"Timm Thaler" kommt ins Kino

„Ich glaube zutiefst ans Gute“

Die Berliner Schauspielerin Nadja Uhl ist in „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ als Hausdame Yvonne zu sehen. Unter der Regie von Andreas Dresen.

Sie verkörperte die Terroristin Brigitte Mohnhaupt und die Mutter des „Dschungelkinds“, sie lud ein Millionenpublikum zu einem unvergesslichen „Sommer vorm Balkon“ ein und ließ „Männerherzen“ höher schlagen: Nadja Uhl gehört zu den vielseitigsten Schauspielerinnen des deutschen Kinos. In Fernsehproduktionen ist die 1972 in Stralsund geborene Absolventin der Leipziger Theaterhochschule gefragt, wenn historische Geschichten wie „Das Wunder von Lengede“, „Nicht alle waren Mörder“ oder „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“ nach authentischer, unprätentiöser Darstellung verlangen. In Andreas Dresens Verfilmung des Jugendbuchs „Timm Thaler“ spielt Nadja Uhl nun eine ganz besondere Hausdame namens Yvonne. André Wesche sprach mit der Schauspielerin.

Frau Uhl, würden Sie immer folgen, wenn Andreas Dresen, mit dem Sie schon „Sommer vorm Balkon“ gedreht haben, ruft?

NADJA UHL: Blind zu folgen, ist nicht meine Sache. Auch Andy kann das nicht für sich beanspruchen. Aber er ruft meistens mit guten Gedanken und Ideen. Und er ist ein Mensch, dem man gerne folgt. Bei diesem Stoff musste ich nicht lange überlegen.

Konnten Sie „Timm Thaler“ in Ihrer Jugend sehen oder lesen?

UHL: Ich kannte die Serie mit Thomas Ohrner und auch das Buch, ich bin damit aufgewachsen. Deshalb war ich auch begeistert, dass sich Andreas dieser Geschichte noch einmal annimmt.

Was für ein Bild haben Sie sich von der Hausdame Yvonne geschaffen, dieser, wie Sie sagen, „blondgelockten Engelsspionin“?

UHL: Ich hatte ja das Schicksal, eine kleine Rolle darzustellen. Dann malt man sich Dinge aus, die im Film kein Mensch sieht. Man baut sich seine eigene kleine Geschichte. Unser Alltag besteht aus viel Göttlichem und viel Teuflischem. In meiner Fantasie muss es jemanden geben, der das Ganze ein wenig im Blick behält. Die Hausdamen sehen alle so aus wie ein Alter Ego der Hausdame Yvonne. Mir hat die Idee gefallen, dass sie vom Himmel gesandte Spioninnen sind, die schauen, was der gute alte Beelzebub da unten so treibt. Diese kindliche Fantasie habe ich mir erlaubt.

Schütteln Sie eine solche Rolle mehr oder weniger aus dem Ärmel?

UHL: Nein, es wäre falsch, das so zu beschreiben. Ich gehe an jede Rolle mit ganz viel Spielfreude heran. Am Anfang habe ich noch gar nicht so viele Antworten, nur Ideen. Selten kann man so viel Spielfreude entwickeln wie in einem Film von Andreas Dresen. Gemeinsam haben wir eine kleine Figur entwickelt, die noch einmal eine andere Farbe in den Film bringt.

Die echte Welt funktioniert leider etwas anders als die glücklich endende Geschichte des Jungen, der dem Bösen sein Lachen verkauft und dafür jede Wette gewinnt. Nach der Bankenpleite haben die Steuerzahler die Schulden bezahlt. Die Banker lassen wieder die Korken knallen. Haben wir unser Lachen weggegeben, ohne eine Gegenleistung zu bekommen?

UHL: Was sich während der Bankenkrise abgespielt hat, war in den Augen eines fleißigen, normalen Menschen natürlich der blanke Zynismus. Da sind wir doch eigentlich alle einer Meinung. Aber nur selten werden die Veränderungen wirklich benannt, denen wir unterliegen. Es entspricht meiner Weltsicht, dass ich zutiefst an das Gute im Menschen glaube. Vielleicht aus Gründen der Selbsterhaltung. Man muss nur Kleinkinder beobachten, um zu sehen, dass wir gut und solidarisch veranlagt sind. Was aber geschieht mit Menschen, wenn sie sich „Werte“ einreden lassen, die einzig dazu gedacht sind, ihre furchtbare innere Leere zu füllen? Diese Leere kann aber nie materiell gefüllt werden. Das Resultat ist maßlose Gier. Ich beobachte diesen Prozess nicht von außen, ich bin genauso unzulänglich wie alle anderen. Mir scheint es so, als fänden in unserer Gesellschaft klimatische Veränderungen statt. Ich bin privat sehr oft in unseren Dörfern und Kleinstädten unterwegs und nah an den Menschen dran. Ich fühle mich dort sehr bodenständig und normal. Dann kehre ich in die Kreise zurück, in denen ich mich beruflich bewege und frage mich, wie diese verschiedenen Anschauungen eigentlich noch zusammengehen sollen.

Sie meinen, dass wir alle ein neues Werteverständnis entwickeln müssen?

UHL: Absolut. Die Menschen sind nicht dumm und uninteressiert, die breite Masse ist im Moment noch nicht verführbar. Ich beobachte neuerdings eine unglaubliche Wachsamkeit in Gesprächen um mich herum, und sei es aus einem Instinkt heraus, dass irgendetwas schiefläuft. Das ist schwer zu benennen. Wenn man als Erwachsener einen Film wie „Timm Thaler“ sieht, sagt man sich: Gott sei Dank schaut noch jemand hin. Aufs Menschliche. Auf die Liebe. Der Mensch ist analog. Wir sind keine digitalen Wesen. Mit künstlichen Intelligenzen werden wir niemals konkurrieren können. Und auch nicht mit den Algorithmen, die die Banken bei ihren Geschäften einsetzen. Die digitale Gesellschaft ist nicht das Größte. Ich glaube, dass die modernsten Menschen bald wieder analog leben werden. Es wird der letzte Schrei sein, sich wirklich zu begegnen, sich zu berühren, zu umarmen. Real im Hier und Jetzt zu sein.

Welche Fragen müssen wir uns stellen?

UHL: Die zentrale Frage ist, ob etwas wertvoll sein kann, auch wenn es sich nicht rechnet. Die Antwort kennen wir alle. Wir müssen wieder einfordern, dass sich vieles, was in diesem Leben unbezahlbar ist, nicht rechnen muss: Menschlichkeit, Solidarität, unser Miteinander. Die Menschen sind gut. Aber man versucht uns ständig einzureden, dass sie schlecht sind. Wer erlaubt sich das eigentlich? Ich entdecke auch in den Gemeinden viel gelebte Nächstenliebe und identitätsstiftendes Miteinander.

Vom 2. Februar an in den Kinos

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