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Sehen in ihren dicken Jacken aus wie die Michelin-Männchen und können auch sonst vor Kraft kaum gehen: ?Die Fantastischen Vier?.

Konzert am 17. Januar in Frankfurt

Interview mit den Fantastischen Vier: „Immer noch die Frischesten“

Kaum haben Smudo, Michi Beck, Thomas D und And.Ypsilon (alle 50) die mehrjährigen Feierlichkeiten zu ihrem 25-jährigen Bestehen abgeschlossen, da wartet bereits das nächste Jubiläum auf die agilsten Jungsenioren des deutschen Sprechgesangs. „Captain Fantastic“ ist das zehnte Studioalbum der „Fantastischen Vier“ und eines ihrer stärksten. Lässige Wortspiel-Melodik („Zusammen“), Discoknaller („Hitisn“) und fröhlicher Trotz-Optimismus („Aller Anfang ist Yeah“) gehen dabei einher mit härteren und ungeahnt politischen Liedern („Captain Fantastic“, „Tunnel“). Am 17. Januar kommt die Band in die Frankfurter Festhalle. Steffen Rüth sprach mit Smudo und Michi Beck in Stuttgart.

Michi, Smudo, Sie haben Ihre Album-Release-Show zu „Captain Fantastic“ im Stuttgarter Club „Im Wizemann“ gespielt. Warum gerade dort?

SMUDO (lacht): Wo hätten wir das denn sonst machen sollen?

MICHI BECK: Smudo lebt in Hamburg, Thomas in der Eifel, ich in Berlin, und nur Andy ist noch hier Aber: Wir sind und bleiben eine Stuttgarter Band!

Smudo, Sie sind im März, Michi Beck, Sie im Dezember 50 geworden. Wie darf man sich Ihre Party vorstellen?

BECK: Ausschweifend. Es gab Käse und Kirschschnaps, bis zum Exzess.

SMUDO: Von Michis Party hatte ich die ganze Woche was. Mein Geburtstag war aber auch geil. Ich habe richtig aufgefahren und mit Champagner, Austern und Jazzband gefeiert.

Verändert sich was, wenn man 50 wird?

BECK: In der Woche vor dem Geburtstag war ich richtig scheiße drauf.

SMUDO: Ich auch.

Ehrlich?

BECK: Ja. Denn du weißt, dass du ziemlich sicher mehr Zeit hinter dir als noch vor dir hast. Das war definitiv der schwerste Geburtstag bisher.

Ist irgendwas super am Älterwerden?

BECK: Nee.

SMUDO: Naja. Vielleicht, dass einem manche Sachen scheißegal werden.

BECK: Es ist aber auch kein Drama. Ich finde es bloß blöd, wenn man sich rausredet mit diesem „Ich bin weiser und gelassener geworden.“ Es herrscht nun mal Verfall, und das ist doof. Aber es ist toll, dass wir immer noch so abgehen, wie wir abgehen. Und dass wir ein zehntes Studioalbum gemacht haben, das sich absolut hören lassen kann.

„Immer noch die Fittesten, immer noch die Frischesten“ rappen Sie im ohnehin sehr knackig-fröhlichen Stück „Hitisn“. Das halbe Jahrhundert hört man Ihnen auf „Captain Fantastic“ jedenfalls nicht an.

BECK: Gut so. Wir haben die klassischen Hip-Hop-Elemente auf dem Album stärker in den Vordergrund gestellt, mit sehr viel Beats und Rhymes gearbeitet und die Produktion hier und da minimalistischer gehalten. Für unsere Verhältnisse sind auf der Platte etwas weniger Melodien, dafür viele Punchline- und Poser-Raps drauf.

Der erste neue Song war „Endzeitstimmung“, den haben Sie schon vergangenes Jahr live gespielt. So politisch hat man Sie noch nie gehört.

SMUDO: Das hat sich fast zwangsläufig so ergeben. Der „Fanta“-Kosmos ist geprägt durch die Welt, in der wir leben, und da die Zeiten gerade sehr politisch aufgeheizt sind, nimmt das Politische auch einen größeren Raum auf unserem Album ein. Das finden wir selbst interessant, denn wir haben uns im Grunde ja nie als politische Band gesehen. Wir haben höchstens mal gesellschaftliche Themen aufgegriffen und sie dabei humorvoll illustriert. Aber jetzt war es so, dass uns speziell das Thema „Schleichender Populismus und die Verrohung der Debattenkultur“ richtig geärgert hat. Und diese Wut hat dann zu dem Lied „Endzeitstimmung“ geführt.

BECK: Die Nummer klingt wie ein Partytrack, ist aber inhaltlich sehr ernst. Aber eine eindimensionale Protestplatte könnten wir nicht machen. „Affen mit Waffen“ zum Beispiel lockern wir auf, indem Smudo aus dem „Dschungelbuch“ zitiert. Trotz deutlicher Aussagen sind das alles immer noch typische „Fanta“-Songs.

Statt „Pop, Pop, Populär“ rappen Sie auf „Endzeitstimmung“ nun „Pop, Pop, Populist“.

SMUDO: Ja. So krass habe ich die Entwicklung nicht kommen sehen, aber durch mein Engagement bei „Laut gegen Nazis“ habe ich schon früh Wind von diesen Tendenzen bekommen. Trotzdem hätte ich nicht gedacht, dass das Problem mit den Rechten so viel Schwung bekommt. Die Entwicklung wurde befeuert durch die Flüchtlingskrise und die damit zusammenhängenden Angst-Szenarien. Alles wurde sehr vereinfacht, die Realitäten simplifiziert, Details weggelassen – eben Populismus als politisches Mittel der Mobilmachung. Ich finde es ein Riesenproblem, dass durch den Rechtspopulismus die Sprache so verroht ist und die Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft so zugenommen hat. Die Rhetorik der Rechten bedroht die Gesellschaft viel mehr als die Tatsache, dass die AfD in der Regierung sitzt, wo sie sich ja permanent selbst demaskiert.

Wie meinen Sie das?

SMUDO: Dieses „Wir sind das Volk“, und „Wir sprechen für die anderen“ sind ganz billige populistische Tricks. Mich erinnert vieles an die Situation in den Dreißiger Jahren. Auch damals war es nicht so, dass das Böse urplötzlich über uns gekommen wäre. Sondern es war ein schleichender Prozess. Der Faschismus ist für viele eine interessante Option, und das macht mir Sorgen. Trotzdem glaube ich noch fest an das Gute im Menschen, an die freien Medien und unsere demokratische Debattenkultur.

Sind Künstler wie „Die Fantastischen Vier“, auf die sich ja größtenteils alle einigen können, der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält?

SMUDO: Ja. Es ist Aufgabe der Kunst, die Gesellschaft zu mobilisieren und ein Gefühl der Solidarität zu vermitteln. Musik ist ein verbindendes Element.

BECK: Wir leben den Zusammenhalt ja ganz praktisch vor, quasi am Mann. Wir vier haben mehr Zeit miteinander verbracht als mit irgendeinem anderen Menschen. Dass wir immer noch weitermachen, immer noch als Gemeinschaft funktionieren, das ist ein großes, bewegendes Gefühl. „Fanta Vier“ – das ist nicht nur unser Lebensmodell, das ist unser Leben.

Smudo, Sie haben drei Töchter, die jüngste kam 2017 zur Welt, Michi Beck, Sie haben zwei. Versacken Sie manchmal noch, wenn Sie privat unterwegs sind?

SMUDO: Das kann passieren, darf aber nicht passieren (lacht). Weil am nächsten Morgen um Viertel vor Acht die Kinder in die Schule müssen. Und man sich dann den restlichen Vormittag auf den Mittagsschlaf mit dem Baby freut, um dann festzustellen, dass das Baby ausgerechnet heute keinen Mittagsschlaf machen will. Tja, das ist das Leben.

Was haben Sie eigentlich noch für Karriereziele?

SMUDO: Wir spielen noch nicht wie „Die Toten Hosen“ in Stadien, vielleicht schaffen wir das noch auf unsere alten Tage. Und wir hatten noch nicht diesen einen, alles erdrückenden Megahit. Sondern immer nur „Fanta“-Hits.

BECK: Was ja auch okay ist.

SMUDO: Was das würdevolle Altwerden als Band angeht, hat man in Deutschland nicht viel Anschauungsmaterial. Langfristig müssen wir uns wohl an Karl Lagerfeld orientieren und in Uniformen schlüpfen, die uns alterslos machen.

Die Frage, ob „Die Fantastischen Vier“ weitermachen werden, dürfte sich also gar nicht erst stellen.

BECK: Jubiläen und runde Geburtstage sind halt das Einzige, an dem man sich in unserem Alter noch hochziehen kann.

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