Aus dem Youtube-Giftschrank

Die grottigsten Musikvideos aller Zeiten (3): Die 70er Jahre

Schmachtende Chauvinisten, weiße Tauben im Sinkflug und quakende Enten in der Disco: Der Griff in die Gruft der 70er-Jahre-Musikvideos fördert wieder Bizarres, Peinliches und Amüsantes zu Tage. Viel Spaß beim Festival des Fremdschämens!

Schmachtende Chauvinisten, weiße Tauben im Sinkflug und quakende Enten in der Disco: Der Griff in die Gruft der 70er-Jahre-Musikvideos fördert wieder Bizarres, Peinliches und Amüsantes zu Tage. Viel Spaß beim Festival des Fremdschämens!

Paul Anka – (You’re) Having My Baby (1974)

Es gibt sentimentale Songs. Es gibt kitschige Songs. Und dann gibt es das hier: Paul Ankas Zucker-Bombe namens „Having My Baby“.

 

Nichts gegen Paul Anka, den Mann, der „My Way“ für Frank Sinatra und „She’s a Lady“ für Tom Jones geschrieben hat und ein großartiger Sänger ist. Erst Recht nichts gegen die wunderbaren Freuden des Vater-Werdens.

Aber: Je öfter und genauer man dieses Machwerk hört – hey, warum singt er eigentlich die ganze Zeit MEIN Baby?! –  desto unerträglicher wird es. Umso bedenklicher, dass das Lied damals zwar die Frauenbewegung vergrätzte, Mainstream-Amerika jedoch begeisterte. Die damalige Debatte mal außen vor gelassen: Das Lied ist ungefähr so gut gealtert wie ein Eimer mit Schweinefleisch süß-sauer.

Immer wieder eine gern gestellte Frage, Rudi Carrell hat daraus ein Lied gemacht. Quasi ein Klassiker, die Melodie geklaut von "City of New Orleans" des amerikanischen Singer/Songwriters Steve Goodman. Allerdings sind Hören und Sehen bekanntlich zwei verschiedene Dinge. In diesem Fall schmerzt das Hinsehen gewaltig.

Die Kulisse in diesem Video ist hingegen weniger gewaltig.

"La Paloma Blanca", die weiße Taube der George Baker Selection flatterte Mitte der 70er in hohen Welthit-Sphären. Hier, in der spanischen Version von Georgie Dann geht sie gnadenlos in den ästhetíschen Sinkflug. Der Auftritt dieser bizarren Kombo irrlichtert zwischen Schulsport-Stunde, Bauerntheater und verunglückter Glam-Nummer.

Was gibt’s sonst noch zu bestaunen? Ein durchgeknallter Tauben-Mann (1:42), das schlechteste Querflöten-Playback der Popgeschichte (1:33) und empörende Verstöße gegen das Tierschutzgesetz (ab 2:30). Die armen Tauben dürften für ihr Rest-Leben traumatisiert sein. Wie auch die Betrachter dieses Musikvideos.

Ente gut, alles gut? Von wegen: Die Nummer „Disco Duck“ der Ami-Truppe „Rick Dees and His Cast of Idiots“ veranschaulicht brutal, welche grotesken Geschmacksverbrechen im Namen der Discowelle begangen wurden. Und warum das Jahrzehnt – Punk sei Dank! – musikalisch dringend einen Tritt in den Bürzel brauchte.

Unsere Bitte: Verschont und legt stattdessen die Flinte auf dieses durchgeknallte Disco-Viech (ab 0:58) an! Okay, wir kriegen uns jetzt mal ein. Und müssen zähneknirschend zugegeben: Orchesterschwall mit Discobeats und einer Donald-Duck-Stimme zu paaren, ist so Gaga, dass man erstmal drauf kommen muss.

Ach du meine Güte, es gibt sie eben immer wieder: Hits, die man vergessen hatte, und es auch besser dabei hätte bleiben sollen. Dieses schlüpfrige Titelchen von Musik-Honk Haak ist ein wunderbares Beispiel dafür.

Die schrecklichen Outfits und unerträglich frech beschwingten Tanzeinlagen in Dauerschleife sind realsatirisch betrachtet absolut wertvoll und gehen einem schon gehörig auf den Senkel. Davon abgesehen hat der Song seinerzeit offenbar auch für heftige Mobbing-Attacken gegen Schmidt-Namensträgern gesorgt, wie ein Kommentar unter dem Video verrät. Ach, Unterhaltung kann so grausam sein!

Okay, Helga Feddersen und Didi Hallervorden pflegen in diesem Video ihr allseits bekanntes Blödel-Image par excellence, also alles so wie es sein soll. Dennoch, diese peinliche Performance ist selbst auf LSD wohl kaum zu ertragen.

So viel übler Ulk gepaart mit Schlafzimmer-Horror-Outfit und Grimassen-Contest tut wirklich weh. War das damals etwa wirklich witzig? Habe ich als Kind tatsächlich lautstark darüber gelacht? Amüsiert sich das Publikum? Findet es am besten selbst heraus.

Lasst uns zur Kategorie "So schlecht, dass es schon wieder gut ist" kommen. And the winners are...diese singenden Frisuren aus Finnland.

Das Lied ist ein fieser Ohrwurm im Dieter-Bohlen-Englisch, der auf alter russischer Folk-Song macht. Aber wer achtet noch auf das Lied, wenn er Zeuge dieser, *hüstel*, "Performance" wird?  

Wer hier beim Fremdschämen mit kollabiertem Zwerchfell frühzeitig K.O. geht, verpasst viel: Denn immer, wenn man denkt, es kann bei dieser Choreografie zwischen Tele-Aerobic und Konfirmandenfreizeit nicht mehr krasser kommen, blitzt das nächste Highlight auf.

Persönlicher Favorit: Der Typ, der bei 2:00 von rechts nach links über die Bühne stakst! Als könnte er sich seine Bewegungsapparat-Störung beim staatlich fördern lassen. Monty Python lassen grüßen!

Ganz groß auch der Abgang der beiden Blondies: Im roten Cabrio mit Darmstädter (!) Kennzeichen driften sie in Richtung einer fernen Galaxie, wo man ihre Kunst besser zu würdigen weiß. Man möchte ihnen zurufen: Hey, bitte nehmt auch Eure Tänzer mit!

Ein Song, der mit Möwengeschrei und seichtem „Mmmm mmm mmm“-Gesäusel beginnt, lässt grundsätzlich nichts Gutes ahnen. Und so kombiniert das offizielle Musikvideo von Boney M.‘s „Rivers of Babylon“ Szenen aus dem Karibik-Klischeekasten wie Limbo-Tanz und Palmenidylle mit dem musikalischen Massaker an einem im . Aber der Ursprungs-Charme der Ska-Nummer wird so gnadenlos in der Synthie-Maschine  Frank Farian, Produzent und Erfinder der Tanzpuppen-Gruppe, abgehobelt, dass es schmerzt.

Was immer die schwedischen Pop-Superstars mit Ihren über die Jahre gescheffelten Milliarden genau angefangen haben: In dieses Video steckten Abba mutmaßlich keine müde Krone. Okay: Günstig ja nicht immer gleich grottig bedeuten. Tut es hier aber leider.

Fangen wir mal bei dem überdimensionalen Schneemann an. WTF? Was hat der bitte in einem lateinamerikanisch gestimmten Lied zu suchen? "Warum der Schneemann zur Kulisse wurde" , "weiß heute niemand mehr". Wir sagen: Das wusste schon damals keiner!

Ebenso erschließt sich nicht, warum Abba-Björn eine knallgrüne Daunen-Jacke trägt, die ihn wie einen irischen Kobold aussehen lässt. Und zu gerne würden wir die Details darüber erfahren, wie Agnetha und Frida als Kinder in den Kessel mit dem Lip-Gloss gefallen sind.

Zugegeben, als Kind der 70er Jahre konnte man "Presslufthamer B-B-Bernhard" irgendwie amüsant finden. Vor allem die Textzeile "Rata-ta-Zong, Rata-ta-Zong, weg ist der Balkon, dong!" hatte einen gewissen humoristischen Wert. Heutzutage ist die einstige Begeisterung jedoch eine rein infantile Retrospektive. Schon erschreckend, dass man solch ein behämmertes Liedgut mal toll gefunden hat.

Okay, die vielen Geschmacksverirrungen rund um Outifits und Frisuren sind sicherlich dem Zeitgeist geschuldet und amüsieren am Ende einfach köstlich. Unerträglich ist aber die Gestik und Mimik des schauspielerisch völlig untalentierten Sängers Klaus Büchner, dessen Unvermögen sich ganz besonders während der Nahaufnhame zu "B-B-Bernhard" voll entfaltet und so einige Nackenhaare aufstellt. Am Ende stehen zudem einige Fragen im Raum: Imitiert Büchner etwa Otto Waalkes und soll das (ungewollt?) gekünstelte, schwule Gehabe etwa tatsächlich lustig sein?

Noch nicht genug von grottigen Musikvideos?

 

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