Patricia Kaas kommt mit neuem Album nach Frankfurt

Interview mit Patricia Kaas: „Ich muss nichts beweisen“

In der Alten Oper stellt Patricia Kaas neue eigene Stücke vor. Sie singt von Liebe, Selbstvertrauen, Trauer und Erschöpfung – und sogar von Inzest.

Patricia Kaas’ dunkle, volle Stimme erinnert an die große Edith Piaf. Die Tochter eines französischen Bergarbeiters und einer Deutschen stammt aus Forbach in Lothringen und wurde mit Songs im Spannungsfeld zwischen Chanson, Pop, Jazz und Blues weltbekannt. Ihre Karriere startete sie vor 30 Jahren in Saarbrücken. Mit dem Chanson „Mademoiselle chante le Blues“ von Didier Barvilien gelang ihr ein erster Hit in Frankreich. Im Frühjahr 2017 geht die 49-Jährige Sängerin mit ihrem gerade erschienenen zehnten Album „Patricia Kaas“ auf Welttournee und gastiert am 23. Februar auch in der Alten Oper Frankfurt. Olaf Neumann sprach mit ihr.

Frau Kaas, nach fast 13 Jahren ist „Patricia Kaas“ das erste Album, auf dem Sie wieder eigene Stücke singen. Wie kam es dazu?

PATRICIA KAAS: Die Zeit vergeht so schnell, mein Gott! Ich wollte eine typische Patricia-Kaas-Platte machen, mit allem, was man an mir liebt. Sie sollte sehr elegant klingen.

Welche Vorstellung hatten Sie von diesem Album?

KAAS: Da ich meine Lieder von anderen schreiben lasse, entwickelt sich so ein Album von selbst mit den Liedern und Texten, die ich bekomme. Erst dann weiß ich, wo das Album genau hingeht. In den letzten zwei Jahren habe ich mehr Selbstvertrauen gewonnen. Nach einer 30-jährigen Karriere muss ich mir selbst nichts mehr beweisen. Ich wollte auf meinem Album nicht nur Liebeslieder haben, sondern auch engagiertere Songs. Ein Autor hat für mich zum Beispiel ein Lied über Inzest geschrieben. Ich singe es, weil sowas praktisch überall hinter verschlossenen Türen passiert. Ich will mich thematisch nicht einschränken.

Wie haben Sie reagiert, als Ihnen „La Maison en bord de Mer“ angeboten wurde, das besagte Inzest-Lied?

KAAS: Mein musikalischer Leiter präsentierte mir das Lied, aber er war nicht sicher, ob ich es singen wollte. Ich hörte es mir an und sagte ihm, dass ich es auf meinem Album haben will. Weil das Thema aktuell und wichtig ist. Insofern hat es auch nichts Mutiges, es zu singen. Warum sollte man es verschweigen? Manchmal habe ich das Gefühl, wir bewegen uns zurück in die Zeit, als man sich noch nicht traute, über Aids zu sprechen.

Die Platte wurde in Paris von den Briten Jonathan Quarmby und Fin Greenall alias Fink produziert. Wie kam es dazu?

KAAS: Fink ist ein toller Künstler. Eines Tages habe ich ihn per Facebook kontaktiert mit dem Wunsch, mit ihm arbeiten zu wollen. Naja, er hat dann ein paar Songs für mich arrangiert. Ich wollte die Platte an einem Ort aufnehmen, an dem ich noch nie gewesen war. Auch, weil mein Hund nicht mehr lebt, der im Studio stets dabei war. Daran wollte ich nicht erinnert werden. Ich war in meinem Kopf auf Neues eingestellt, ich brauchte eine neue Band und andere Leute um mich herum. Obwohl die Themen manchmal schwer sind, klingt die Platte für mein Empfinden leicht. Die erste Singleauskopplung „Madame tout le Monde“ hingegen klingt eher so, wie man es von mir kennt. Es ist ein Lied fürs Radio.

In welcher Stimmung waren Sie, als Sie das Album machten?

KAAS: Die letzten Jahre waren für mich schwierig, ich hatte einen Burnout. Das lag daran, dass ich zehn Jahre lang viel Emotionales gemacht hatte. So schrieb ich meine Autobiografie und spielte in einem Fernsehfilm eine Mutter, die ihr Kind verliert. Ich war mit den Liedern von Edith Piaf auf Tour und verlor meinen kleinen Hund. Irgendwann hatte ich das Gefühl, meine Schultern sind nicht mehr breit genug. Zum Glück gab es eine Person, mit der ich darüber reden konnte. Ich bin stolz auf meine Karriere, aber ich kann nicht akzeptieren, immer nur stark zu sein. Manchmal ist man müde. Inzwischen habe ich aber wieder Selbstvertrauen gewonnen. „Adele“ handelt von einem Teenagermädchen mit seinen Problemen. In dem Lied nehme ich sie bei der Hand und erzähle ihr, wie schwer das Leben ist. Auch, weil sie ein Mädchen ist. Das erste Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, dass ich so jemanden an die Hand nehmen kann. Ich wäre gerne diese Adele gewesen.

Sie haben mal gesagt, dass Sie wissen, was kämpfen bedeutet. Gegen wen oder was kämpfen Sie?

KAAS: Vielleicht gegen mich selbst. Das war wahrscheinlich das Schwierigste. In meinem Beruf muss man sich immer durchsetzen und sich beweisen. Selbst wenn es einem nicht so gut geht, muss man sagen: „Ja, es ist okay“. Das ist nicht einfach. Mein Vater war Grubenarbeiter, und meine Mutter hat sieben Kinder zur Welt gebracht. Klagen gab es bei uns zu Hause nicht. Man musste sich immer durchsetzen. Aber inzwischen habe ich Frieden mit mir selbst gemacht.

Wenn Sie irgend etwas ändern könnten, was wäre es?

KAAS: Wahrscheinlich nur Kleinigkeiten. Auf mein Burnout hätte ich verzichten können.

Werden Sie bei dieser Tour auch ein paar deutsche Lieder singen?

KAAS: Man soll nie nie sagen, aber es ist nicht geplant. Ich habe mal „Ganz und gar“ von Marius Müller-Westernhagen und ein originelles Lied von „Rosenstolz“ auf Deutsch gesungen. Komischerweise waren das nicht die Titel, die man von mir am meisten verlangt hatte. Die Menschen lieben mich für die französische Musik, und ich glaube, sie sind schon sehr berührt, wenn ich mit ihnen ein bisschen auf Deutsch rede. Diese Tour wird nicht so eine Show wie „Cabaret“ oder „Chante Piaf“ werden, sondern eher so wie ein Konzert. Ich denke da an ein kleines Bühnenbild ohne große Umbauten. Voilà!

Alte Oper, Großer Saal, Frankfurt. 23. Februar 2017 um 20 Uhr. Karten zu 69,80 bis 104,30 Euro unter Hotline 012806-57 00 70. Internet

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