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Das Gute ist auch böse, das Böse ist auch gut

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Von: Marcus Hladek

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Reinhard Hinzpeter vom „Freien Schauspiel Ensemble“ inszenierte im Bockenheimer „Titania“ sozusagen Goethes ganzen „Faust“ – und das als Duo.

Reinhard Hinzpeters „FSE“ entstand als Versuch, das bessere Stadttheater zu machen. Zieht man Alexander Eisenachs „Der kalte Hauch des Geldes“ am Kammerspiel zum Vergleich hinzu, lautet die Bilanz: Freies Schauspiel gegen Schauspiel Frankfurt 1:0. Erkauft ist das Gelungene an diesem „Faust“ durch radikale Reduktion in Besetzung und Textmenge. Das kann ohne gewaltige Abstriche am Bedeutungsreichtum gar nicht abgehen.

Zwei Darsteller teilen sich, in beachtlicher Gedächtnisleistung über knapp zweieinhalb Stunden, in allem Text und Rollen. Letztere verflüssigen sich dabei auf eine Weise, dass man glauben möchte, einem Stück Kopftheater im Schädel des Autors Goethe beizuwohnen. Axel Gottschick und Bettina Kaminski tragen die meiste Zeit nur Weiß oder Schwarz: er barfüßig in Hose, Hemd und Hosenträger, sie in hochhackigen Stiefeln, Hose mit Leder-Appeal und Zweireiher mit weißen Knöpfen und Seemanns-Touch. Von klarer Aufteilung auf Faust und Mephistopheles lässt sich gleichwohl nicht sprechen, da die Sprechtexte über die Rollengrenzen hinweg verteilt sind; allerdings etabliert sich mit den beiden Gestalten visuell ein Prinzip Faust versus Mephisto, wie auch ein Prinzip männlich versus weiblich (Faust/Margarete). Nichts ist ganz böse oder gut im Hinzpeter-Faust.

Auf der fast kahlen Bühne (Gerd Friedrich) stehen eine spät zum Einsatz kommende Stehleiter und bunte Eimer bereit, über der Bühne prangt ein Ausschnitt aus einem Decken- oder Wandfresko mythologischen Gehalts (Herakles und die Hydra, der Sonnenwagen und anderes mehr). Der wiederholt sich mehrfach in ganzer Bühnenbreite und lässt eine Lücke für Videoprojektionen. Die Wahl, nicht etwa das Jüngste Gericht oder biblische Gehalte räumlich über „Faust“ mit Goethes Anspielungen aufs Bibelübersetzen à la Luther oder metaphysische Wetten à la Hiob zu setzen, sondern mit einem „heidnischen“ Werk aus der Renaissance (Manierismus? Barock?) auf all das Heidentum im „Faust“ zu antworten, spiegelt Hinzpeters Lektüre.

Bis zur Pause also „Faust I“, dann der groß ausgreifende „Faust II“, dem es mitten im 19. Jahrhundert um Geld und Land und Macht geht: der Kaiserberater, Papiergeldmacher, Landgewinner, der im 5. Akt gewollt-ungewollt Ovids klassisches Paar der Alten, Philemon und Baucis, aus dem Idyll vertreibt. Am Ende steckt Hinzpeters Pärchen, selbst wie Philemon und Baucis, nicht unerwartet im Natodraht-Verhau wie Pharao im Steinhaufen bei Hegel und wartet auf der Welten Ende.

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