Der Herr der Spiele

  • VonMarcus Hladek
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Er liebt die alten Stoffe und die große Geste. Der Theatermacher Willy Praml ist von seiner katholisch-bayerischen Herkunft geprägt. Das merkt man seinen Inszenierungen in der Frankfurter Naxoshalle bis heute an.

Ein paar Wochen ist es her, da inszenierte Willy Praml, der Metzgerssohn aus Landshut, in der Frankfurter Naxoshalle mit Flüchtlingen Heinrich von Kleists Erzählung „Erdbeben in Chili“. Eine soziale Bühnenskulptur in drei Sprachen: nützlich, zugleich eine genialische Theateridee ohne Maß. Und: ein großer Erfolg. Eine Stärke des „Theaters Willy Praml“ ist die lokale Verwurzelung. Seit 1991 hat sich das „TWP“ ins Bewusstsein der Stadt und der Region gegraben. Manche Zuschauer haben bereits zwanzig, dreißig Inszenierungen erlebt. Was bleibt da noch zu fragen?

Praml ist 74, „sein“ Theater besteht seit 25 Jahren. Was war vorher? Was kommt noch? Manche Stücke haben unter ihrem modernen Gewand etwas Mittelalterliches, sie wirken wie „geistliche Spiele“. So entstanden um 2010 unter der Regie Pramls ein Weihnachts- und ein Osterspiel, später Hofmannsthals „Jedermann“, jeweils auf der Bühne und in Kostümen Michael Webers. Der zählt als Darsteller fest zum Ensemble, entwirft Dramaturgien, macht Textarbeit und ist quasi Pramls Adlatus.

Es gibt Hoffnungszeichen

Woher kommt Pramls Interesse an uralten Formen und Stoffen? Auferstehung, sagt er, das seien, ins Heute übersetzt, doch auch Hoffnungszeichen – wie die Meldung vom geschlossenen Ozonloch zum Beispiel. Bohrt man weiter, beginnt es zu sprudeln. Als Klosterschüler im Pallottiner-Internat, so erzählt er, wurde er damals in Bayern zum „Herrn der Spiele“, dem die katholische Schultheater-Tradition aus Mittelalter und Gegenreformation in Fleisch und Blut überging. Seine große Rolle: der König Herodes. „Ich hab’ damals die ganzen Kindermorde gemacht. Du musst Schauspieler werden, haben mir die Lehrer gesagt.“

Dass er überhaupt die höhere Schule besuchte, verdankt er der Mutter. Sonst war in der kulturfernen Metzgerfamilie nämlich „alles Wurschtelei“. Klosterschule? „Ich wurde da nie missbraucht, wie man das heute immer wieder hört. Für mich war es nur die große Begegnung mit der Kultur.“ Das Klosterleben, die Barockfeste, Theaterspielen, lokale Traditionen wie die mit unglaublichem Aufwand und zweitausend Bürgern in historischen Kostümen nachgestellte „Landshuter Fürstenhochzeit“ von 1475: „Das hat mich fundamental geprägt.“ Bis heute begibt sich Praml alljährlich nach Oberammergau, um in Ruhe in Klausur zu arbeiten. Nach der Schule ging es holpriger weiter. Zwar bestand Willy 18-jährig auf Anhieb die Prüfung der Falckenberg-Schauspielschule, doch sein Vater verweigerte ihm die Zustimmung – volljährig wurde man mit 21. Auch warf er ihn gleich aus dem Haus und enterbte ihn. Als privater Schauspielschüler schlug sich Willy mit Nebenjobs durch, was nicht lang durchzuhalten war. Dann studierte er und machte immer weiter Theater: mit den Pfadfindern in der deutsch-französischen Jugendarbeit. So machte er sich einen Namen.

Als 1968 alles drunter und drüber ging („Mit langen Haaren war man Verfolgter in Bayern“), zahlte sich das aus. Als Hausleiter ging er zum Jugendhof Dörnberg in Nordhessen, dann nach Dietzenbach bei Frankfurt: „Das war die Keimzelle.“ Über hundert Stücke mit benachteiligten Jugendlichen inszenierte er, eine Art „proletarisches Vaudeville“ (Praml), das Slogans der Zeit wie „die Straße zum Sprechen bringen“ spiegelte. Viele wurden im früheren „Theater am Turm“ (TAT) uraufgeführt. Die Linke liebte das, die SPD gab so großzügig Geld wie nie wieder. Dabei ging Praml sein Lehrlingstheater nie platt politisch an. Eher anthropologisch. Ihn interessierte nicht das Bewusstsein in siebter Generation entfremdeter Arbeiter, sondern das Ländliche darunter: „Grabe da, wo du stehst.“ Was also taten die Lehrlinge, wenn sie nicht arbeiteten? Na klar – sie gingen zur Kirmes und zum Karneval: Relikte einer vorproletarischen Landkultur der Jahrtausende.

Ein zweiter Bruch im Theaterleben führte zur Gründung des „Theaters Willy Praml“. Während der 80er Jahre hatte Praml erfolgreich Dorfkultur-Arbeit in Brechen bei Limburg betrieben. Was verheißungsvoll begann und das Dorfleben bis heute befruchtet (die Bachelor-Arbeit eines Theaterpädagoge berichtet davon), endete im Eklat über die Inszenierung „Bauern sterben“. Praml griff auf das Stück von Franz Xaver Kroetz zurück, konzentrierte sich aber aufs Thema Bauernsterben als Ende einer uralten Kultur und ignorierte das vordergründig Politische. Irgendjemand blies dem Bischof die Ohren voll mit Kroetz’ Kommunismus, eine Warnung vor Praml ans katholische Dorf folgte, und alle ließen ihn fallen. So sind Dörfer.

Dabei bewunderte Praml den versuchten Widerstand im Dorf gegen die Nazis. Immer noch schwärmt Praml für die Jahre zwischen Dorf und „TAT“ (ein Stück lief sogar bei „Theater der Welt“ im Grüneburgpark): „eine irrsinnige Zeit“. Eine der ersten Regien mit dem „Theater Willy Praml“ war dann 1992 Paul Claudels urkatholisches Stück „Das Buch von Christoph Columbus“, das im Frankfurter Kino Harmonie lief.

Noch eine Grundsatzfrage: Welche Vorbilder prägten Pramls und Webers Theaterarbeit? Beide nennen die Theaterschule Jacques Lecoqs (1921–1999), die sie vier Jahre lang im Sommer aufsuchten. Lecoq, ein Vorläufer des Performance-Theaters, lehrte körperbetontes Spiel, war mit Artaud und Barrault befreundet, arbeitete am Piccolo Teatro in Mailand und zählte Luc Bondy, Christoph Marthaler, Ariane Mnouchkine und Yasmina Reza zu seinen Schülern. Prägend wurden auch Erfahrungen wie Einar Schleef, Filme Syberbergs, Nachkriegsregisseure wie Fritz Kortner und Regieklassiker wie Klaus Michael Grüber. An Peter Stein scheiden sich die Geister. Weber, der jüngere, erträgt Stein nicht.

Vererbt wird nichts

Die Arbeitsteilung bei fast allen Inszenierungen spiegelt den Gegensatz ihrer Temperamente. „Willy“, sagt Weber, „ist kein Konzeptmensch. Er kennt sich im Autor und der Geschichte aus, ist sprachbesessen und liest gründlich. Aber er kann nicht sagen, was sein Regiekonzept ist. Er arbeitet wie ein Bildhauer, der Dinge wegschlägt, nicht hinstellt.“ Er, Weber, dagegen sei „zu sanft oder autistisch“, um selber Regie zu führen, die er als „Drecksarbeit“ an lästigen Details sehe. Man ergänze sich da perfekt. Meist macht Weber zuerst Vorschläge zur Bühne und den Kostümen, dann stimmt man sich ab. „Willy kann mit der Welt, die ich kreiere, immer was anfangen. Es sind selten reale Räume. Er kann mit Zumutungen umgehen.“

Mitte September steht die Premiere der biblischen „Genesis“ an. Angetan hat es Praml die Gestalt Abrahams, auf die sich drei Weltreligionen berufen. Die „geistlichen“ Spiele des „TWP“ spiegeln eben eine undogmatische Religiosität, weshalb auch schon Muslime mitspielten, was in Zeiten einer im Guten und Schlechten modernen Renaissance des Religiösen interessant ist.

Praml fasziniert besonders, dass dem Abraham kein unveränderlicher, diamantener Philosophen-Gott gegenübertritt, sondern ein dramatischer Gott im Welt-Spiel mit der auch Fehler bereuen, das Bündnis suchen und uns Menschen testen kann: Grundfiguren einer modernen Theologie, wie sie schon der Schweizer Theologe Hans Urs von Balthasar („Theodramatik“) entwickelte.

Was wird aus dem „Theater Willy Praml“ ohne Willy Praml? Was kommt, kommt, sagt Weber – dann, wenn es soweit ist. Bei Praml spürt man, wie es ist, wenn Leute anfangen, einem das Lebensalter vorzurechnen: „Das ist eine harte Frage“, sagt er. Auch eine der Kulturpolitik, fällt ihm ein. Wie habe eine Kulturpolitikerin ihm einmal gesagt: „Vererbt wird nichts.“

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