Und immer wieder diese Stille

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Therese Willstedt inszenierte am Schauspiel Frankfurt Joan Didions herben Bericht von Tod und Trauer: „Das Jahr magischen Denkens“.

Der Tod, glaubte Epikur, gehe uns nichts an, weil, wo er ist, wir nicht seien und umgekehrt. Wie kurzsichtig. Vertraute Menschen sind so sehr Teil von uns, dass ihr Tod etwas von uns, aus uns mitreißt. Nicht umsonst halluzinieren Hinterbliebene oft von der verstorbenen Person. „Der Trauernde ist tatsächlich krank“, zitiert Joan Didion in ihrem Buch die Psychologin Melanie Klein: „Weil sein Gemütszustand aber so verbreitet ist und normal erscheint, nennen wir Trauer nicht Krankheit.“

Wie stellt man einen Bericht wie den Joan Didions, der vom Innersten handelt und doch so reflektiert ist, sichtbar auf die Bühne? Der US-Schriftstellerin starb am 30. Dezember 2003 von einem Augenblick zum andern John Dunne weg, ihr Mann – auch er Schriftsteller und Teil ihrer Daseinsroutinen seit Jahrzehnten. Ein Jahr später verdämmerte ihre komatöse Tochter. Im Zentrum von „Das Jahr magischen Denkens“ stehen das Erleben der von Grund auf erschütterten Frau, die sich beim Rollenspiel als gefasste Witwe nur wie von außen zuschauen kann, und viele scharfe Beobachtungen.

Auch „Regiestudio“-Stipendiatin Willstedt spaltet ihre „Joan Didion“ entzwei. Nach Alter, Statur, Gesichtszügen, Kostüm, Teint und Maske sind sich die Schauspielerin Heidi Ecks und die Tänzerin Kate Strong so ähnlich, dass die schon ergraute und reflektierende Ecks und die noch aschblonde, wortarme, Jammer verkörpernde Strong klar das vom Todesblitz zerspaltene Doppel-Ich markieren: hier zerrieben unter dem Verlust und grimassierend wie ein trauriger Clown; dort sprachmächtiger, ja im Prozess der Heilung.

Ina Conrad kostümiert sie beide im „kleinen Schwarzen“ zu schwarzen Strümpfen und schwarzweißen Halbschuhen und stellt, setzt, legt sie in der „Box“ in den Eckteil eines angeschrägten kahlen Raums. Helle Steinplatten an Wand und Boden sind ergänzt um eine Stehlampe unter Neonröhren, ein Goldfischglas mit toter Forelle und Requisite: Rauchbedarf, Kassettenrekorder, Whiskey, Fotos. Glasmusik, schräge E-Gitarren- und Percussionklänge und Windgeräusche bestimmen das Klangbild; eine New-Age-Atemanleitung kommentieren die Frauen mit galligem Humor – rauchend. Und immer wieder: Stille.

Willstedts Aktricen geben sich nie mit Mätzchen ab, wenngleich Spiele mit dem Wasser und dem toten Fisch oder den zerrissenen Fotos Erinnerungen kommentieren und Ausdrucksstärke vermitteln. Neunzig Minuten lang halten sie die hochkonzentrierte Spannung aufrecht. Pures Schauspielertheater – und eine reife Regieleistung.

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