Mainz bleibt Mainz

Helau für die Narrenfreiheit

  • vonMarc Rybicki
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Die Zuschauerzahlen sind rückläufig. Der Frohsinn wird durch die Quote gedämpft. Doch die Fastnachter wollen die TV-Sitzung nicht in Frage gestellt sehen.

„Wolle mer’n eroilosse?“ Die Frage, die der Sitzungspräsident von „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ alljährlich an das Auditorium im Kurfürstlichen Schloss richtet, wird vom Fernsehpublikum immer häufiger mit „Nein“ beantwortet. Die Zuschauerzahlen sind rückläufig. Während 1985 rund 20 Millionen einschalteten, liegt die Sendung seit Jahren unter der Zehn-Millionen-Grenze. Das Narrenschiff schunkelt bedrohlich über die Quoten-Wellen, aber es sinkt nicht. Zumindest nicht, solange es noch Traditionalisten gibt, für die „Mainz bleibt Mainz“ zur Fernseh-Fastnacht gehört wie „Dinner for One“ zum Silvesterabend. Seit nunmehr 60 Jahren tummeln sich die Närrinnen und Narhallesen auf dem Bildschirm.

Sechs Jahrzehnte, in denen es viel Kokolores gab, manch hintersinnige Eulenspiegeleien und immer wieder Kontroversen darüber, was die Fastnacht darf und was nicht. „In punkto Fassenacht verstehen wir keinen Spaß.“ Dieses geflügelte Wort macht in der Gutenberg-Stadt häufiger die Runde, wenn es um den heiligen Ernst der fünften Jahreszeit geht. Bevor am 17. Februar 1955 die erste Fernsehsitzung unter dem Titel „Mainz, wie es singt und lacht“ im Südwestfunk ausgestrahlt wurde, gab es bereits Krach hinter den Konfetti-Kulissen. „Das Fernsehen macht unsere Fastnacht kaputt“, meldeten jene kritischen Stimmen, die nicht ganz zu unrecht befürchteten, dass die urwüchsige und derbe „Meenzer“ Art, dem Gott Jokus zu huldigen, durch die programmverantwortlichen Redakteure weichgespült würde. Tatsächlich mussten Kenner der Szene feststellen, dass die Sitzungen der kleinen Vorortvereine manch bessere Büttenredner zu bieten hatten als die Repräsentanten der großen Clubs wie MCV (Mainzer Carneval Verein) und MCC (Mainzer Carneval Club), die allerdings von den Rundfunkräten hofiert wurden. So musste man den Eindruck gewinnen, dass nicht erlaubt war, was gefiel, sondern gefallen musste, was erlaubt war.

Noch heute ist es so, dass nur Akteure des MCV, MCC, KCK (Karneval-Club Kastel) und GCV (Gonsenheimer Carneval Verein) zu „Mainz bleibt Mainz“ zugelassen werden. „Das ist wie in der Schule, wenn die Zeugnisse verteilt werden. Dann liegen die Vorschläge vom Sender auf dem Tisch, und jeder zählt nur, wer ist von meinem Verein drin“, gesteht MCC-Präsident Horst Seitz. So wird Humor schnell zum Politikum. In den Anfangsjahren lieferten sich ARD und ZDF zudem einen Kampf um die treffsichersten Lacher. Ab 1965 produzierte man am Lerchenberg „Mainz bleibt Mainz“ in direkter Konkurrenz zu „Mainz, wie es singt und lacht“ im Ersten. Dabei litt die Qualität der Sendungen zunehmend, bis sich die Öffentlich-Rechtlichen einigten, gemeinsam in die Bütt zu steigen. Seit 1973 wird die Sitzung im Wechsel gesendet, in den ungeraden Jahren von der ARD und in den geraden vom ZDF.

Trotz der närrischen Bürokratie gelang es, Talente zu fördern und Karnevalslegenden zu formen. Darunter Rolf Braun, der fünfundzwanzig Jahre lang den Spagat zwischen Sitzungspräsident und Bühnenclown meisterhaft beherrschte. Otto Dürr und Georg Berresheim alias „Fraa Babbich unn Fraa Struwwelich“. Das „goldisch Maggitsche“, Margit Sponheimer, die erste Frau in der Mainzer Fastnacht, die Hymnen schmetterte wie „Gell, du hast mich gelle gern“ und „Am Rosenmontag bin ich geboren“. Und Ernst Neger, dessen „Humba“ die Charts stürmte und noch heute in jedem Sportstadion zu hören ist. Als er am 5. Februar 1964 erstmals die „Humba“ anstimmte, überzog die Sendung um mehr als eine Stunde, weil das Saalpublikum nicht genug vom „Täterä“ bekommen konnte. Das ist Rekord, genau wie die damalige Einschaltquote von 89 Prozent. Marktanteile, von denen aktuelle Sitzungen bloß träumen können. Im vergangenen Jahr schalteten nur 5,7 Millionen ein – die geringste Zuschauerzahl, die „Mainz bleibt Mainz“ jemals verzeichnete.

Der Vertrag der Sender läuft noch bis 2018. Und danach? Droht das Aus für den Karnevals-Klassiker? Es wäre möglich, wenn sich das Interesse der TV-Gucker weiter in Richtung jener Faschingsshows verschiebt, die von dritten Programmen und Privatsendern geboten werden. Das gesprochene Wort, der politische Vortrag, tritt dort in den Hintergrund. Es dominieren Tanzeinlagen, Bierzelt-Schlager und Schenkelklopfer-Flachsinn. Hans-Peter Betz, der in seiner Rolle als „Guddi Gutenberg“ zu den profiliertesten Mainzer Rednern zählt, macht aus seiner Sicht auf diese in Masse gesendeten Jux-Partys keinen Hehl. „Man hat den Eindruck, dass es an Grottenschlechtigkeit kaum mehr zu überbieten ist. Da kräuseln sich einem die Fußnägel, da will man gar nicht mit verglichen werden.“

SWR-Redakteur Günther Dudek betont, dass der literarisch-politische Vortrag weiterhin ein Schwerpunkt von „Mainz bleibt Mainz“ sein wird. Alles andere wäre fatal, denn davon lebt die Fastnacht. Jürgen Dietz, der dienstälteste Akteur, ist als „Bote vom Bundestag“ immer für ein aufgeregtes „Ui, Ui, Ui“ im Saal gut. Seine bissigen Spitzen sind ebenso gefürchtet wie beliebt, stets gekrönt von der mahnenden Abschiedsformel: „Deutschland, Deutschland über alles./ Über alles wächst mal Gras./ Ist das Gras so ’n Stück gewachsen,/ frisst’s ein Schaf und sagt das war’s.“

Dietz übernahm die Aufgabe des kritischen Geistes von Willi Scheu, der ein Vierteljahrhundert mit seiner Figur des „Bajazz mit Laterne“ provozierte. Scheu trat schon zu Zeiten auf, als Fastnacht nur im Radio gesendet wurde. „Da habe ich mir Luft gemacht. Die Franzosen, die damals Besatzungsmacht in Mainz waren, haben ganz schön geguckt“, erinnerte er sich später. Im Eulenfass teilte er nach allen Seiten aus und verschonte auch das eigene Lager nicht. „Ich wollte kleine Wunden beibringen, die zwar brennen und schmerzen, aber keine Narben hinterlassen.“ Es hagelte böse Briefe, bis hin zu Morddrohungen. Auch Joe Ludwig, dem musikalischen Leiter der „Gonsbachlerchen“, wehte ein rauer Wind entgegen, als er 1981 in die Bütt stieg. Verkleidet als „Domschweizer“ nahm er den Papstbesuch in Mainz auf die Schippe. Ein Tabubruch in der katholischen Landeshauptstadt.

Die Kritik nahm bedrohliche Züge an, ehe ihr von höchster Stelle Einhalt geboten wurde. Der Mainzer Generalvikar Luley überreichte Joe Ludwig einen päpstlichen Orden als Anerkennung für seinen Vortrag. Einer, der sich nie den Mund verbieten ließ, ist Herbert Bonewitz. Der mittlerweile 81-jährige Meister des pfiffigen Wortwitzes stieß bereits zu Beginn seiner Karriere alteingesessene Fastnachter vor den Kopf, indem er auf die Reimform und sogar die Bütt verzichtete. Bonewitz war und ist ein Kabarettist, der sich gesellschaftskritisch auf „Meenzer Platt“ äußert und dabei gerne die grassierende Niveaulosigkeit des Fernsehens anprangert. Schon in den 70ern sagte er, es sei kein Wunder, wenn der Redner-nachwuchs ausbliebe, „weil ihn die niederen Ansprüche des Publikums erschrecken“. Unvergessen, wie er vor laufender Kamera mit der selbstzensierenden, politisch korrekten Karnevals-Schickeria abrechnete und sie als „Humor-Faschisten“ bezeichnete. Sein neustes Buch heißt „Aus heiterem Himmel: Biblische Satiren von Adam zur Apokalypse“. Darin dichtet er Bibelstellen auf „Meenzerisch“ um. Entsetzt war Bonewitz, als er von dem Terror-Anschlag auf die Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris erfuhr. „Wie kann das sein, dass Menschen andere Menschen umbringen, weil ihnen Zeichnungen nicht gefallen.“

Klaus Willinski, Bonewitz-Freund und Designer der Motivwagen für den Rosenmontagszug, hat einen Wagen zum Thema „Grundgesetz und Meinungsfreiheit“ entworfen. Dabei verzichtete er jedoch, wie schon in früheren Jahren, auf religiöse Symbole. Bonewitz erinnert sich, dass einst ein Motivwagen in Brand gesteckt wurde. „Da ging es um das Zölibat. Ein Priester saß nackt mit einer Nonne in der Badewanne. Fanatiker gibt es auch im christlichen Raum.“

Bereits bei der Diskussion um die Islamisten-Witze des Kabarettisten Dieter Nuhr sprang Bonewitz dem Kollegen zur Seite und sprach sich für die Meinungsfreiheit aus, ebenso wie Tobias Mann, der dank seiner Auftritte in „Mainz bleibt Mainz“ zum Berufskabarett wechselte. „Jeder Gläubige, egal welcher Religion, muss es aushalten können, dass sich ein Andersdenkender kritisch oder satirisch mit seinem Welt- und Gottesbild auseinandersetzt“, so Mann. „Tabus sind Scheren im Kopf“, findet auch Hans-Peter Betz.

Wird es also bei der diesjährigen Ausgabe von „Mainz bleibt Mainz“ am 13. Februar (im Kurfürstlichen Schloss) Pointen über IS-Terror, Pegida-Demonstrationen, den Ukraine-Konflikt und andere Reizthemen geben? Hoffentlich, denn ohne Narrenfreiheit verliert die Fastnacht ihre Bedeutung. Sie besteht in der Hinterfragung von Obrigkeiten und gesellschaftlichen Gegebenheiten – und nicht im Singen von „Heile, Heile Gänsje“.

„Mainz bleibt Mainz“, ARD, 13. Februar, 20.15 Uhr.

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