Eigentlich dürfte es Amerika gar nicht mehr geben, so grotesk geht es dort zu. Aber bisher haben sich die Vereinigten Staaten immer wieder vor sich selbst gerettet. Abbildung: Reprodukt Verlag

Zeichner Robert Crumb, Erfinder von "Fritz the Cat" veröffentlicht neues Sammelband

Das Böse siegt, das Gute hat es schwer in den Vereinigten Staaten. Aber die Bürger helfen ihm. So viel hat sich mit Donald Trump also gar nicht geändert.

Starten wir mit einem Rätsel. Gesucht wird „einer der übelsten Menschen der Welt“, der obendrein öffentlich mit seinen „widerwärtigen Heldentaten prahlt“. Na, eine Idee? Hitler, Stalin? Ganz falsch. Maschmeyer, Ackermann? Zu unbedeutend. Es handelt sich um den stets akkurat gescheitelten Donald Trump in seiner frühen Rolle als Immobilienmogul. Von zwei stämmigen Sexbomben wird er seitlich festgehalten, von einem knochigen Männlein frontal beschimpft: Das lässt sich Robert Crumb nicht nehmen und taucht als wütender Chefankläger in seinem eigenen Comic auf. Die Disputation gerät allerdings außer Kontrolle, und die Dinge nehmen ihren unheilvollen Lauf. Das Böse siegt – und das Gute? So darf es nicht ausgehen, an den Leser ist zu denken, also sorgt ein alternatives Ende für Gerechtigkeit, auch wenn es wohl wenig realistisch ist.

Aktuell wie nie

Die Bildergeschichte „Den Finger drauf“ ist dreißig Jahre alt und hat doch nichts von ihrer Aktualität verloren. Mittlerweile hat sich Trump ein neues Betätigungsfeld erobert, seine Manieren, Überzeugungen und Methoden allerdings sind noch die alten. Die Liste der „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, derer ihn Crumb Aug’ in Aug’ bezichtigt, ist eher noch länger geworden. Bekannt kompromisslos und streitbar nimmt hier der 1943 in Philadelphia geborene Comiczeichner für Erwachsene seinen Job (auf beiden Ebenen) wahr: als subjektive Überzeugungstat, die auf penibelste Korrektheiten in Fragen von Politik und Moral nichts gibt. Crumb agiert lieber mit grobem Keil statt mit feiner Klinge auf die als negativ ausgemachten Tendenzen seiner Zeit.

Die gerade auf Deutsch erschienene Comic-Anthologie „Amerika“ (übersetzt von Harry Rowohlt) überrascht also wenig mit ihren provokant polemischen bis radikal satirischen Kurzgeschichten aus (s)einem angezählten Land, das der Freiheit über die Jahre hinweg überdrüssig geworden zu sein scheint. Dass die Zeichnungen aus den Jahren 1965 bis 1996 stammen, stellt keinen Makel dar, ihr Verfallsdatum ist längst noch nicht erreicht. Was dabei erschreckt: Weder die Probleme, noch ihre Ursachen haben sich bis heute grundsätzlich geändert.

Das lässt sich schnell feststellen: Der Cartoon „Highlights in Detroit“ von 1969 konfrontiert mit den Auswüchsen der Industriegesellschaft, wo Großstädte als riesige Produktionsstandorte funktionieren, aus denen der Mensch sukzessive vertrieben wird, wenn nicht von den Maschinen, die ihn ersetzen, dann von ihrem Gestank und Gedröhne. Die dicken Protzkarren mit den noch dickeren Kronen, die ihnen Crumb symbolisch aufgesetzt hat, geben den Ton an. „Ein paar Worte über unser modernes Amerika“ (1975) ist die erbitterte Generalabrechnung eines Traditionalisten mit zeitgeistigen Phänomenen wie Pop, Mode, Massenmedien, Showgeschäft oder Alternativkultur. Die hässliche amerikanische Fratze macht den Menschen gleich auf der ersten Seite sichtbar Angst, Zukunftspessimismus allerorten, und Crumb in Form seiner Comicfigur verheddert sich bald in allzu plakativen Verbesserungsvorschlägen und fällt als möglicher Superretter aus. Es ist zu leicht, ein Held zu sein, deshalb besteht kein Interesse an diesem Modell in den grafischen Einlassungen, bevorzugt wird ausschließlich der Gegenentwurf.

Es hat sich nicht so viel getan in den Vereinigten Staaten von Amerika, muss nach der Lektüre dieses Bandes konstatiert werden. Huhu, muskelige Machos und heuchlerische Patrioten, falsche Erlöser und mächtige Fast-Food-Junkies, zeigt euch! Hedonismus, Konsumismus, Militarismus, Rassismus, Sexismus, Nationalismus, Neofaschismus: Es lassen sich genügend abstoßende Ismen finden beim Underground-Comix-Pionier, die er genauso abstoßend weiterreicht. Die riesigen Müllberge, die malträtierte Mutter Natur (1982), die massiv verdichteten Klischees der „Schokos“ und „Hakennasen“ von 1993 als Schreckensvorstellungen, die den Horror bis zur Apokalypse treiben: In Crumbs von Zuspitzungen und Übertreibungen berstenden Schwarz-Weiß-Zeichnungen voller Schraffuren gibt es nichts, was es nicht (noch immer) gibt.

Schrecken ohne Ende

Die Darstellung ist drastisch, wenn nötig, und da Robert Crumbs Sorge um Amerika groß ist, besteht er auf seiner Perspektive, die stark geprägt ist von persönlichen Zweifeln und Ängsten, Obsessionen und Neurosen. Auch in diesen autobiografisch gefärbten Geschichten aus dem gelobten Land bleibt sich der Erfinder bizarrer Charaktere wie Fritz The Cat und Mr. Natural treu, indem er zwei Wirklichkeiten kurzschließt: die eigene und die amerikanische. Seiner Kunst hat das nie geschadet. Das Zeichnen beigebracht hat sich der Sohn eines Marinesoldaten ohnehin selbst. Eine Grafikhochschule oder Kunstakademie hat er nie besucht.

Info

Robert Crumb: „Amerika“. Übersetzt von Harry Rowohlt. Reprodukt Verlag, geb., 96 S., 29 Euro. Erscheinungstermin 15. Februar.

von Oliver Seifert

 

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