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Hofheims Stadtmuseum erinnert sich an Ludwig Meidner

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Von: Dierk Wolters

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Die Ausstellungsserie in und um Frankfurt mit Bildern des wiederentdeckten Expressionisten Ludwig Meidner setzt sich mit Porträts von Genossen seiner Zeit fort.

Die Wiederentdeckung Ludwig Meidners verdankt sich einem Zufall. Es war anlässlich einer Ausstellung in Recklinghausen 1961, als ein amerikanischer Kunsthistoriker und alter Bekannter Meidners vor vollem Saal über dessen Werk referierte und mit den Worten schloss, er wisse freilich nicht, ob Meidner dem zustimmen würde, wo er heute sei, ob er überhaupt noch lebe. Da meldete sich eine hohe Stimme im Publikum: „Hier bin ich, Meidner“, sagte sie, „eine kugelige Gestalt“ erhob sich, der alte Bekannte unterbrach seinen Vortrag, eilte durch die Reihen zu Meidner, ihn zu umarmen. „Der Saal heulte“, so schildert es sein erster Biograf Thomas Grochowiak in einem Film, der die Lebensstationen des Künstlers beschreibt. Er ist zu sehen in einer feinen Ausstellung im Hofheimer Stadtmuseum, das sich der Marxheimer Jahre des Künstlers annimmt.

Geboren in Schlesien

Als Ludwig Meidner 1955 aus dem Londoner Exil nach Deutschland zurückkehrte, blickte er auf ein bewegtes Leben zurück: 1884 in Schlesien geboren, zählte er in den 10er Jahren des jungen Jahrhunderts zu den herausragenden Expressionisten, bis er sich in den 20er Jahren von der Bewegung lossagte und zum jüdischen Glauben zurückfand, in dem er erzogen worden war. Von den Nazis zunehmend isoliert und 1937 in der Ausstellung „Entartete Kunst“ angefeindet, ging er erst 1939 ins Exil, aus dem er 16 Jahre später allein zurückkehrte, ohne seine Frau Else. Sie blieb in London.

Jahre im Altersheim

Die ersten zwei Jahre lebt Meidner im jüdischen Alterswohnheim in Frankfurt. Dann verschaffen ihm Freunde, zu denen die in Hofheim lebende Galeristin Hanna Bekker vom Rath zählt, in Marxheim ein eigenes Atelier. Dort lebt er in bescheidensten Verhältnissen, ohne Toilette, im Winter ist es eisig kalt, doch mit einem Freundeskreis von Ortsansässigen und Bewunderern, die ihn wärmten. 1963 macht die Gesundheit des alten Mannes nicht mehr mit, für die letzten Jahre seines Lebens zieht er nach Darmstadt. Seine dortige Wohnung ist zwar zentralbeheizt, doch das Atelier-Ambiente muss der alte Bohémien dafür aufgeben.

Die Hofheimer Ausstellung ist eine von mehreren in diesem Jahr, das der Kulturfonds Rhein-Main aus Anlass von Meidners Tod vor 50 Jahren zum Gedenkjahr ausgerufen hat. Die Schau beschäftigt sich naturgemäß vornehmlich mit Meidners Hofheimer Jahren. Sie zeigt zahlreiche seiner überaus naturalistisch gemalten Porträts aus dieser Zeit. Sie alle befinden sich heute im Archiv des Jüdischen Museums Frankfurt und zeigen einen Maler, der, wie er selber in einem alten Fernseh-ausschnitt sagt, die Menschen abbilden möchte. „Wie sie sind, ihr Inneres“ will er zum Ausdruck bringen.

Fast konventionell wirken diese Menschendarstellungen heute, doch darf man nicht vergessen, dass sie ein gar nicht einmal leises Statement gegen den herrschenden Kunstbetrieb waren. Gefeiert wurde in der Nachkriegszeit die Abstraktion. Wer sich diesem Trend widersetzte, hatte es schwer. Meidner aber war ein Querkopf, der ganz nach seinen Überzeugungen lebte. Nie tat er sich schwer damit, es sich schwer zu machen.

Arbeit in der Nacht

Nahezu unersättlich sei sein „Porträthunger“ gewesen, „wir alle waren Futter“ für ihn, erinnern sich Zeitgenossen und Freunde – erstaunlich viele junge Fans wusste er übrigens um sich zu scharen. Die Nacht machte er gern zum Tag, kreativ wurde er, wenn die Dunkelheit kam, nach Mitternacht diente ihm auch Alkohol zur weiteren Stimulation, erinnert sich sein Meisterschüler Jörg von Kitta-Kittel, der auf zahlreichen Porträts zu sehen ist. Die Schriftstellerin Eva Demski weiß in dem sich Meidner behutsam und auf sehr menschliche Weise nähernden Katalog anschaulich zu berichten, wie sehr die unkonventionelle Künstlerexistenz, wie sie Meidner mit Haut und Haar lebte, die in den restriktiven 60er Jahren aufgewachsene Jugend befeuerte.

Von früh bis spät malte der bald heimische Neu-Hofheimer in seinem Atelier mit dem angrenzenden verwunschenen Garten unbekannte und bekannte Menschen wie Karola Bloch, die Frau des Philosophen Ernst Bloch, oder Cornelia von Plottnitz, die heute die Ludwig-Meidner-Gesellschaft in Frankfurt leitet. Die Überleitung zu diesen Porträts bilden ein paar Zeichnungen aus der Londoner Zeit, in denen sich Meidner als Karikaturist und Chronist seiner Zeit versuchte. Sie knüpfen damit an jene Schau über den „Horcher im Exil“ an, die bis zum Juli im Frankfurter Museum Giersch zu sehen war.

Auch Fotografien gibt es aus Meidners Marxheimer Zeit: Der Fotojournalist Stefan Moses besuchte den Maler gemeinsam mit dem Schriftsteller Hans Sahl 1956. Die Bilderserie, die dabei vor 60 Jahren entstand, ergänzt nun in Hofheim die Porträt-Schau auf liebenswerte Weise, weil sie einen sehr echt wirkenden Einblick in Meidners späte Lebenswelt im vorderen Taunus erlaubt.

Stadtmuseum, Burgstraße 11, Hofheim. Bis 13. November, Di 10–13 Uhr, sowie Di bis Fr 14–17 Uhr, Sa und So 11–18 Uhr. Eintritt 5 Euro. Telefon (0 61 92) 90 03 05. Internet

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