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Er ist dünn wie ein Hering und grüßt wie ein Vulkanier: Udo Lindenberg sticht nächstes Jahr wieder in See.

Musik

Interview mit Udo Lindenberg: „Ich will kein Rock 'n' Rollmops sein"

72 Jahre alt ist Udo Lindenberg. Aber es geht immer weiter. Für sein erstes MTV-Unplugged-Album „Live aus dem Atlantic“ hatte er die Lobby des Hamburger Hotels nachgestalten lassen. Jetzt hisst er die Segel fürs zweite Akustik-Abenteuer „Live vom Atlantik“. Heute erscheint „MTV Unplugged 2“. Und natürlich geht der Panikrocker 2019 wieder auf Tournee: Am 4. Juni ist er in der Frankfurter Festhalle. Steffen Rüth traf Lindenberg, der während des Gesprächs immer wieder an einem Stäbchen zieht, in einem Berliner Hotel.

Herr Lindenberg, sind Sie auf E-Zigarre umgestiegen?

UDO LINDENBERG: Ich rauche sowohl als auch. Nur nicht mehr 15 Zigarren am Tag. Mit der Stimme bin ich gerade sehr zufrieden, die ist schön rau, dank Whisky und Kuba-Zigarren, aber sie darf auch nicht zu rau sein. Deshalb muss ich genau dosieren.

Auch den Alkohol?

LINDENBERG: Gerade den Alkohol. Die Ballerei nach der Mengenlehre, die ist lange vorbei. Ich brauche nicht mehr viel. Mein Eierlikör ist voll ausreichend. Ansonsten bin ich naturstoned. High werde ich bei meinen Konzerten und den ganzen Abenteuern, die ich mit meiner Musik erleben darf. Das ist auch wie eine Droge. Eine bessere Droge. Und diesen Rausch auf der Bühne, den kann ich heute auch richtig genießen. Mit Alkohol in Mengen wirst du rund und langsam und haust dich nur noch in die Ecke. Ich wollte kein Rock ’n’ Rollmops werden und so enden wie Elvis in Las Vegas.

Sie wollen Ihren Job ja auch noch eine Weile machen, einer muss es ja, oder?

LINDENBERG: Ich habe den Leuten versprochen, dass ich noch 30 Jahre am Start bin.

Das sagen Sie seit Jahrzehnten.

LINDENBERG: Ja. Denn in 30 Jahren ist die Medizin so weit, auch mit Lebensverlängerungspille, dass man dann wieder 30 Jahre dranhängen und die 130 als neues Ziel ausrufen kann. Ich kann die Leute ja auch nicht hängen lassen, sie brauchen ihr Udopium und ihren neuen Stoff.

Jetzt bekommen die Menschen eine feine neue Platte und DVD. Ist das für Sie jedes Mal wieder ein neues Abenteuer, mit einem frischen Projekt in See zu stechen?

LINDENBERG: Oh ja. Mit dem Dreimaster auf den Atlantik raus zu segeln, hier und da ein paar Freigeister aufzunehmen, das war herrlich. Ein paar Leute, die ich schon ein bisschen kannte, wie Gentleman oder Marteria, die kommen dann an Bord und tragen ihren Teil bei. Oder Maria Furtwängler, das war echt ein Abenteuer und ein schönes Ding. Erlebnisse wie dieses halten mich frisch.

Maria Furtwängler sagt, sie trägt Ihre Unterhosen. Echt wahr?

LINDENBERG (lacht): Ja, die Größe passt. Sie trägt auf der Bühne meine Klamotten, die meine Sekretärin zu ihr nach München geschickt hat. Im Paket waren versehentlich auch ein paar Unterhosen, und sie sagt, die passen genau. Wir haben beide Größe 28. Und sie hat wohl in dem Paket so ein lustiges Ding mit Hirschgeweih erwischt.

Kauen Sie Ihre Unterhosen selbst?

LINDENBERG: Nee, die meisten bekomme ich geschenkt, von Mädels. Jeder weiß, dass ich zart gebaut bin.

Gucken Sie „Tatort“?

LINDENBERG: Ja, vor allem, wenn Maria kommt, Frau Lindholm, dann immer. Ich schaue das richtig gerne, so gerne, dass ich mitspielen will. Das wird auch momentan überlegt. Ich habe sie entdeckt für den Gesang, und sie entdeckt mich möglicherweise für die Schauspielerin.

Ihr Duettpartner Jan Delay sagt, Sie seien der „Derbste“. Was meint er?

LINDENBERG: Ich denke, er meint der Krasseste und der Mutigste. Ich habe keine Angst vor großen Dingern, bin immer am Vorpreschen mit meinen Shows, auch mit den kulturhistorischen Auftritten wie damals zu DDR-Zeiten 1983 im „Palast der Republik“. Und damals Anfang der Siebziger es sich überhaupt zu trauen, deutsche Texte zu singen, wo alle anderen englisch sangen und Deutsch nur die Sprache der Schlagersänger und Liedermacher war, das war auch gewagt. Aber ich wusste, das muss irgendwie gehen. Okay, mit 15 Doppelkorn im Kopf, da kamen die deutschen Texte irgendwie angeflogen. Und heute dieses Stadionshows, dieses Durchfliegen durchs Stadion, das traut sich auch nicht jeder.

Udo Lindenberg zu sein ist nichts für Feiglinge.

LINDENBERG: Bestimmt nicht. Wenn du über das Brandenburger Tor fliegst, über die Köpfe von einer Million Leute hinweg, und oben merkst du, scheiße, der Anschnallgurt funktioniert nicht, da musst du dich schon was trauen – und leicht verrückt sein. Aber ich bin gerne verrückt. Einer muss es ja machen.

Sie blicken auf der „Unplugged“ noch mal ein bisschen zurück auf frühe Lieder wie „Hoch im Norden“. Sie haben das sozusagen erfunden: die Popmusik mit intelligenten deutschen Texten. Kann man in Nostalgie und zugleich mitten in der Gegenwart sein?

LINDENBERG: Ja, das läuft alles gleichzeitig. Ich rieche auch manchmal an meiner Haut, ob sie schon nach Denkmal riecht. Aber nein, sie duftet nach frischer Lindenblüte. Sicher, viele sehen in mir so eine alte Legende. Doch ich selbst fühle mich eher als ein New Beginner. Du weißt ja bei jedem neuen Projekt vorher nicht, wie es wird. Ich bin da wie ein Entdecker, der durch die Nebelwand segelt, wie ein James Cook oder Vasco da Gama. Auch die Astronauten sind meine großen Vorbilder.

Wollen Sie denn auch ins All?

LINDENBERG: Ja, würde ich gerne. Mit dem Alexander Gerst, der wie ich auch Unicef unterstützt, habe ich neulich eine coole Korrespondenz gehabt. Er meinte: „Komm’ doch mal an Bord.“ Bei dem Schleudertest dürfte ich keine Schwierigkeiten haben, ich bin im Leben schon gut rumgeschleudert. Wer weiß, vielleicht landet das junge Talent Udo auch mal im All.

Sind Sie ein Mittzwanziger im Körper eines 72-Jährigen?

LINDENBERG: Diese irdische Zeitzählung ist nichts für mich. Bei anderen Leuten in meinem Alter denke ich immer: Das ist eine ganz andere Generation. Ich bin zeitlos. Man nennt mich auch den Elasto-Man. Ich bin grazil wie eine Gazelle. Die Kondition ist exzellent. Ich mache viel Sport, nachts jogge ich um die Alster oder in Berlin im Tiergarten, so sieben Kilometer.

Heute ist es kalt und nieselt. Gehen Sie dann trotzdem laufen?

LINDENBERG: Mal gucken, das ist jetzt nicht so behördenmäßig. Vor der Tour mache ich mehr, auch EMS-Training, da bekommst du so leichte Stromschläge. Yoga mache ich auch, Liegestütze, autogenes Training. Ich bin ein biologisches Wunder. Ich habe eine ostasiatische Genetik.

Bitte was?

LINDENBERG: Meine Ur-Ur-Ur-Großmutter kam aus Batavia, dem heutigen Jakarta in Indonesien. Das war damals eine holländische Kolonie, und sie wurde irgendwann als Sklavin nach Holland gebracht. In meinem Körper fließt Sklavenblut. Deswegen bin ich auch so ein proletarischer Hund und will die Paläste zurück. Ich meine, ich wohne im Hotel Atlantic, das ist ein Palast, und das steht den Sklaven jetzt auch zu. Daher jedenfalls habe ich diese fernöstlichen Gene, diese jugendlichen Hände, diese Geschmeidigkeit (lacht).

Alkohol ist auch ein Konservierungsmittel. Hat Sie möglicherweise auch die jahrzehntelange Sauferei auf eine Art jung gehalten?

LINDENBERG: Das wird so sein. Trotzdem werde ich nicht wieder damit anfangen. Ich habe vor über zehn Jahren den Deal gemacht, das Saufen einzutauschen gegen alles andere, was geil ist, vor allem die Bühne. Ich habe den Alkohol verloren, aber ich habe mich, in echt, gewonnen. Das war es absolut wert.

Ihr ganzes Leben, Ihre Karriere scheinen ein einziges Fest. Aber gerade seit dem Comeback-Album „Stark wie zwei“ 2008 und der ersten „Unplugged“-Platte drei Jahre sind Sie obenauf. Wie kommt das?

LINDENBERG: Ja, das sind jetzt echte Wunderjahre. Ich habe nicht damit gerechnet, dass es noch mal so abgeht.

Haben Sie alle Ziele erreicht? Sind Sie wunschlos glücklich?

LINDENBERG: Politisch möchte ich noch mehr bewirken. Ich wünsche mir ein großes, vereintes Europa, zwischen den Großmächten moderierend und mahnend zur Abrüstung. Das kann so nicht weitergehen, wie sich die hirnamputierten Schwachmaten Trump und Putin mit ihrer Aufrüstung brüsten. Und ihre widerlichen Waffenlieferungen an die Saudis, damit die im Jemen noch besser morden können. Gerade Deutschland als Verlierer von zwei Weltkriegen muss als Vermittler einen Schritt nach vorne machen und sagen: Ihr müsst miteinander reden, reden, reden. Aufrüstung ist ein tägliches Verbrechen, während in vielen Teilen der Welt die Frauen, die Kinder, die Menschen sterben. Das ist pervers und kriminell.

Wie geht man mit Nationalisten und Rechten um? Gilt da eigentlich auch: „Keine Panik“?

LINDENBERG: Also, mit erklärten Nazis kann man nicht sprechen. Wer die Menschenwürde in Frage stellt oder den Holocaust leugnet, dem kann keiner helfen. Aber es gibt viele, die sind von der Schwankstelle. Die haben keine genauen Informationen, auch weil kein Politiker denen Klartext erzählt hat. Wenn Behörden zu langsam sind, der Strafvollzug zu lasch, und dann keiner mit denen spricht, dann entsteht ein Vakuum. Und so breiten sich diese total stumpfen Ressentiments und der Ausländerhass aus, was sehr peinlich ist in einem Land mit dieser Geschichte.

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