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An der Tafel des Misstrauens, im untrauten Heim (von links): Verena Bukal, Franziska Junge, Till Weinheimer, Corinna Kirchhoff, Josefin Platt, Martin Rentzsch, Oliver Kraushaar und Carina Zichner ergeben eine ungesellige ?Familien?-Runde.

"Eine Familie" am Frankfurter Schauspiel

Der große Leichenschmaus

Tracy Letts bitterböses Pulitzer-Preis-Stück „Eine Familie“ wird am Frankfurter Schauspiel zum Schaulauf eines exzellenten Ensembles.

Landauf, landab wird Tracy Letts wüste Familienschlacht seit Jahren auf deutschen Bühnen gespielt, und das hat seine Berechtigung. Schließlich enthält der 2013 unter dem Titel „Im August in Osage County“ mit Meryl Streep und Julia Roberts auf Leinwand gebannte Familienhorror zwingende Szenen, die an Eugene O’Neill, Edward Albee und Tennessee Williams erinnern. Mit jeder Menge prägnanter Rollenporträts, intelligentem Humor und saftigen Dialogen entfaltet sich der bittere Abstieg einer amerikanischen Mittelstandsfamilie, bei dem zur Freude des Publikums treffsicher der Solar Plexus touchiert wird und bisweilen Essensbrocken in den ersten Sitzreihen einschlagen. Speziell beim großen Leichenschmaus sollte man vor fliegendem Bohnensalat in Deckung gehen.

Fangen wir beim boshaften Oberhaupt der Familie an: Violet Weston ist nicht nur eine fahrlässige „Papageien-Serienmörderin“, sondern vor allem Opfer einer sadistischen Mutter, die sich im Laufe ihres Lebens selbst zur monströsen Seelen-Killerin entwickelt hat. Ebenso zynisch wie schwer tablettenabhängig, vernichtet sie psychisch jeden um sich herum, der versucht, eine Beziehung zu ihr aufzubauen. Corinna Kirchhoff legt Violet als narzisstische Monstermutter an, die raffiniert ihre zerbrechlichen weiblichen Reize unterstreicht, ihren Mann als „Weltklassealkoholiker“ verhöhnt und pikanterweise höchst schmerzhaft an Mundkrebs erkrankt ist.

Wolfgang Michael als ihr leidgeprüfter und schwer dem Suff ergebener Ehemann Beverly, dessen bessere Tage als Poet schon ein halbes Jahrhundert zurückliegen, wird gleich nach seinem depressiven Kurzauftritt das Haus verlassen und sich später das Leben nehmen. Nach seinem Verschwinden kommt die gesamte Familie in Violets Haus in dem heißen Provinzkaff Osage County in Oklahoma zusammen: Violets drei unterschiedliche Töchter (Tschechow lässt grüßten), ihre Schwester, die Schwiegersöhne, ihre Enkelin, ihr Schwager und der vermeintliche Neffe Little Charles.

Nicht erst beim Leichenschmaus wird mit schweren Tranchiermessern gewütet: Constanze Beckers Porträt der ältesten Tochter Babs, die sich durch Vatertod und Eheaus zusehends in eine Kopie der Mutter verwandelt, steht Violets Schwester Mattie Fae alias Josefin Platt in nichts nach, die auf ihrem Sohn Little Charles (Sascha Nathan) herumhackt, bis der Bohnensalat spritzt. Die beiden jüngeren Töchter Ivy (Verena Bukal), ein zur Versagerin gemachtes Daueropfer der Mutter, und Karen (Franziska Junge), die sich in dummes Esoterikgeplapper flüchtet, halten den verbalen Rasierklingen ihrer Mutter am schlechtesten stand.

Carina Zichner treibt nicht nur als schwer pubertierende Enkelin Jean ihre Figur mit herzzerreißend ausgestellter Unsicherheit bis an die Grenze der Karikatur, sondern liefert mit rauchig tiefer Lounge-Stimme und fünf musikalischen Blues-Profis auch einen sensibel untermalenden Soundtrack zur Cinemascope-Bühne von Hansjörg Hartung. Die ist elegant in der Mitte der zu beiden Seiten ansteigenden Sitzreihen platziert und lässt noch Raum für Meika Dresenkamps triste Prärie-Videos.

Nicht nur die Güte von Reeses Ensemble, auch die gut durchdachte Regie zeitigt neben der saftigen Keilerei immer wieder zartbittere Momente des Innehaltens. Etwa, wenn sich die zerstrittenen Ehepartner Babs und Bill (Oliver Kraushaar) ehrlich die Meinung sagen, wenn Constanze Becker als Babs ihrer Jugendliebe mit linkischer Scham begegnet, oder wenn Charlie Aiken (Martin Rentzsch) von seiner Frau Mattie endlich Respekt für den scheinbar missratenen Sohn und damit einen „großzügigen Winkel in deinem Herzen für unser Kind“ einfordert. Auf der anderen Seite bleibt bei der Stutenbissigkeit der beiden alten Weston-Schwestern kein Auge trocken: Wenn sie, durchaus selbstironisch, über das Verfallsdatum von Frauen lästern, klingt das so: „Meine Zehennägel, mit denen kann ich demnächst Zement umgraben.“

Nach den hilflosen Lachanfällen der Zuschauer zu urteilen, goutieren sie das gut dreieinhalb Stunden währende Seelengemetzel auch deshalb, weil sie, frisch von trauten, weihnachtlichen Familienfesten kommend, so manchen Charakter, freilich ein paar Nummern kleiner, wiedererkannt haben könnten. Manipulierende Mütter, untreue Väter, süchtige Töchter und jede Menge Familienknatsch kennt man doch nur zu gut aus dem eigenen Umfeld.

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