Literatur

In ihrem jüngsten Roman „Neujahr“ erzählt Juli Zeh von Albtraumferien auf Lanzarote

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Es ist die schönste Zeit des Jahres – Urlaub: Sonne, Meer, Zeit für die Familie. Doch Henning blickt in einen Abgrund. Alles steht plötzlich in Frage.

Zum Glück gibt es Juli Zeh. Die Schriftstellerin ist nahezu die Einzige unter den zeitgenössischen deutschen Autoren, die sich nicht nur in Fernsehrunden, Manifesten und Proklamationen mit den aktuellen Themen der Gegenwart befasst, sondern auch in ihren Romanen. Die meisten anderen setzen sich nicht einmal in eine Talkshow. Mag sein, dass Zehs Neigung zu politischer Korrektheit manchem mitunter auf die Nerven geht. Dass sie sich einmischt mit ihrem Werk, ist jedoch aller Ehren wert. Und verdient Beifall. Kurz: Juli Zeh hat stets ein Anliegen und schreibt gut.

Während viele Helden andernorts mit ihren mittelständischen Gemütszuständen ringen, ihrer Reiselust, ihren Lektüreerlebnissen oder verschrobenen Leidenschaften, geht es bei Juli Zeh (44, „Corpus Delicti“, „Unterleuten“) um Recht und Unrecht, die düstere Vision von einer Gesundheits-Diktatur, um Terror oder die Verfassung der deutschen Provinz.

Zeh spricht ein Publikum an, das sich nicht in der Altbauwohnung mit Parkettboden verschanzt oder hinter den Forsythien im Reihenhausgarten, sondern das wissen will, was vor sich geht im Land und in der Welt, dabei aber nicht spröde Essays in Zeitschriften lesen, statt dessen den Stoff in einer lebendigen, spannenden oder unterhaltsamen Romanhandlung dargeboten sehen möchte. Wenn es überhaupt etwas wie engagierte Literatur in Deutschland gibt, so stammt sie von der promovierten Juristin, Schwerpunkt Völkerrecht.

Auf den ersten Blick scheint Zehs jüngster Roman „Neujahr“ in diese Linie gar nicht zu passen. Er spielt wie eins ihrer früheren Bücher auf Lanzarote. Henning, Sachbuchlektor, mittleres Alter, ist mit seiner Frau Theresa und den zwei kleinen Kindern über Weihnachten und Silvester im Pauschalurlaub auf der Kanaren-Insel. Die Stimmung ist mies. Natürlich gibt’s an der Unterkunft was auszusetzen. Bibbi macht noch in die Hose, Jonas will Lego spielen. Nie herrscht mal Ruhe. Außerdem: Warum muss Theresa unbedingt einen Weihnachtsbaum aufstellen? Auf Lanzarote – einer wüstenhaften Vulkaninsel, auf der sich höchstens ein paar zerzauste Palmen beharrlich im Wind halten. Und was will eigentlich dieser charmante Franzose von Theresa? Schlimmer sind nur die Panikattacken.

Als sich Henning am Neujahrsmorgen mit dem Rad aufmacht, einen Berg zu bezwingen, kriecht es in ihm hoch: Atemnot befällt ihn. Das Herz rast. Er beginnt den Halt in der Wirklichkeit zu verlieren. Gleich wird er sterben.

Tatsächlich rettet ihn eine gute Fee. Sie bewohnt oben ein großes Haus, bemalt Steine mit esoterischen Motiven, eine Künstlerin und Aussteigerin, die den Stress des modernen Lebens hinter sich gelassen hat und eine stille Existenz auf der Insel führt. Bald merkt Henning, dass er das Haus kennt. Als Kind war er mit Eltern und Schwester Luna schon einmal hier – im Urlaub. Der Vater hat sich damals von der Mutter getrennt – es war ein Albtraum: Beide plötzlich verschwunden, die Kinder allein im Haus. In wachsender Panik hat Henning versucht, Luna zu beschützen, den Tag zu überstehen.

Da haben wir’s: Der deutsche Mittelstand fliegt auf eine Insel, schon geht alles schief. Schlimm. Aber soll man das alles noch mal in einem Buch lesen, was man ja sowieso schon in- und auswendig kennt – aus Erzählungen von Freunden, aus eigener Erfahrung, aus Zeitschriften oder diesen endlosen Selbsterfahrungsreportagen in der Sonntagszeitung: Die Kinder nerven, Stress, in der Beziehung und auf der Arbeit. Man ist müde, erschöpft, hat keine Lust, ist frustriert. Jetzt soll der Urlaub mit der Familie ganz toll werden. Wird er aber nicht. Und der Sport stiftet auch keinen Sinn. Braucht das noch jemand – als Roman, auf fast 200 Seiten? Man könnte antworten: Nein. Aber wir haben es hier mit Juli Zeh zu tun. Also muss mehr dahinterstecken. Meist sind es ja weibliche Hauptfiguren, aus deren Perspektive solche Geschichten erzählt sind. Diesmal ist es ein Mann – ein Vater. Es geht hier nicht bloß um Ehe oder Familie. Es geht um ein Rollenmodell: die gleichberechtigte, arbeitsteilige Zweierbeziehung in einer Gesellschaft von Doppelverdienern, und um den Verdacht, sie könnte einen oder sogar beide Partner überfordern.

Henning jedenfalls ist überfordert, er bekommt Arbeit und Familie, die Bedürfnisse seiner Frau, die Ansprüche der Kinder und seine eigenen Wünsche nicht auf die Reihe. Die Panikattacken sind Ausdruck von Verzweiflung, Symptom eines Gehetztseins und permanenten Scheiterns, das überdies mit einem Kindheitstrauma zusammenhängt, von dem hier nicht noch mehr verraten sein soll, als dass es ebenfalls den heimlichen Glutkern des Romans berührt.

Ein männlicher Autor hätte diese Geschichte womöglich so nicht schreiben können. Er hätte sich des Vorwurfs der Larmoyanz ausgesetzt oder gar der reaktionären Sehnsucht nach patriarchalischen Zeiten. Juli Zeh hingegen darf sie zur Diskussion stellen, ohne in den Strudel einer Debatte zu geraten, ob der Roman politisch korrekt sei. Juli Zeh erzählt ihn routiniert, aber mit Schwung. Man liest engagiert, weil man wissen will, wie es weitergeht, und jede Unterbrechung dabei nur stört. Über die etwas bemühte Konstruktion und mitunter klapprige Psychologie sieht man, wie oft bei der Autorin, hinweg, man wird durch Geist und Beobachtungsgabe entschädigt. Selbst bei dem schier endlosen Anstieg Hennings zum Gipfel, der von Rückblenden unterbrochen wird, geht einem die Puste nicht aus. Die Schilderung des Horrortags aus der Sicht der verlassenen Kinder Henning und Luna gelingt Juli Zeh indes so beklemmend, so einfühlsam und überwältigend, wie es nur echte Literatur vermag. Juli Zeh hat ein wichtiges Buch geschrieben, das seine Leser keinen Moment loslässt.

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