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An seinem Schreibtisch im kalifornischen Exil beendete Thomas Mann 1943 seinen vierteiligen Roman ?Joseph und seine Brüder?.

Thomas Manns „Joseph und seine Brüder“

Interview mit Dieter Borchmeyer: „Dieser Roman ist voller Gegenwart“

Der emeritierte Literaturprofessor der Universität Heidelberg hat Thomas Manns monumentales 2000-Seiten-Werk zusammen mit dem Ägyptologen Jan Assmann und Stephan Stachorski für den Fischer-Verlag in vier Bänden kommentiert und neu herausgebracht.

Genau 75 Jahre nach seiner Vollendung ist erstmals eine kommentierte Ausgabe des vierteiligen Romans „Joseph und seine Brüder“ erschienen. Besonderen Wert legt sie auf einen Stellenkommentar, auf die Wirkungsgeschichte und die Quellen Thomas Manns. Der Vergleich von Handschriften und Typoskripten ermöglichte zahlreiche Verbesserungen. Mit Dieter Borchmeyer sprach Dierk Wolters.

Herr Professor Borchmeyer, wer liest heute noch Thomas Mann?

BORCHMEYER: Nun, die Jugend geht nicht mehr die Wege der Bildung. Das sehe ich ja an der Universität. Selbst beim Thema meiner diesjährigen Heidelberger Vorlesung, Judentum und Deutschtum, kommen keine Studenten mehr. Der Saal ist immer voll, aber das sind ältere Menschen, das typische bildungsbürgerliche Publikum. Dass die Studenten dieses geistige Interesse nicht mehr haben, ist erschreckend und traurig! Mir hat neulich eine Studentin gesagt: Wir sind einfach eine verkorkste Generation. Nichts geschieht mehr ohne Berechnung. Thomas Mann immerhin wird noch in der Schule gelesen.

Verraten Sie uns: Warum soll man denn heute Thomas Mann lesen?

BORCHMEYER: Die Josephsromane sind bisher viel zu wenig erkundetes Gelände. Dabei ist dieser Roman zukunftsweisend wie kein anderer. Hier kommen die verschiedenen Religionen miteinander ins Gespräch. Thomas Mann fragt zum Beispiel: Ist der Monotheismus eine exklusive Religion? Das ist brennend aktuell für das religiöse Selbstverständnis des modernen Menschen. Ebenso wie die Frage, warum in der biblischen Überlieferung soviel Brutalität steckt. Thomas Mann beantwortet das, indem er den Bund zwischen Gott und Menschen als Möglichkeit einer wechselseitigen Entwicklung deutet. Entwicklung aber bedeutet, dass es in jeder Religion, wie Thomas Mann das nennt, „Überständiges“ gibt: Dinge, die nicht mehr zu halten sind – und dass es die Aufgabe der Menschen ist, diesem steten Wandel in ihrer Zeit gerecht zu werden. Das alles ist sehr zukunftsweisend.

Vor dem Josephsroman erschien der „Zauberberg“, der die fiebrigen Jahre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs behandelt. Danach schrieb Mann den „Doktor Faustus“, der fragt, wie es zum Zweiten Weltkrieg kommen konnte. Was fragen denn die vier Bände über „Joseph und seine Brüder“?

BORCHMEYER: Der ganze Roman ist ein Akt der literarischen Opposition gegen das Dritte Reich – vom ersten Band an, der 1933 erschienen ist, nach Hitlers Machtergreifung. Das zeichnete sich schon in den 20er Jahren ab, Thomas Mann gehört zu den ersten Denkern, die die Bedrohung erkannt haben. Ausgerechnet in dieser Zeit setzte er dem Judentum ein solches Denkmal! Das hat übrigens die rechtsgerichteten Rezensenten extrem gestört: Sie schimpften über diese unglaubliche Zumutung in einer Zeit, in der Deutschland wiederaufersteht. Die jüdischen Rezensenten empfanden den Roman damals als Trostbuch und Rettung. Es ist erschütternd, das zu verfolgen. Im Kommentar des Bandes verhandeln wir auf 200 Seiten auch die Wirkungsgeschichte des Josephsromans. Zwei Drittel davon sind noch nicht bekannt.

Bislang herrscht ja beim Josephsroman der Tenor vor: Da hat Mann was geschrieben, das spielt vor 3000 Jahren.

BORCHMEYER: Tut es auch. Aber zugleich setzt der ganze Roman die Humanisierung des Mythos gegen den Missbrauch des Mythos im Dritten Reich. Und Joseph, die Hauptfigur, will bemerkenswerterweise immer der zweite Mann im Staate sein und niemals eine Führer-Gestalt. Am Schluss wird ganz klar: Wer immer nur an der Macht bleiben will, der ist zum Lachen! Wie ja überhaupt der ganze Roman sehr humoristisch ist: Die Heiterkeit ist ein Oppositionsakt gegen den fürchterlich finsteren, fanatischen Ernst des Faschismus.

Ursprünglich war Thomas Mann ja mal ein Konservativer, ein Monarchie-Anhänger, bevor er sich dann zum Demokraten wandelte. Hat seine Haltung etwas Vorbildhaftes?

BORCHMEYER: Sein Bekenntnis zur Republik Anfang der 20er Jahre war sehr deutlich. Als die Nazis regierten, ging Mann ins Exil. Der dritte Romanteil, „Joseph in Ägypten“, ist ganz ein Exilroman: Auch Joseph ist im Exil. Und der letzte Teil, „Joseph, der Ernährer“, den Mann ganz in Amerika schrieb, ist durch und durch geprägt von Amerika. Er ist voller sozial-ökonomischer Anspielungen auf die Zeit. Besonders hier zeigt sich: Der Roman ist nicht nur eine glänzende Erzählung aus einer alten Zeit, sondern voller Gegenwart!

Sie versuchen nun, ein mit seinen 2000 Seiten allein vom Umfang her doch sehr unzeitgemäßes Werk zeitgemäßer zu machen, indem sie ihm einen ebenso umfangreichen Kommentar beigesellen . . .

BORCHMEYER: Zunächst muss man wissen, dass dieser Roman ja hochvergnüglich zu lesen ist. Man sollte allerdings die „Höllenfahrt“, eine Art 50-seitige Ouvertüre, erst einmal überspringen. Im Kommentar stecken auch zahlreiche Quellen, die Thomas Mann benutzt hat. Und großen Wert legen wir Herausgeber darauf, dass wir den Kommentar nicht für Experten, sondern für das Lesepublikum geschrieben haben. Nicht nur der Roman ist menschenfreundlich – wir schreiben auch so.

Was hat denn die Durchsicht der Romane ergeben?

BORCHMEYER: Bisher liegen die Josephsromane nur in stark korrupten Textfassungen vor. Besonders der vierte und letzte Romanteil ist haarig, weil Thomas Mann in Amerika keine Korrekturen lesen konnte. Der Roman wurde in Schweden gesetzt, und Manns Privatsekretär Konrad Katzenellenbogen hat manche sinnstörenden Fehler hineinredigiert. Vor allem für den vierten Teil kann man in Zukunft eigentlich nur noch auf unsere Ausgabe zurückgreifen.

Verraten Sie uns ein paar Ihrer größten Entdeckungen, bitte.

BORCHMEYER: Im Kapitel „Wie Abraham Gott entdeckte“ geht es darum, wie Abraham nach dem Allerhöchsten sucht, zunächst die Sonne in Betracht zieht, dies dann aber verwirft und allmählich zur Anerkennung der transzendenten Gottheit gelangt. Das geht zurück auf Texte, mit denen das Alte Testament kommentierend weitergeführt wurde und lässt sich weiterverfolgen zu Augustinus und zum Koran. Das hat noch niemand vorher so dargestellt. Thomas Mann hatte die besten Berater an seiner Seite. Und noch etwas: Natürlich ist bekannt, dass Thomas Mann ein großer Wagnerianer war. Aber wie weit die Parallelen zwischen dem Josephsroman und dem „Ring des Nibelungen“, dem „Parsifal“ und dem „Tristan“ gehen, das wird jetzt erst deutlich.

Wie viele Jahre haben Sie an diesem Kommentar gearbeitet?

BORCHMEYER: Thomas Mann hat an diesem Roman von 1926 bis 1942, also 16 Jahre lang, geschrieben, mit unterschiedlicher Intensität. Ungefähr so lange haben wir auch gebraucht.

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