentdecktes Jugendwerk ?Der Überläufer? zeigt: zu Recht.
Der 1926 geborene und 2014 gestorbene Siegfried Lenz zählt spätestens seit ?Die Deutschstunde? zu den großen Nachkriegsautoren Deutschlands. Sein jetzt wiederentdecktes Jugendwerk ?Der Überläufer? zeigt: zu Recht. © Maurizio Gambarini (dpa)

Im Nachlass des 2014 gestorbenen Schriftstellers wurde das Manuskript von 1951 entdeckt. Damals riet der Verlag ab, es zu drucken: wegen seiner gefährlichen Gesinnung.

Man mag das alles kaum glauben: Wir schreiben das Jahr 1951, und ein junger Mann, gerade einmal 26 Jahre alt, kann seinen ersten literarischen Erfolg aufweisen: „Es waren Habichte in der Luft“ – der Autor heißt Siegfried Lenz. Noch ahnt keiner, dass er 1955 einen Bestseller hinlegen wird, „So zärtlich war Suleyken“. Die „Deutschstunde“ gar, die neben der „Blechtrommel“ von Günter Grass wohl prägendste literarische Aufarbeitung der Kriegs- und Nachkriegszeit, liegt in noch fernerer Zukunft. Dieser junge Mann also, nicht sehr bekannt, schreibt im Jahr 1951 ein Buch, schickt es an seinen Verlag, und der lehnt ab. In einem Schreiben des Verlagslektors heißt es: „Der Roman müsste tatsächlich den Titel ,Der Überläufer‘ tragen – und das wäre unmöglich. Ein solcher Roman hätte 1946 erscheinen können. Heute will es bekanntlich keiner mehr gewesen sein. . . . . Sie können sich maßlos schaden . . .“

Irrwege der Seele

Nun ist dieser Roman erschienen, von den Nachlassverwaltern im Literaturarchiv Marbach nach Jahrzehnten wiederentdeckt: und wird den Ruhm von Lenz mehren! Der Ruhm gebührt ihm als Gewissenserforscher, empfindsamem Menschenbeobachter, Beschreibungskünstler und nicht zuletzt als hochgradigem Spannungsartisten. Nachdem in den vergangenen Jahren manche Novelle des Hamburger Autors erschienen ist, die man mit gutem Recht als leichtgewichtig abtun konnte, zeigt sich der Autor in diesem Roman ganz auf der Höhe seiner Zeit und seines Könnens.

Mit immenser geistiger Spannkraft erzählt Lenz von Walter Proska, einem Wehrmachtssoldaten, den das Kriegsschicksal aus seiner Heimat Masuren tief in die Sümpfe an der polnisch-russischen Grenze schickt. Als Mitglied einer sechsköpfigen Überwachungseinheit erlebt er dort den ganzen Irrsinn des Krieges, unter einem versoffenen Kompanieleiter und an der Seite von Kameraden, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Proska erlebt Hass, Grausamkeit, Sterben, aber auch eine Liebesgeschichte mit einer schönen Polin namens Wanda. Diesen Handlungsstrang webt Lenz zauberhaft durch den ganzen Roman, ohne dass, was er erzählt, kitschig wird.

Erste Kritiker mäkeln, dass es in dem Buch auch schiefe Bilder gebe: Doch das wird dem Roman nicht im mindesten gerecht. Denn er ist prallvoll mit wunderbaren Bildern, die die Menschen, ihre Sehnsüchte nach einem anderen Leben und ihr abgrundtiefes Elend mit sprachmächtiger Ernsthaftigkeit und größter Empfindsamkeit für ihre Wünsche und Nöte einfangen. Literarisch schöpft Lenz aus dem Vollen, ohne jemals angestrengt zu wirken, vom gestammelten Monolog – „Fort von hier . . . fort aus diesem Land . . .fort aus dieser Welt . . . verlassen, allein, jetzt geht es nicht weiter . . . . Warum hält denn die Welt nicht die Luft an? Warum fliegen denn die Krähen über das Feld?“ – bis zum klugen Erzählerkommentar, der den ganzen Kriegsirrsinn scharf erfasst. Wolfgang, ein schmächtiger Intellektueller, den seine Kameraden „Milchbrötchen“ nennen, wird an diesem abgelegenen, mückenverseuchten Sumpfort zum besten Freund des stiernackigen Proska. Auch das hätte Lenz leicht zum Klischee gerinnen können. Doch weil es ihm scheinbar mühelos gelingt, auch dieses Verhältnis außerordentlich zart zu beschreiben, wird es das Gegenteil, nämlich: ergreifend.

Liebe, Freundschaft, Tod

Proska wird schließlich, der Romantitel nimmt es vorweg, zum „Überläufer“ bei der Roten Armee – nicht zum einzigen übrigens. Gibt es Situationen, in denen es richtig ist, zum Verräter zu werden? Es gibt kluge und – aus heutiger Sicht sei hinzugügt: ewig wahre – Passagen zu Themen wie diesem, zu Schuld, Freundschaft, Liebe und dem, was man vom Leben erwarten darf (und was nicht). Seinen Zeitgenossen ist Lenz in diesen Betrachtungen, wie der Lektorats-Briefwechsel zeigt, weit voraus. Seine Schilderungen sind, so unbarmherzig sie literarisch sein mögen, von größter Mitmenschlichkeit und Güte. So wie übrigens auch der Brief, den er seinem Lektor am 24. Januar 1952 schreibt, ohne jede Überheblichkeit auskommt. Höchst bescheiden klingt er aus: „Ich werde diese Arbeit als eine unerlässliche Übung ansehen . . . Ich bin überzeugt, dass ich manches gelernt habe, was ich ohne diese Anstrengung nicht gelernt hätte. Den besten, wenn auch schwer erkennbaren Zins bringen uns die missglückten Versuche.“

Welch ein Geschenk, dass wir heute, nach 64 Jahren, die Chance haben, den Irrtum dieses „Missglückens“ zu begreifen. Der Roman ist ein überwältigendes Zeugnis seiner Zeit, eine tief beeindruckende Schilderung des Krieges, und, wie jeder gute Kriegsroman, ein verzweifeltes Plädoyer für die Menschlichkeit.

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