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Sebastian Krumbiegel strotzt vor Selbstbewusstsein.

Autobiografie „Prinzen“-Sänger Sebastian Krumbiegel

Immer Ärger mit allem und jedem

Der Leipziger Pop-„Prinz“ Sebastian Krumbiegel zieht in seinem Buch „Courage zeigen“ eine Zwischenbilanz seines Lebens, verknüpft mit Zeitgeschichte.

Ein halbes Jahrhundert ist Sebastian Krumbiegel auf dieser Welt, ein Vierteljahrhundert ist er Musiker der A-cappella-Formation „Die Prinzen“ und damit mitverantwortlich für Hits wie „Küssen verboten“, „Alles nur geklaut“ oder „Du musst ein Schwein sein“. Jubiläen sind immer auch ein Anlass, freudetrunken zurückzublicken auf die vergangene Zeit und ein erstes verschwommenes, aber möglichst positives Resümee zu ziehen. Machen alle Prominenten, macht Krumbiegel genauso.

Als erklärter Mann des Wortes (oder besser: der vielen Worte) hat der Leipziger „Prinz“ dafür mit dem Buch ausgerechnet ein Medium gewählt, mit dem er bislang wenig bis keine Erfahrungen sammeln konnte als musikalischer Unterhalter. Vielleicht ein Fehler, wie sich beim Lesen seines selbstbewussten Debüts „Courage zeigen“ herausstellt, denn das geschriebene Wort hat gegenüber dem gesprochenen oder gesungenen so seine Tücken: Schwarz auf Weiß steht es da, ziemlich allein, kann sich weder tarnen, noch verflüchtigen. Wer nicht nur plaudern will, sondern etwas zu sagen hat, sollte sich seine Worte gut überlegen – und dann erst notieren.

Bei Krumbiegels Büchlein sind sich schon der Verlag und der Autor nicht sicher, was das Ganze soll. Der Verlag wirbt mit einer „Zwischenbilanz seines Lebens“, der Autor will laut Vorwort „weder eine Autobiografie, noch eine messerscharfe Aufarbeitung meines bisherigen Lebens“ liefern.

Was auf jeden Fall vorliegt, ist eine sehr anstrengende, sehr streitbare und sehr glorifizierende Schrift, die die Inthronisierung des Pop-„Prinzen“ als moralischer Oberinstanz voranzutreiben erhofft. Hier lebt jemand seine selbst für einen Unterhalter wie Krumbiegel überdurchschnittlich ausgeprägten Mitteilungs- und Geltungszwänge hemmungslos aus. Eigene Schulterklopfer inklusive. Erhobener Zeigefinger auch.

Sebastian Krumbiegel erzählt seine Lebensgeschichte, die keine sein will, als Heldengeschichte. Welches Jahr, welches politische Ereignis, welche persönliche Episode er sich auch scheinbar wahllos greift, immer steht nur einer im Mittelpunkt: der Empörer und Verschwörer, der Unangepasste und Unangenehme, der Bescheidwisser und Rechthaber.

Als schlechter Schüler mit Defiziten in fast allen Fächern (die Promi-Voraussetzung!) ist schnell klar: „Die einzige Möglichkeit, die mir blieb, um auf mich aufmerksam zu machen, war, die Rolle des lustigen Quertreibers einzunehmen“, und diese Rolle variiert er im Laufe der Jahre als Thomaner, als Soldat, als Christ, als Student, als Musiker, als Sebastian Krumbiegel. Es ist die Rolle seines Lebens: immer dagegen, immer Ärger mit Autoritäten, immer Protest, Ungehorsam.

Kann sein, dass es so war, dass es so ist, dass es so bleiben wird. Dass einer stets das Gute und das Richtige will und tut. Dass einer kaum Fehler macht, keine Makel hat und als Super-Sebastian geboren ist. Respekt. Es ist dennoch, auf mehr als 200 Seiten ausgewalzt, total unoriginell und unspannend. Sein Engagement in allen Ehren, aber irgendwann entsteht der fiese Eindruck, dass einige der „blauäugigen Aktionen“ (huch, eine kritische, allerdings ironisch abgemilderte Selbstreflexion) vor allem seinem Ego dienen: auf Augenhöhe mit den Mächtigen, mit „Bild“-Chef oder Ministerpräsident.

Nichts gegen ein „Leben mit Haltung“, das der Untertitel wichtigtuerisch betont, aber muss dieser hehre Anspruch aus jeder Zeile springen? Geht’s auch eine Nummer kleiner? Krumbiegel schenkt sich eine Hagiografie mit optimierten Erinnerungen, die das Gewesene so selektiert und komprimiert, bis nur die eine schlichte Wahrheit übrig bleibt.

Seine Zusammenarbeit beim Song „Das alles ist Deutschland“ mit den zweifelhaften Hip-Hop-Promis Fler und Bushido? Seine Teilnahme am TV-Format „Sing meinen Song“ mit Pop-Promi Xavier Naidoo? Seine Vereinshymne für das Fußball-Produkt RB Leipzig? Ignorieren wir lieber, wie es der Autor in seinem oberflächlichen Buch auch tut. Einzig die emotionalen Beschreibungen zweier prägender negativer Erfahrungen – das Ende der Freundschaft mit Ex-„Prinz“ Dirk Schrot und der Neonaziangriff auf ihn – deuten an, was aus diesem Leben bis dato noch mitzuteilen gewesen wäre: mehr als das sture Behaupten einer starren Denkweise.

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