Fotografien der Feuerwerkskünstlerin Sandra Kranich

Der große Knall

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Unter dem Sammeltitel „Bag Bang“ spielen die Aufnahmen auf jenen „Big Bang“ an, aus dem nach Annahme vieler Physiker das Weltall entstanden sein könnte.

Es gibt wohl nichts Flüchtigeres als ein Feuerwerk. Es wirkt allein im Moment, Vergangenheit und Zukunft sind ihm fremd. Vielleicht ist es gerade deswegen so tauglich, dazu anzuregen, über die Zeit nachzudenken. Zumindest, wenn man so mit ihm umgeht, wie Sandra Kranich das tut. 1971 in Ludwigsburg geboren, lebt sie seit langem in Frankfurt. Sie studierte bei Heiner Blum an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und bei Thomas Bayrle an der Städelschule in Frankfurt. Zum Ende ihres Studiums machte sie eine Ausbildung als Feuerwerkerin. Seitdem beschäftigt sie sich mit ihrem höchst vergänglichen Medium zwischen Zufall und exakter Planung, von geometrischem Wunder und willkürlicher Explosion, von situativem Effekt und ewiger Dauer.

Ewige Dauer? Aber ja doch! Sandra Kranich gelingt es mit ihren Knalleffekten, auch diese herzustellen. Dabei bedient sie sich verschiedener Medien, unter anderem der Fotografie und des Films. Vier davon sind bis 28. Mai nebst zahlreichen Fotografien im Kunstraum der DZ-Bank zu sehen. Entstanden sind sie 2009, nachdem ein Brand zahlreiche Werke des 1980 verstorbenen Brasilianers Helio Oiticica vernichtet hatte. Sandra Kranich hat Gouachen nach seinen Motiven angefertigt, auf denen sie kleine Feuerwerke installierte. Indem sie diese Filme aber rückwärts abspielt, verkehrt sich der Effekt der Zerstörung: Aus den Brandresten ersteht das Werk quasi aus dem Nichts heraus. Überhaupt sind diese von Zischen und Knallen unterlegten Filme von zauberhafter Anmut: etwa die sich beim Brennen verlängernde Lunte, oder aber der Rauch, der sich nicht ausbreitet und ins Unsichtbare verdünnt, sondern in einem umgekehrten Qualmeffekt zu einem Konzentrat verdichtet.

Wie ein Physiker, der den Weg zum Urknall zurückverfolgt, um aus diesem Moment der allerersten Explosion heraus das Wesen des Universums zu verstehen, bastelt auch Sandra Kranich immer wieder daran, aus dem Moment die Dauer zu erklären. Ihr ist damit die erste von insgesamt vier Ausstellungen in diesem Jahr gewidmet, die sich mit „physikalischen und chemischen Spielchen“ beschäftigen, wie Christina Leber, die Leiterin der Fotografie-Sammlung in der DZ-Bank, es nennt. Es folgen Ausstellungen, die sich mit analogen und digitalen Techniken der Fotografie beschäftigen und damit die Zukunft der Fotografie sehr grundlegend in den Blick nehmen.

Wenn Sandra Kranich sich quasi immer wieder neu dem Urknall zuwendet, dann geschieht das halb spielerisch und halb ernst. Spielerisch ist schon der Titel ihrer „Bag-Bang“-Performances, in denen sie Betonhandtaschen explodieren lässt. Aus einem ursprünglich eher spaßhaften feministischen Anlass 2007 erfunden, hat die Aktion gegenwärtig, wo öffentliche Explosionen ganz andere Assoziationen hervorrufen als noch vor wenigen Jahren, eine deutlich politischere Farbe bekommen. In Zürich ließ Kranich 2012 ein Feuerwerk aus 10 000 goldfarbenen Dosen heraus sprühen. Alle hatte sie in einer mühsamen Webarbeit mittels eines Stahlseils miteinander verbunden. Den Schrotthaufen, der übrig blieb, ließ sie schließlich in einer Industriepresse zu Blöcken verarbeiten. „Time compact“ nannte sie, was daraus entstand: große metallene Klötze, die aussehen, als würden sie nie vergehen wollen.

In der ganzen Welt schon hat Sandra Kranich ihre Kunst-Aktionen präsentiert, in Holland etwa und in Athen, direkt am Meeresrand. Im September wird sie es auf der Biennale in São Paulo knallen lassen. Nur in Frankfurt, da darf sie das leider nicht: Die Skulptur „Die Welt“ von Andreu Alfaro, die seit den 80ern vor den Banktürmen spielt, wollte sie für die Eröffnung zwei Minuten lang pyrotechnisch bespielen. Das hat ihr jedoch die Polizei untersagt. Zu komplex sei die Verkehrssituation am Frankfurter Platz der Republik nahe dem Messegelände. Auch dies ein Hinweis darauf, wie sich unser Blick auf öffentliche Explosionen in den vergangenen Jahren verändert hat.

Artforum der DZ-Bank, Platz der Republik, Frankfurt. Bis 28. Mai, Di bis So 11–19 Uhr. Eintritt frei. Telefon (069) 74 47-99 144. Internet

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