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Die ?Donots? aus Münster lassen sich nicht den Mund verbieten: Sie singen auf Deutsch, weil es ihnen Spaß macht und nicht aus falsch verstandener Heimatliebe. Am 24. März kommt die Band in den ?Schlachthof? nach Wiesbaden.

Interview

Ingo Knollmann: „Am Brett sind wir alle gleich“

„Lauter als Bomben“ heißt das neue Album der „Donots“, das heute erscheint. Im März schaut die Alternative-Rockband aus Münster im Wiesbadener „Schlachthof“ vorbei.

Seit einem Vierteljahrhundert spielen die „Donots“ knackigen Pop-Punk und krachige Rockhymnen mit Texten, die sich kritisch mit diesem Land auseinandersetzen. Ihr Frontmann Ingo Knollmann war noch nicht mal volljährig, als sie ihr erstes Album herausbrachten. Jahrelang sind die Münsteraner mit ihren englischsprachigen Punkrock-Songs durch Clubs getingelt. Dann erschien 2015 das deutschsprachige Album „Karacho“, und plötzlich standen die „Donots“ mit einem Fuß im Mainstream. Mit dem Nachfolger „Lauter als Bomben“ wollen sie endgültig den Beweis antreten, dass sich künstlerische Qualität und Massentauglichkeit nicht ausschließen. Am 24. März kommt die Band mit ihrem neuen Album in den „Schlachthof“ nach Wiesbaden. Olaf Neumann traf sich mit Ingo Knollmann.

Herr Knollmann, 2015 erschien Ihr erstes deutschsprachiges Album „Karacho“ und entwickelte sich zu einem Top-5-Erfolg. Was hat sich für Sie seitdem geändert?

INGO KNOLLMANN: Die erste große Berührung mit dem Mainstream hatten wir bereits 2001, als die Platte „Pocketrock“ rauskam. Damals wurde Rockmusik noch im Radio gespielt. Und 2015 hat uns die deutsche Sprache wieder den Mainstream geöffnet.

Singen Sie auf Deutsch aus Liebe zur Heimat?

KNOLLMANN: Ich singe auf Deutsch, weil’s mir Spaß macht! Ich kenne so was wie Heimatliebe nicht. Wenn Leute ihren Lokalpatriotismus zu hoch hängen, kriege ich Pickel. Ich bin gerne Westfale, aber nicht, weil ich das Land so toll finde. Landesflaggen in Schrebergärten sind fürchterlich! Ich mag die westfälische Tugend: Am Brett sind wir alle gleich. Ich bin Prolo-Westfale, was das Trinken angeht. Ich definiere Heimat eher über meine Freunde und meine Familie.

Wie kam es zu dem Wandel?

KNOLLMANN: Vor drei, vier Jahren spielten wir einen Monat lang an der amerikanischen Westküste, im Mittleren Westen und an der Ostküste Shows mit „Flogging Molly“, „Anti Flag“, „Dead To Me“ und „CJ Ramone“. Eine unfassbare Erfahrung! Wir traten einerseits in ganz großen Clubs auf, andererseits in irgendwelchen Rattenlöchern vor sieben Leuten. Bei „Flogging Molly“ sang das Publikum sämtliche Texte wie aus einer Kehle mit. Als wir mit unserem Nightliner in der Wüste kurz vor Vegas zum Pinkeln anhielten, fiel es uns wie Schuppen von den Augen: Es muss daran liegen, dass die Leute die Texte viel direkter in sich aufnehmen, wenn diese in ihrer Muttersprache abgefasst sind! Und siehe da – es hat geklappt. Die Shows, die wir seitdem spielen, sind die lautesten und größten in unserer Karriere.

Der Albumtitel „Lauter als Bomben“ suggeriert, dass Kunst etwas bewirken kann. Kann sie Menschen wirklich bekehren?

KNOLLMANN: Ein Kumpel von mir ist Lehrer im Knast. Er glaubt, dass man Leute nicht mehr umstimmen kann, die bereits in ihrer Meinung gefestigt sind. Ältere Leute werden eher verbohrt oder verstockt, das sehe ich an mir selbst. Mit mir braucht man nicht über das Thema Kirche zu diskutieren. Aber du kannst die Umstehenden auf deine Seite ziehen mit einer schlüssigen Argumentationskette und den einen bestenfalls alleine dastehen lassen. Als ich jung war, haben mir Punkbands wie „Bad Religion“ und „Propagandhi“ beigebracht, Dinge infrage zu stellen. Und dabei bin ich geblieben.

2015 zeigten Sie bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest zur besten Sendezeit rechten Hetzern den Stinkefinger. Welche Nachwirkungen hatte diese Aktion?

KNOLLMANN: Die Sozialen Netzwerke machen den Shitstorm salonfähig. Klar sind wir da angefeindet worden. Mittlerweile stehen wir auf einer roten Liste von ein paar Faschovereinigungen in Deutschland. Damit will man uns einschüchtern. Ich bin fast einmal vor den Kadi gezerrt worden, weil wir bei YouTube einen Aufruf gegen eine Nazikundgebung in Münster gemacht haben. Ich sagte damals: „Kommt alle vorbei. Wir lassen die nicht raus aus dem Zug. Die können direkt wieder nach Hause fahren!“ Zwei Wochen später hatte ich eine Anklage im Briefkasten wegen Aufruf zu Gewalt und Beleidigung. Absender war ein Rechtsanwalts-Nazi, dem die Konzession vor zwei Jahren entzogen wurde. Um ein Haar wäre ich vor Gericht gekommen, aber der Staatsanwalt hat die Klage abgewiesen. Die Anwaltskosten wurden übernommen von der Initiative „Kein Bock auf Nazis“.

Wie ernst nehmen Sie Drohungen gegen Sie?

KNOLLMANN: Vor ein oder zwei Jahren war ich auf einer Antinazidemo. Da kam ein bulliger Typ auf meinen Kumpel zu: „Hallo Eike. Ich weiß, wo du wohnst in Münster“. Die haben schon Methoden, vor denen man sich in acht nehmen muss, vor allem, wenn du eine Familie hast. Aber was wäre, wenn keiner die Schnauze aufmachte? Dafür sind doch Bands da. Wenn ich Drohungen ernst nähme und deshalb nie wieder auf Festivals führe, hätten die Terroristen ihr Ziel erreicht. Das kann es nicht sein! Dann musst du erst recht stehen bleiben.

„Schlachthof“ Wiesbaden

Murnaustraße 1. 24. März, 20 Uhr. Karten zu 33,55 Euro unter

Hotline 0 18 06-57 00 70.

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