Hilmar Hoffmann, heute 92 Jahre alt, 2015 im Garten seines Hauses in Frankfurt-Oberrad. Als früherer Kulturdezernent ist der Sozialdemokrat immer noch eine Eminenz.
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Hilmar Hoffmann, heute 92 Jahre alt, 2015 im Garten seines Hauses in Frankfurt-Oberrad. Als früherer Kulturdezernent ist der Sozialdemokrat immer noch eine Eminenz.

Buchkritik

Hilmar Hoffmann beschreibt seine Jugendjahre unter den Nationalsozialisten

Verblendung, Verführung, Anpassung, mangelnder Widerstand? Der Autor schaut zurück und konfrontiert sich in großer Offenheit mit sich selbst.

Es ist sein fünfzigstes Buch, vielleicht sein wichtigstes – ganz sicher das Buch, das er unbedingt noch schreiben musste. „Mein letztes!“, sagt Hilmar Hoffmann. Im Gegensatz zu anderen deutschen Intellektuellen seiner Generation hat der Grand old Man der Kultur nie ein Hehl daraus gemacht, dass er in seiner Jugend ein begeisterter Nazi war. Das hat ihm die besondere Zuneigung von Überlebenden des Naziterrors eingebracht, denen Offenheit lieber ist als Beschweigen, Verdrängen und Leugnen der ganz persönlichen Geschichte zwischen 1933 und 1945.

Lauf ins Verderben

Wie hatte ihm das passieren können? Wie hatte ein aufgeweckter, nicht ungebildeter Junge sich mit Haut und Haar einer durch und durch verbrecherischen Sache verschreiben können? Wie hatte eine ganze Generation Massenmördern hinterlaufen können wie die Lemminge, auf einer Spur der Verwüstung ins eigene Verderben? Das wollte Hilmar Hoffmann verstehen – um mit sich selbst ins Reine zu kommen, aber auch, um aktuellen Gefahren zu begegnen: „In politischer Verantwortung wurde dieses Buch auch … geschrieben, um . . . daran zu erinnern, wohin diese Reise mit dem Wiedererstarken eines aggressiven rechten Populismus in Europa führen könnte.“

Eineinhalb Jahre hat Hilmar Hoffmann die Filme seiner Jugend noch einmal angesehen, die Bücher seiner Jugend noch einmal gelesen, den Gefühlen und Gedanken seiner Jugend nachgespürt, handschriftlich Seite um Seite gefüllt. Herausgekommen ist ein Opus magnum, fast 600 Seiten stark – vier Bücher, ineinander verwoben: Ein spannender, autobiografischer Entwicklungsroman, eine materialreiche Filmgeschichte des Dritten Reiches, eine Kultur- und Literaturgeschichte des NS und ein Essay über Verblendung, Anpassung und mangelnden Widerstand.

Liebe zum Vaterland

Die Lektüre ist nicht einfach. Hilmar Hoffmann arbeitet assoziativ. Er unterbricht die autobiografische Erzählung immer wieder mit historischen Einschüben, kurzen Essays, Filmbesprechungen, literarischen Zitaten. Die Sprache ist nicht unkompliziert. Manche Formulierung, manche Einschätzung ruft Widerspruch hervor, manche Faktenauswahl scheint angreifbar. Unwichtig. Die Bedeutung dieses Buches liegt in der Offenheit und Reflektiertheit, mit der sich Hilmar Hoffmann mit seiner eigenen Verstrickung in den Hitlerfaschismus konfrontiert, mit seiner jugendlichen Begeisterung für Fahne, Führer, Volk und Vaterland.

1932 hatte der Siebenjährige, Jüngster von drei Söhnen eines marxistischen Apothekers und einer nationalsozialistischen Kindergärtnerin in Bremen, einen heftigen Streit zwischen den Eltern erlebt, als die Mutter einem verletzten SA-Mann Zuflucht gewähren wollte. Die Eltern trennen sich. 1933 verlässt der Vater Deutschland. Man hört nie wieder von ihm. Die Mutter bringt die Söhne allein durch. Als Hilmar elf Jahre alt ist, wird sie durch Protektion eines NS-Gauleiters Leiterin eines Kinderheims in Oberhausen. Beide Brüder werden begeisterte Offiziere in Hitlers Armee. Als Jungvolkführer will Hilmar ihnen nacheifern. Eingebunden in eine strenge Führer-Gefolgschafts-Hierarchie, eingelullt durch einen gefühligen Blut- und Boden-Mysthizismus, begeistert durch quasireligiöse Nazirituale und ihre heroisierende Überhöhung in Leni Riefenstahls Filmen, fühlt der Junge sich als Teil einer „zusammengeschweißten Lebensgemeinschaft unter einer uns alle beschirmenden Fahne“, die es gegen „bolschewistischen und jüdischen Verrat“ zu verteidigen gelte, bis zum Heldentod.

Arbeit fürs Reich

Noch die Liebe zu Kunst und Kultur, zu Goethe, Hölderlin, Wagner wird instrumenatlisiert. Filme ohne Gewissen sind die wirksamsten Instrumente des rabiaten Antisemitismus. Wie subkutan, zugleich allumfassend Propaganda und quasimilitärische Disziplin in Schule, Hitlerjugend und „Reichsarbeitsdienst“ wirken, wie sie jedes eigenständige Denken ausschalten, analysiert Hilmar Hoffmann detailliert.

Um der Rekrutierung zur Waffen-SS zu entgehen, meldet sich der Siebzehnjährige freiwillig zu den Fallschirmjägern und erlebt nach dem D-Day in der Normandie das totale Grauen. „Die Front war zersplittert, … allenthalben, auch in unserem Nacken, und links und rechts von unserem versprengten Haufen.“ Mit erhobenen Händen gehen die jungen Fallschirmjäger in amerikanische Gefangenschaft. Tagelang werden sie zur Bergung der Leichen der SS-Panzerdivision „Hitlerjugend“ eingesetzt, Tausender im aussichtslosen Kampf verheizter Sechzehnjähriger, „mein prägendstes Erlebnis in einem schaurigen Krieg“. Schlagartig wird klar: Wir sind belogen worden. Heroisch ist dieser Tod nicht, er ist grauenvoll und sinnlos. Diesem schockartigen Erwachen auf dem Schlachtfeld in der Bocage folgt ein anstrengender, beglückender Prozess des Umdenkens.

Vom Glück des Selberdenkens erfährt der junge Hilmar Hoffmann in der Kriegsgefangenschaft in den USA. Er arbeitet als Landarbeiter und Verkäufer im Lagerladen. Er lernt Englisch, angelsächsische Dichtung und amerikanische Filme lieben, die Denker der Aufklärung kennen. Dem niederländischen Lagerpriester Georg Degenhard, der sie ihm nahebrachte, bewahrt noch der 92-Jährige ein dankbares Andenken. Durch einen Dokumentarfilm erfährt er von den unvorstellbaren Verbrechen derer, an die er so lang und innig geglaubt hatte: „Nazi Concentration Camps“, gedreht 1945 in gerade befreiten Lagern in Deutschland. „Endgültige . . . drastische Abkehr von unserem sogenannten Führer“.

Zurück nach Europa geht es über Schottland – Ernteeinsatz, Dolmetscherdiplom. Im Herbst 1947, nach zweieinhalb Jahren, Rückkehr zur Mutter nach Oberhausen, Arbeit als Dolmetscher in der Britischen Rheinarmee. Dem Colonel gefällt der junge Mann. Er schickt ihn nach Wilton Park in Buckimhamshire, der Kaderschmiede für den demokratischen Neubeginn im befreiten Deutschland. Dort begegnet Hilmar Hoffmann einem weiteren bis heute verehrten Lehrer, dem Philosophen, Mathematiker, Nobelpreisträger Bertrand Russell. Von ihm und anderen lernt er: Fragenstellen ist erlaubt, Widerspruch notwendig, Selbstdenken, Selbsthandeln ein Glück. Hilmar Hoffmanns humanistische Maxime „Kultur für alle“ hat ihren Ursprung in Wilton Park.

Lehre fürs Denken

Als Einziger in seiner Klasse hat Hilmar Hoffmann, Jahgang 1925, den Krieg überlebt. In der Kriegsgefangenschaft ist er Menschen begegnet, die ihn lehrten, seinen eigenen Kopf zu benutzen. Ein großes Glück, trotz allem. Ein Glück für uns Leser, das er uns daran teilnehmen lässt. Übrigens: Ein Buch über Wilton Park müsste noch geschrieben werden. Vielleicht Hilmar Hoffmanns einundfünfzigstes?

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