Jean-Michel Jarre mit neuem Doppelalbum

„Ich brauche keine Drogen“

Der französische Synthesizer-Komponist spielt seine außerirdische Musik auch bei vier Spätabendkonzerten im Planetarium von Bochum.

Er war mit Charlotte Rampling verheiratet und mit Isabelle Adjani liiert, spielte als erster westlicher Musiker in China und trat in Moskau vor 3,5 Millionen Menschen auf. Das erste Album von Synthie-Pop-Veteran Jean-Michel Jarre war 1976 „Oxygène“ und ist bis heute die erfolgreichste französische Platte aller Zeiten. Inzwischen ist der Pionier aus Paris 67 Jahre alt, sieht aber erstaunlich frisch aus. Auch seine Musik klingt alles anders als angestaubt. Jarre hat 30 namhafte Kollegen dazu eingeladen, gemeinsam mit ihm zwei Konzeptalben einzuspielen – gewissermaßen die DNA der elektronischen Musik. Mit dabei waren Pete Townshend, John Carpenter, Moby, Lang Lang, Vince Clarke und Laurie Anderson. „Electronica 1“ erscheint am 16. Oktober, Teil zwei folgt nächstes Frühjahr. Vom 7. November an gibt Jarre unter dem Titel „Aero“ vier Spätabendkonzerte im Planetarium von Bochum – sphärische Klänge unter den Sternen. Olaf Neumann sprach mit Jean-Michel Jarre in einer Hotelsuite in Berlin.

Mr. Jarre, in dem Projekt „Electronica“ erzählen Sie über insgesamt zwei Alben hinweg die Geschichte der elektronischen Musik und ihres Vermächtnisses aus Ihrer ganz eigenen Perspektive. Wie viel Zeit haben Sie mit diesem Projekt verbracht?

JEAN-MICHEL JARRE: Dieses Projekt wurde zu einer unendlichen Geschichte, weil ich dazu neige, ständig etwas an der Musik zu verändern. Ich hatte beschlossen, sämtliche Beteiligten persönlich besuchen zu wollen. Sie alle gaben mir das Gefühl, dass es mein Album ist und ich das letzte Wort habe.

Wo haben Sie Ihre Mitstreiter getroffen?

JARRE: Also, Pete Townshend besuchte ich zu Hause in Richmond, als nächstes fuhr ich mit dem Zug nach Wien und weitere 90 Kilometer mit dem Auto, um Edgar Froese von „Tangerine Dream“ zu treffen. Ich flog nach Brooklyn und Los Angeles, um Vince Clarke, Moby, Hans Zimmer und Julia Holter zu treffen. In London und Bristol besuchte ich die „Fuck Buttons“ und „Massive Attack“, in Berlin „Boys Noize“. Der Untertitel der Platte – „Time Machine“ – steht für den Versuch, bestimmte Ären der Musikgeschichte in der Vergangenheit und Zukunft zu besuchen.

Mögen Sie Science-Fiction-Filme, in denen durch die Zeit gereist wird?

JARRE: Zeitreisen sind kein Science-Fiction, sondern die Bestimmung der Menschheit. Wir Menschen sind längst Zeitreisende, Zeit existiert doch nur, weil es uns gibt. Ich möchte hier nicht zu philosophisch werden, aber mir gefällt Stephen Hawkings Theorie, die besagt, dass Zeit überhaupt nicht existiert. Wir haben sie bloß erfunden, weil unsere Verweildauer auf diesem Planeten begrenzt ist.

Stephen Hawking ist davon überzeugt, dass Zeitreisen möglich sind. In welche Ära würden Sie denn gerne reisen?

JARRE: Unbedingt in die Zukunft. Ich bin kein Nostalgiker. Menschen haben oft romantische Vorstellungen von der Vergangenheit, aber tatsächlich war das Leben früher längst nicht so bequem wie heute. Die Menschen verloren ihre Zähne, hungerten und starben oft schon vor ihrem 30. Geburtstag an schrecklichen Krankheiten, weil es keine Antibiotika gab. Aber das Schlimmste war, dass es keine Elektrizität gab. Was sollte ich als elektronischer Musiker also in der Vergangenheit?

Als Sie anfingen, Musik zu machen, gab es noch nicht die technischen Möglichkeiten von heute. Welchen Einfluss hat die Technik auf Ihre Musik?

JARRE: Nun, die Technik hat seit jeher ganze Musikstile definiert. Elvis Presley hat dreiminütige Singles aufgenommen, weil damals nicht mehr Musik auf eine Platte mit 78 Umdrehungen passte. Irgendwann kamen Künstler wie „Pink Floyd“ oder ich auf, die 20-minütige Stücke machten, eben weil das Format LP dies erlaubte. Und mit der DJ-Technologie von heute ist alles möglich, was ich extrem spannend finde. Es hat mich schon immer gereizt, Technologien zu kapern, sie zu verdrehen und für meine eigenen Zwecke zu benutzen. Genau das ist die Funktion eines Künstlers.

Wer hat Sie bei der Zusammenarbeit für „Electronica“ am meisten beeindruckt?

JARRE: Ganz ehrlich: Sie haben mich alle beeindruckt. Insbesondere natürlich Pete Townshend. Er ist einerseits ein legendärer Rock-Gitarrist und kennt sich andererseits sehr gut mit virtuellen und elektronischen Instrumenten aus. Faszinierend auch die junge Britin Little Boots. Sie spielt eine ähnliche Laserharfe wie ich sie 1981 entwickelt habe.

Der chinesische Superstar Lang Lang fällt aus dem Rahmen. Welche Beziehung hat er als klassischer Pianist zu elektronischer Musik?

JARRE: Auf meinem Album geht es nicht nur um elektronische Musik. Ich will aufzeigen, dass ich eine organische Herangehensweise an die Klangproduktion habe. Für mich ist Lang Lang in dem Moment, wo er am Klavier sitzt und spielt, ein Alien. Elektronische Musik hat ja seit jeher einen Link zu Science-Fiction. Lang Lang spielt nicht nur Klavier, er erforscht auch den Klang seines Instruments. Ich lebe in Paris gegenüber vom Théâtre de Champs Élysées, wo einst Strawinsky „Le Sacre du Printemps“ uraufführte. Dort spielte auch Lang Lang, und wir trafen uns anschließend bei mir auf einen Kaffee. Ich unterbreitete ihm meine Idee, und er meinte, er hätte noch nie auf einem Elektronikalbum mitgespielt. Wir setzten uns augenblicklich an mein E-Piano und sahen uns bereits am nächsten Tag wieder.

Die „Beatles“ schrieben wunderschöne Songs wie „Lucy In The Sky With Diamonds“ auf Drogen, auch Mike Oldfields „Tubular Bells“ ist auf diese Weise entstanden. Wie steigern Sie Ihre Kreativität?

JARRE: Ich brauche keine Drogen, damit mir etwas einfällt. Die Musik selbst ist meine Droge. Ich verbringe die meiste Zeit meines Lebens in irgendwelchen Studios. Sicher kann man seine Zeit auch mit anderen schönen Dingen verbringen, aber ich muss das einfach tun, ich habe keine andere Wahl. Genau diese Hingabe macht einen Künstler aus. Es ist wie eine Krankheit.

Album: Jean-Michel Jarre, „Electronica 1“, Sony, vom 16. Oktober an. Konzerte: Planetarium, Castroper Straße 76, Bochum. 7. November 21.30 Uhr, 28. November 22.30 Uhr, 19. Dezember 21.15 Uhr, 9. Januar 21 Uhr. Karten zu 10,50 Euro unter Hotline 01806-57 00 70. Internet

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