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Interview mit Marion Tiedtke: „Ein festes Ensemble muss sein“

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Marion Tiedtke (55) beobachtet, wie an den deutschen Theatern die Ensembles schrumpfen, bis hin zur Abschaffung. Diese ungute Entwicklung möchte die Theaterfachfrau dem Frankfurter Schauspiel und dessen Publikum ersparen.
Marion Tiedtke (55) beobachtet, wie an den deutschen Theatern die Ensembles schrumpfen, bis hin zur Abschaffung. Diese ungute Entwicklung möchte die Theaterfachfrau dem Frankfurter Schauspiel und dessen Publikum ersparen. © 44793 Bochum

Als Stellvertreterin des künftigen Frankfurter Schauspielchefs Anselm Weber will Marion Tiedtke trotz Sparvorgaben einen möglichst großen Schauspieler-Stamm erhalten.

Sie ist eine der erfolgreichsten Frauen des deutschen Theaters, gilt als Vordenkerin der Szene und will sich demnächst beruflich innerhalb Frankfurts verändern: Marion Tiedtke, seit einem Jahrzehnt als Professorin und Schauspiel-Ausbildungsdirektorin an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst tätig, wird ab Beginn der nächsten Spielzeit unter dem neuen Intendanten Anselm Weber als dessen Stellvertreterin und Chefdramaturgin am Schauspiel Frankfurt arbeiten. Sieben von Tiedtke betreute Produktionen wurden bislang zum Berliner Theatertreffen, der Leistungsschau der Branche, eingeladen. Welche Schwerpunkte die Theaterfrau am Willy-Brandt-Platz setzen will, darüber sprach die 55-Jährige mit Martin Eich.

Frau Tiedtke, die Theaterszene ist derzeit in Aufruhr. Das Ensemble-Netzwerk und Art but fair fordern Verbesserungen für Künstler, der Bühnenverein wirkt desorientiert und muss sich unter neuer Führung erst noch sortieren, die Zuschauerzahlen sind langfristig rückläufig. Bedauern Sie bereits, dass Sie Ihre geruhsame Professorenstelle demnächst gegen eine Leitungsfunktion am Schauspiel Frankfurt eintauschen werden?

MARION TIEDTKE: So geruhsam war die Zeit an der Hochschule überhaupt nicht. Als Nachfolgerin von Peter Iden habe ich alles verändert, was sich verändern ließ. Über Jahre wurde ein völlig neues Team geschaffen, andere Studienfächer etabliert, die Vernetzung mit Theatern und Hochschulen ausgebaut. Das war viel Arbeit. Mehr, als man vielleicht denkt.

Und dennoch werden die Aufgaben jetzt andere sein.

TIEDTKE: Das ist richtig. Eindeutige Lösungen für diese Herausforderungen sind schwierig zu entwickeln und noch schwieriger zu realisieren. Dafür braucht es vor allem Realitätssinn und einen Blick für das Machbare. Das zeigt sich gerade am Beispiel des Ensemble-Netzwerks. Es ist begrüßenswert, dass eine jüngere Generation von Theatermachern die Strukturen der Szene stärker als bisher hinterfragt. Manche ihrer Forderungen sind aber illusorisch. Die Arbeit am Theater ist kein bürgerlicher Beruf, kein Nine-to-five-Job. Leider haben die von der Politik vorgegeben Sparmaßnahmen diese künstlerische Ausbeutung noch verstärkt, und die Leittragenden waren vor allem die Schauspieler. Selbst Regisseure sind relativ verschont geblieben. Vielerorts sind die Gagen eingefroren, die Ensemble verkleinert, die Produktionszyklen für mehr Inszenierungen bei gleichbleibendem oder gar niedrigerem Budget verkürzt worden.

Alles kein Grund, jetzt ins andere Extrem zu verfallen und Standards einzufordern, die sonst kein Arbeitnehmer in Deutschland erhält, und hoch defizitäre Kultureinrichtungen gleich reihenweise in die Zahlungsunfähigkeit treiben würde.

TIEDTKE: Ich verstehe diese Forderungen, die ich auch kritisch bewerte, vor allem als Aufschrei. Politiker werden sich nicht auf ein Direktoriumsmodell einlassen, denn es braucht für sie immer einen Intendanten, der die Verantwortung übernimmt. Und eine weitergehende Mitbestimmung des Ensembles ist vor Jahrzehnten auch und gerade in Frankfurt gescheitert. Größere Gefahren drohen aber von der anderen Seite. Geben wir das Modell der subventionierten Theater auf, etwa zu Gunsten der freien Szene, haben wir es dauerhaft beerdigt. Das werden wir nicht mehr rückgängig machen können. Deshalb ist es ein zweischneidiges Schwert, die Grenzen zwischen freier Szene und den Stadt- sowie Staatstheatern immer mehr zu verwischen, wie das manche Kollegen wollen und auch praktizieren. Die Schauspieler sind nun mal das Gesicht des Theaters und prägen seine Identität.

Also ein klares Votum für den Erhalt eines festen Ensembles, auch hier in Frankfurt?

TIEDTKE: Unbedingt. Da gibt es zwischen Anselm Weber und mir keinen Dissens. Dafür standen wir an unseren früheren Wirkungsstätten, und dafür werden wir auch hier stehen. Mit einem anderen Modell wäre auch kein künstlerischer oder gesellschaftlicher Mehrwert verbunden: Wenn wir uns selbst dieser festen Strukturen berauben, würde das Geld nicht in die freie Szene fließen, sondern weggekürzt werden. Davon bin ich überzeugt. Ein Ensemble bietet die Möglichkeit, in vertrauten Konstellationen zu arbeiten und trotzdem Vielfalt abzubilden. Wir haben in Frankfurt 28 Darsteller engagiert. Die meisten haben einen Dreijahresvertrag, andere einen Zweijahresvertrag. In dieser Zeit sollen sie sich untereinander und uns kennenlernen, unterschiedliche Regiehandschriften erfahren. Das ist ein großes Pfund. Wenn man als freie Gruppe immer nur im selben Kollektiv arbeitet, ist die eigene Wandlungsfähigkeit irgendwann ausgereizt.

Die Strukturen sind das eine, die programmatischen Angebote das andere. Das Theater verschwindet schrittweise aus der Wahrnehmung der Bevölkerung. Nehmen seine Macher überhaupt noch die Lebenswirklichkeit des Publikums wahr?

TIEDTKE: Wir haben bestimmt in den letzten Jahren einen Trend zur Abschottung erlebt, weil die Theaterschaffenden einen selbstreferenziellen Diskurs gepflegt haben, den der durchschnittliche Zuschauer nicht mehr nachvollziehen kann. Zum Beispiel die Debatte zwischen Schauspieler und Performer: Wer hat mehr Glaubwürdigkeit und Authentizität? Dem Publikum ist das egal, es will vor allem gutes Theater sehen. Ich bin überzeugt, dass wir immer noch mit Geschichten, Figuren, Konflikten begeistern und dabei gleichzeitig neue Spielweisen und ästhetische Zugriffe schaffen können.

Nach der theatralen Magerkost Elisabeth Schweegers hat Oliver Reese großes Schauspielertheater in Frankfurt gemacht, häufig bildgewaltig, aber selten politisch und noch seltener zeitkritisch. Wollen Sie das ändern?

TIEDTKE: Oliver Reese hat dem Theater in Frankfurt die Aufmerksamkeit des Publikums zurückerobert. Das ist ein großes Kapital für uns, das wir jetzt für neue inhaltliche Schwerpunkte nutzen sollten.

Was heißt das konkret?

TIEDTKE: Stadt und Gesellschaft stärker in den Blick nehmen.

Dafür braucht es auch eine entsprechende Dramatik und Regisseure, die damit umgehen können. Aktuell ist in den Kammerspielen „Willkommen in Deutschland“ zu sehen, ein bereits 1985 entstandenes Stück, das von Katrin Plötner und damit von einer der größten Talente der deutschen Theaterszene wiederentdeckt und inszeniert wurde. Offenbar scheinen die Werke neuzeitlicher Autoren sich für eine Gegenwartsbespiegelung kaum zu eignen.

TIEDTKE: Die moderne Dramatik gleitet oft zu sehr in Privatismen ab oder hat nicht die sprachlich-ästhetische Kraft für eine große Bühne. Dieses Defizit müssen wir aber beseitigen. Es gibt das Bedürfnis vieler Menschen, sich auszutauschen. Und zwar nicht nur als Zuschauer vor dem Fernseher und damit Teil einer diffusen Gemeinschaft, sondern realiter vor Ort. Wenn wir an die Antike denken, wurden die großen Werte- und Rechtsdebatten im Theater geführt.

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