Der Kölner Schriftsteller macht aus seinen Lesungen gern aufwendige Shows. Jetzt hat er seinen neuen Roman vorgestellt. Es geht um künstliche Intelligenz.
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Der Kölner Schriftsteller macht aus seinen Lesungen gern aufwendige Shows. Jetzt hat er seinen neuen Roman vorgestellt. Es geht um künstliche Intelligenz.

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Interview mit Frank Schätzing: „Gefühle machen uns einzigartig“

Noch haben wir es selbst in der Hand, ob uns intelligente Maschinen eine großartige Zukunft bescheren werden, sagt Schriftsteller Frank Schätzing. Sein neuer Thriller wirft aber auch die Frage auf, ob solche Superintelligenzen einmal die Herrschaft über den Menschen übernehmen könnten.

Frank Schätzing (60) zählt zu den erfolgreichsten Autoren Deutschlands. Sein Tiefsee-Thriller „Der Schwarm“ verkaufte sich 4,5 Millionen Mal und wurde in 27 Sprachen übersetzt. Insgesamt erreichten seine Romane eine Auflage von acht Millionen Exemplaren. In seinem neuen Buch „Die Tyrannei des Schmetterlings“ dreht sich alles um künstliche Intelligenz. Steffen Trumpf sprach mit ihm in Köln.

Herr Schätzing, wieso haben Sie sich diesmal mit künstlicher Intelligenz befasst?

FRANK SCHÄTZING: Künstliche Intelligenz fesselt mich schon seit Jahren. Seit ich angefangen habe, mich mit technischem Fortschritt und den Naturwissenschaften zu beschäftigen, war das Thema immer da. Mich hat immer die Vorstellung fasziniert, welche Rolle Maschinen in unserem Leben spielen könnten und ob eine maschinelle Intelligenz, die ungleich klüger ist als wir, wirklich ihre Erfüllung darin findet, sich noch von uns instrumentalisieren zu lassen.

Könnte eine solche Superintelligenz außer Kontrolle geraten?

SCHÄTZING: Wir müssen jetzt die Weichen stellen, damit uns diese Technologie nicht irgendwann auf die Füße fällt. Weil wir sie als erste menschengemachte Technologie ab einem gewissen Punkt nicht mehr kontrollieren oder verstehen werden. Dann nämlich, wenn Maschinen so klug werden, dass nur sie bessere Versionen ihrer selbst bauen können.

Was wird diese künstliche Intelligenz der Menschheit bringen?

SCHÄTZING: Es liegt jetzt an uns, ob sich KI zum Fluch oder Segen entwickelt. In ihren Möglichkeiten kann sie segensreich sein. Sie kann uns das Paradies bescheren. Warum erschaffen wir künstliche Intelligenzen? Weil wir bestimmte Dinge wollen: das Ende der Ungerechtigkeit, das Ende des Krieges, der Krankheit, ein verlängertes Leben, vielleicht das ewige Leben. Wenn die KI wirklich unsere Probleme lösen soll, dürfen wir ihre Wege nicht zu sehr einschränken, andererseits aber auch nicht die Kontrolle über sie aus der Hand geben.

Was würde passieren, wenn wir sie zu wenig einschränken?

SCHÄTZING: Dann kann es passieren, dass ein solches System irgendwann aufgrund der Schlussfolgerung seiner Algorithmen beschließt, uns zu zerstören oder zu entmündigen. Wenn das System zu dem Schluss kommt, die größte Gefahr für den Menschen sei der Mensch, dann wird es uns vielleicht nicht sofort vernichten, aber es wird uns entmündigen. Ja, künstliche Intelligenz kann segensreich sein, sie kann aber auch desaströs sein. Wenn es überhaupt eine Technologie gibt, die uns vernichten oder zumindest in großem Teil dezimieren kann, dann wird es künstliche Intelligenz sein.

Müssen wir Angst vor intelligenten Maschinen haben?

SCHÄTZING: Die Angst vor künstlicher Intelligenz, die mir momentan in der Bevölkerung entgegenschlägt, während die Leute ihr Leben zugleich seit Jahren bedenkenlos künstlicher Intelligenz anvertrauen und diese in Navigationssystemen und Apps nutzen, das Klagen über mangelnden Datenschutz, während sie Partyfotos ins Netz stellen, auf denen sie besoffen in der Ecke liegen – das ist vollkommen paradox. Es zeigt, dass da keine echte Beschäftigung stattfindet. Diese Angst vor künstlicher Intelligenz ist für mich in dieselbe Ecke zu stellen wie die diffuse Angst vor Überfremdung und Islam. Man hinterfragt die Dinge nicht, sondern gibt einem diffusen, wabernden Gefühl Ausdruck.

Wie sollte man Sorgen begegnen?

SCHÄTZING: Indem man sich mehr informiert und zu verstehen versucht, was das eigentlich ist. Dann beginnt man zu differenzieren. Differenzieren ist immer mühsamer als generalisieren. Je differenzierter man urteilen kann, desto weniger lähmt einen die Angst.

Was würde uns Menschen in einer Welt künstlicher Intelligenz noch einzigartig und wertvoll machen?

SCHÄTZING: Gefühle, menschliche Werte, unsere Einzigartigkeit als Individuum. Wir müssen uns wieder viel mehr unserer Werte besinnen. Was macht uns aus, was ist unser persönlicher Wert? Das ist es, was uns letzten Endes unterscheiden wird. Irgendwann könnte sich die Frage stellen, was sind zehn Milliarden Menschen wert, wenn es Maschinen gibt, die alles besser können? Was, wenn die Majorität der Menschen auf einmal keine Aufgabe mehr hat? Während die reiche Minderheit, die es sich leisten kann, zunehmend mit der Maschine verschmilzt. Über Implantate, neuronale Erweiterungen Wege findet, 200 oder 500 Jahre alt zu werden. Diese kybernetisch Optimierten könnten eine Elite bilden, die den Social Divide, das Auseinanderdriften der Gesellschaft, dramatisch verstärkt.

Die Handlung Ihres neuen Thrillers haben Sie in einer früheren Goldgräberregion in Kalifornien angesiedelt. Ausgerechnet dort, mitten in der amerikanischen Pampa, steht Ihre Superintelligenz Ares. Warum?

SCHÄTZING: Eine Superintelligenz kann überall sein. Nicht zwangsläufig im schlagenden Herzen des digitalen Fortschritts. Es gab aber auch erzählerische Gründe, sie in der Sierra Nevada anzusiedeln: Das Erste, was einem zu künstlicher Intelligenz einfällt, sind Informatiker, Programmierer, Silicon Valley. Hätte ich die Story von vorneherein in dieser Community spielen lassen, unter Technologen, wäre der Leser schnell aus der Kurve geflogen. So kam mir die Idee, das Ganze in ein Biotop zu verlagern, wo Menschen leben, die mit dieser Entwicklung nichts, aber auch wirklich gar nichts am Hut, sondern völlig andere Probleme haben. Die den überwiegenden Teil der Menschheit repräsentieren, der von künstlicher Intelligenz nichts versteht.

Andere Schriftsteller setzen auf wiederkehrende Charaktere. Bei Ihnen ist das anders. Fällt der Abschied von diesen immer neuen Figuren auf der jeweils letzten Buchseite nicht immer wieder schwer?

SCHÄTZING: Bei diesem Buch habe ich tatsächlich eine gewisse Wehmut empfunden. Selten habe ich beim Schreiben solch eine Nähe zu Charakteren verspürt wie diesmal. Aber in meiner Erzählwelt müssen halt immer neue Protagonisten her. Ich bevorzuge radikale Themenwechsel.

Das waren bisher Tiefsee, Mond, Naher Osten und jetzt die künstliche Intelligenz.

SCHÄTZING: Ich hätte für den „Schwarm“, „Limit“, „Breaking News“ und für dieses Buch nicht dasselbe Personal nehmen können. Andere Autoren entwickeln Serienhelden. Ich selbst muss immer Neuland betreten.

Ihre Hauptfigur Luther Opoku kann einem leid tun. Streckenweise weiß er gar nicht mehr, was eigentlich los ist und in welcher Zeit er sich befindet. Nehmen wir einmal an, Sie könnten durch die Zeit reisen: Wohin ginge Ihre Reise dann?

SCHÄTZING: Nicht in meine eigene nahe Zukunft. Ich will nicht wissen, was mir passiert. Ich glaube, der größte Fluch wäre wirklich, wenn wir unsere Zukunft sehen könnten. Dadurch würden wir sehr unfrei werden. Aber ein Blick ins Jahr 3000, das fände ich enorm spannend.

Warum so weit in die Zukunft?

SCHÄTZING: Die Menschheit war sehr, sehr lange auf einem Level. Die Entwicklung vom Pferd zum Rad zur Kutsche, zum Gaslicht und endlich zur Elektrizität, zum Verbrennungsmotor: Man hat das Gefühl, da ist eine lange, flache Kurve. Und plötzlich wird die steil und steiler. In den letzten paar Jahrzehnten vollziehen sich die Entwicklungen immer rasanter und atemberaubender. Ich stelle mir also vor, dass wir die Welt und das sozialen Verhalten der Menschen schon in 100 Jahren nicht mehr wiedererkennen würden. Wie mag das im Jahr 3000 sein?

Gibt es dann noch Menschen?

SCHÄTZING: Ja, auf jeden Fall. Ich bin sogar der festen Überzeugung, dass es dann Menschen in anderen Galaxien gibt. Wenn wir nicht herausfinden, wie man Einstein zum Trotz hingelangt, dann wird die künstliche Intelligenz eine kosmische Abkürzung finden, die es uns ermöglicht, diese gewaltigen Distanzen zu umgehen.

Würden Sie auch gerne einmal in die Vergangenheit reisen?

SCHÄTZING: Ach ja, aus Spieltrieb. Natürlich würde ich gerne mal ins 13. Jahrhundert nach Köln reisen, um zu sehen, ob das, was ich in „Tod und Teufel“ geschrieben habe, wirklich so gewesen ist. Aber nur mit Rückfahrkarte.

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