Schauspielerin

Interview mit Emma Thompson: „Die weibliche Existenz ist oft traurig“

Die englische Schauspielerin hat in der Rolle der Gerichtsvorsitzenden über den ethischen Fall eines todkranken 17-Jährigen zu entscheiden.

Emma Thompson wurde in London in eine englische Schauspielfamilie geboren. Ursprünglich wollte die heute 59-Jährige Schriftstellerin werden. Doch weil sie schon im Studententheater mitgespielt hatte, erhielt sie kleinere Comedy-Auftritte im Fernsehen und schließlich eine Rolle in der Serie „Fortunes of War“ (Kriegsschicksale). Bei den Dreharbeiten hierzu lernte sie ihren ersten Ehemann Kenneth Branagh kennen. Mit ihm sollte Emma Thompson verschiedene Shakespeare-Verfilmungen fürs Kino drehen („Wie es euch gefällt“, „Mittsomernachtstraum“). Die Romanverfilmung „Wiedersehen in Howards End“ brachte ihr einen Oscar für ihre schauspielerische Leistung ein. Es folgte ein zweiter für ihr Drehbuch zu der Jane-Austen-Verfilmung „Sinn und Sinnlichkeit“. Jetzt kommt Emma Thompson als Familienrichterin Fiona Maye in die Kinos. In dem Film „Kindeswohl“ muss die Juristin entscheiden, ob ein todkranker 17-Jähriger zu einer Bluttransfusion gezwungen werden kann, die er aus religiösen Gründen ablehnt. Martin Schwickert sprach mit Emma Thompson, die mit ihrem zweiten Ehemann, dem Schauspieler Greg Wise, zwei Kinder hat sowie Wohnsitze in London und Schottland.

Mrs. Thompson, Sie spielen eine Familienrichterin, die vor Gericht Tag für Tag schwerwiegende moralische Entscheidungen treffen muss. Was hat Sie an dieser Rolle gereizt?

EMMA THOMPSON: In Vorbereitung auf diesen Film habe ich viel Zeit im Familiengericht verbracht. Alle denken, dass die Strafrechtsverfahren die interessanteren Prozesse sind. Das Familiengericht hat weniger Ansehen, weil es hier ja „nur“ um häusliche Angelegenheiten geht. Aber als ich mit den Richterinnen und Richtern gesprochen habe, ist mir klargeworden, dass sich in diesen Verfahren das ganze Leben in all seiner tragischen Widersprüchlichkeit widerspiegelt. Hier müssen sehr brutale Entscheidungen getroffen werden. Die Betroffenen sind oft von ihren Erlebnissen völlig verstört. Und die Richterin muss quasi darüber bestimmen, wie diese Menschen weiterleben werden.

Könnten Sie sich diesen Job nicht nur als Rolle, sondern als Beruf für sich selbst vorstellen?

THOMPSON: Nein, eine solche Verantwortung könnte ich nicht jeden Tag übernehmen. Wahrscheinlich hätte ich auch zu viel Mitleid mit den Betroffenen. Die Richterinnen, mit denen ich gesprochen habe, waren zwar auch empathisch, aber sie haben gelernt, ihr Mitgefühl zu kanalisieren und sich vor zu großer emotionaler Anteilnahme zu schützen. Das waren ganz außergewöhnliche Frauen. ,

Die Frauenfiguren, die Sie spielen, tragen oft eine gewisse Traurigkeit in sich. Woher kommt das?

THOMPSON: Ich glaube, die weibliche Existenz ist oft sehr traurig. Als ich jung war, dachte ich, dass ich alles machen kann. Aber dann musste ich realisieren, dass ich viele Sachen nicht tun durfte, weil ich eine Frau bin. Wie oft hat man mir gesagt: Du kannst dies nicht, du kannst das nicht. Die Lebenserfahrung von Frauen ist oft von solchen Hindernissen und Enttäuschungen geprägt.

Trotzdem haben Sie es geschafft, in Ihrem Beruf sehr erfolgreich zu sein.

THOMPSON: Ja, weil ich mich gegen diese Zuschreibungen und Verbote gewehrt und einfach gesagt habe: „Ich kann das!“ Und ich hatte Glück. Als ich jung war, waren in meinem Umfeld immer Männer, die meine Arbeit geschätzt und gefördert haben. Ich bin meinem männlichen Agenten, meinen männlichen Produzenten und meinen männlichen Kollegen sehr dankbar, weil sie gesagt haben: „Du kannst gut schreiben. Das ist total lustig. Ich werde dich unterstützen“.

„Kindeswohl“ erzählt auch von einer langjährigen Ehe, die an der Veralltäglichung zu zerbrechen droht. Wie lässt sich so eine Zerrüttung aufhalten?

THOMPSON: Ich glaube, wir müssen uns zunächst einmal von der Vorstellung verabschieden, dass die Person, mit der wir unser Leben verbringen wollen, immer so bleibt, wie wir sie kennengelernt haben. Jede Langzeitbeziehung muss gelegentlich absterben, um neu wachsen zu können. Das habe ich in vielen Jahren Paartherapie gelernt. Entweder ist man bereit, diese Beziehungsarbeit zu leisten, oder man wacht – wie viele meiner Freunde, die sich nach 20 Jahren trennen – eines Tages auf und wundert sich, wie man sich derartig auseinander leben konnte. Man muss darüber reden, was sich im eigenen Leben verändert, was einem wichtig und nicht mehr wichtig ist. Es ist oft schwer, solche Dinge auszusprechen. Wir haben viel zu viel Angst vor den Schmerzen, die wir einander zufügen könnten. Aber manchmal muss man einfach durch diesen Schmerz gehen, um zusammen weitermachen zu können.

In diesen Kinos

Vom 30. August an in den Kinos

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