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Clueso singt von Befinden und Befindlichkeit, und zum Dank wird im Publikum mitgesungen, mitgetanzt, mitgewunken und mitgewedelt.

Festival

Hymnen zum Durchhalten – und den Daumen im Wind

Der eine brachte sein „Scheiß Leben, gut erzählt“ mit, der andere seine Lieder von „Achterbahn“ und „Neuanfang“ und „Pizzaschachteln“.

Olli wer? Im Bekantenkreis hinterlässt der Name Olli Schulz große Fragezeichen. Ein Indiz, dass selbst pfiffige Mitmenschen nur wenig ProSieben oder ZDFneo schauen. Dort hat Olli Schulz Soloformate wie „Schulz in der Box“, aber tritt auch mit Jan Böhmermann in der kongenialen Talkshow „Schulz & Böhmermann“ auf oder als Sidekick der Besserwisser Joko & Klaas im „Circus HalliGalli“. Nicht zu vergessen die Podcasts „Sanft & Sorgfältig“ und „Fest & Flauschig“, ebenfalls mit Böhmermann. Für seine relative Unbekanntheit zieht der gebürtige Hamburger Singer-Songwriter, eine erkleckliche Fangemeinde auf die Mainzer Zitadelle. Olli Schulz, dessen Namen im Hintergrund riesengroß über dem Begriff Inkassounternehmen prangt, zeigt Allroundtalent. Allein, wie sein Verbal-Entertainment in den nächsten Song überleitet, erweist sich als kurzweilig und hochklassig. Selbstironisch bis sarkastisch kommt der 44 Jahre alte Schulz zwar vom Stöckchen aufs Hölzchen, behält aber den roten Faden bei und neigt gelegentlich gar zur Medienkritik: „Ich hab’ einen Heidenbammel davor, dass unsere Kinder in einer Welt aufwachsen, wo es nur noch geil und scheiße gibt und keine Zwischentöne mehr“, beschreibt er gegenwärtige gesellschaftliche Polarisierungen.

Doch Olli Schulz befindet sich nicht nur in Laberlaune und überblendet absurde Alltagsbeobachtungen mit urigen Anekdoten und intimen Augenblicken. Überaus kompetent unterstützt wird er durch Bassistin Isa Poppensieker, Keyboarder Arne Augustin, Schlagzeuger Ben Lauber sowie Sologitarrist Max Schröder (Ex von Heike Makatsch). Mit Letzterem werkelte Schulz schon kultig im Duo „Olli Schulz und der Hund Marie“. Stilistisch aufgefächert in patenten kunterbunten Arrangements, kommt der Schulz’sche Wortwitz auch in den Songs aus vier Soloalben nie zu kurz. Sein letztes Werk „Scheiß Leben, gut erzählt“ fasst schon im Titel zusammen, worauf es Schulz in eloquenten Hymnen wie „Wenn die Musik nicht so laut wär“, „Wachsen (Im Speisesaal des Lebens)“, „Als Musik noch richtig groß war“ und „Schrecklich schöne Welt“ ankommt. Zum Finale packt Olli Schulz dann noch skurrile Geschichten aus: „Phosphormann“, „Sauna (Aufguss! Aufguss!)“ und „Halt die Fresse, krieg ’n Kind“.

Einen Abend später tummelt sich eine mindestens doppelt so große Besucherschar bei Clueso. Gilt der in Jogginghose und weißes T-Shirt gekleidete 38-jährige Erfurter doch als sympathischer Konsenskünstler, der bei seinen Publikumsanimationen ganze Familienverbände zu begeistern versteht. Vom jamaikanisch inspirierten Auftaktsong „Love The People“ an gibt sich Thomas Hübner alias Clueso zugänglich und von melancholischer Nachdenklichkeit zugleich. Begleitet von einem achtköpfigen Ensemble, darunter ein Blechbläsertrio, variiert er Genre-Adaptionen, die jeder mag, von Reggae über Pop und Rock bis zu Funk, Soul, Hip-Hop und Singer-Songwriter. Allzu Grüblerisches bleibt draußen, zugunsten aufgeschäumter Durchhalte-Hymnen wie „Neuanfang“, „Achterbahn“, „Mitnehm“ und „Erinnerungen“.

Wie die Kollegen Philipp Poisel und Johannes Oerding besingt Clueso die eigene Befindlichkeit: introspektiv wie in „Pizzaschachteln“ oder aber mit Soul-Schmackes wie in „Kein Zentimeter“. Bei weiteren Exkursionen ins eigene Innere wie „Anderssein“ und „Wen Du liebst“ duettiert er mit der großartigen Vokalistin Cäthe Sieland. Udo Linderbergs „Cello“ fehlt ebenso wenig wie süffisante Anekdoten über den Mann mit dem Hut. Wobei ohnehin auffällt: Clueso klingt stimmlich ähnlich wie der junge Udo, als der noch den „Daumen im Wind“ hielt und nicht in nuschelnde Selbstparodie verfallen war.

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