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Neil Rodgers und Chic in Frankfurt

Funk- und Disco-Legenden

So groovig war das Konzert von Nile Rodgers und Chic in der Frankfurter Jahrhunderthalle

Auf der zweiten Station ihrer Deutschlandtournee verwandeln Nile Rodgers & Chic die Frankfurter Jahrhunderthalle in eine flackernde Großraumdisco.

Es dauert kaum eine Sekunde, bis dieser unnachahmliche Groove einem erst in die Beine, dann in den Rest des Körpers fährt: Nile Rodgers’ typischer E-Gitarren-Sound, mit unglaublich lockerem Handgelenk einem Modell der Marke Fender Stratocaster entlockt, federt luftig leicht wie eh und je. Unterfüttert von einem voranpreschenden Schlagzeug, vor allem aber von megafetten Basslinien, die in der Magengegend ein wohliges Grummeln auslösen. Perfekt wird die Zeitreise ins New York der späten 70er Jahre, als Disco, das legendäre Studio 54 und der Kinoklassiker „Saturday Night Fever“ mit John Travolta en vogue waren, durch zwei voluminiöse Gospelstimmen: Gehüllt in elegante schwarze Designerroben, flankieren die Vokalistinnen Folami und Kimberly Davis den Bandchef Rodgers rechts und links, um immer wieder „Everybody Dance“ zu fordern. Einer von zahlreichen Hits, die „Chic“ von 1977 an rund um den Globus schickten.

Dem unmissverständlich eindeutigen Lockruf der Sangessirenen, sich körperlicher Bewegung hinzugeben, kommen in der Jahrhunderthalle die Partywilligen, Feierwütigen, Nostalgiker mehrerer Generationen nur allzu gerne nach. Einen traumhaften Einstieg wie aus dem R ’n’ B-Bilderbuch legen „Nile Rodgers & Chic“ hin. Und lassen die Zügel in den nächsten 100 Minuten nicht mehr locker. Dankbar und zugewandt

Wer Nile Rodgers schon einmal persönlich begegnet ist, weiß: Einem sympathischeren Menschen kann man im Showgeschäft wohl nicht begegnen. Schon vor dem offiziellen zweiten Auftakt einer auf drei Stippvisiten begrenzten Deutschlandtour lässt sich Rodgers blicken. Noch ist die auf Soul-Klassiker abonnierte Pausenmusik aus der Konserve zu hören. Rodgers sondiert schon mal die Stimmung am Bühnenrand, winkt ins Publikum, schüttelt Hände, gibt Autogramme und posiert für Selfies: ein seinen Fans unglaublich zugewandter, grenzenlos dankbarer Künstler.

Über seinen positiven Charakter staunt Nile Rodgers, der schwere Drogen- und Alkoholsucht, Herzinfarkt und Prostatakrebs überlebt hat, selbst am meisten. Geboren wurde er 1952 einer unverheirateten Mutter von 14 Jahren, die beim ersten Sex schwanger wurde. Seinen Vater, Nile Rodgers Senior, virtuoser Percussionist in einem afro-kubanischen Orchester, sah der junge Nile nur wenige Male. 1959 heiratete die Mutter Beverly Goodman Niles Stiefvater Bobby Glanzrock, Doktor der Philosophie mit Hang zur Beatnik-Szene, einer lebenslangen Heroinsucht und einem prominenten Bekanntkreis aus Jazzgrößen wie Thelonious Monk, Schauspieler Richard Pryor und Comedian Lenny Bruce. Nile startete Drogenexperimente schon mit 13 Jahren. Als Rettung erwies sich die Musik: Nach Flöte und Klarinette, wechselte er mit 16 zur Gitarre. Tanz im Rampenlicht

Diversen Bandstationen folgte 1970 ein Engagement als Musiker der „Sesamstraßen“-Tourtruppe, wo er auf seinen späteren Kompagnon, Bassist Bernard Edwards, traf. Beide verdingten sich in der Begleittruppe des Vokalensembles „New York City“, trafen wenig später auf Schlagzeuger Tony Thompson – der Kern der 1977 gegründeten „Chic“ war zusammen. Eine Band, die, inspiriert von den avantgardistischen „Roxy Music“, Jazz, Funk, Philly Soul und Cuban Salsa mixte und in der Disco-Ära bald weltweit durchstartete. Parallel zum Aufstieg von „Chic“ etablierten sich Rodgers und der 1996 verstorbene Edwards auch als gefragtes Komponisten- und Produzententeam.

In der zur Großraumdisco umfunktionierten Jahrhunderthalle stehen jene bis heute zeitlosen Tanzflächenfüller-Hymnen für „Chic“, aber auch für diverse weitere Künstler im Fokus. Traumhaft nonchalant gespielt von einer mit Bassist Jerry Barnes, Schlagzeuger Ralph Rolle, Trompeter Curt Ramm, Saxofonist Bill Holloman sowie dem Keyboarder Richard Hilton und Russell Graham komplettierten Formation, deren Präsenz, Timing und Improvisationskunst sich als Weltklasse bezeichnen lässt.

Zwischen „Chic“-Hits wie „Chic Cheer“, „My Forbidden Lover“, „I Want Your Love“ und „Dance, Dance, Dance (Yowsah, Yowsah, Yowsah)“ betten sich weitere Evergreens. „We Are Family“, „Lost In Music“ und „He’s The Greatest Dancer“ von „Sister Sledge“ sowie Diana Ross’ „Upside Down“ und „I’m Coming Out“ operieren stilistisch auf „Chic“-Terrain. David Bowies „Let’s Dance“, Madonnas „Like A Virgin“ und „Notorious“ von „Duran Duran“ verströmen das eigene Flair des jeweiligen Künstlers. Mit dabei der Comeback-Hit, den Rodgers mit dem französischen Elektro-Duo „Daft Punk“ und Pharrell Williams 2014 aus dem Ärmel schüttelte: „Get Lucky“. Zum ausgiebigen Finale mit einer extralangen Version von „Chic“-Ohrwum „Good Times“ in einer Überblendung zu „Rapper’s Delight“ der Hip-Hop-Pioniere „Sugarhill Gang“, die einst schlicht den „Good-Times“-Groove sampelten, bitten „Nile Rodgers & Chic“ zum ausgelassenen Schwof ins Rampenlicht. Am Ende winkt Nile Rodgers abermals minutenlang ins Publikum, schüttelt Hände, gibt Autogramme und posiert für Selfies.

Maximilian Steiner

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