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Katie Melua begleitet sich auf der Gitarre. Mit georgischen Sängerinnen kommt sie nach Frankfurt.

Musik

Interview mit Sängerin Katie Melua: „Und plötzlich hast du diese Macht“

Die anmutige Georgierin Katie Melua mit Wohnsitz bei London ist seit anderthalb Jahrzehnten mit ihren gefälligen Popsongs und der sanften, weichen Stimme prächtig im Geschäft. Auf „Ultimate Collection“ blickt Melua (34) zurück. Am 26. November tritt sie in der Alten Oper Frankfurt auf. Steffen Rüth hat sie in London angerufen.

Frau Melua, was machen Sie gerade?

KATIE MELUA: Ich sitze in der Küche unseres Hauses und schreibe am Text für einen Song. Ich arbeite schon seit anderthalb Jahren an meinem nächsten Album. Ich bin so langsam, es dauert ewig.

In Ihrer früheren Heimatstadt Tiflis wurden Sie gerade zur Ehrenbürgerin ernannt. Was bedeutet Ihnen das?

MELUA: Das war definitiv einer der schönsten Tage meines Lebens. Ich hatte selbst die Idee, an meinem Geburtstag in Tiflis zu spielen. Es war ein herrliches Konzert. Mittendrin kam plötzlich der Bürgermeister auf die Bühne und überreichte mir den Schlüssel der Stadt. Am Ende gab es ein krasses Feuerwerk. Ich war sprachlos. Die Georgier sind so liebevoll. Ich bin stolz, eine von ihnen zu sein.

Sie sind mit acht Jahren nach dem georgischen Bürgerkrieg mit Ihrer Familie ausgewandert. Wie häufig sind Sie noch in Ihrem Heimatland, das gerade Ehrengast der Frankfurter Buchmesse war?

MELUA: Ein paar Mal im Jahr. Ich habe in Gori vor zwei Jahren das Album „In Winter“ mit dem „Gori Women’s Choir“ aufgenommen. Sechzehn der Frauen aus dem Chor werden mich nun auf meiner Tournee begleiten. Im April war ich in Batumi am Schwarzen Meer, zum 80. Geburtstag meiner Oma.

Wie war das?

MELUA(kichert): Wahnsinnig lustig. Meine Oma ist seit dreißig Jahren Witwe. Seitdem hatte sie keinen Partner, obwohl einmal im Jahr ein Mann mit Blumen an ihre Tür klopft und sie um ein Date bittet. Ein ehemaliger Bauarbeiter, eigentlich ein freundlicher Kerl, aber Oma, die mit ihrer Tochter und Nichte zusammenlebt, geht nie mit. Wir haben eine reine Mädelsparty gefeiert. Omas Freundinnen, meine Mutter, ich, es kamen ausschließlich Frauen. Wir alle tanzten, sangen und aßen. Herrlich.

Ist Ihnen das auch schon passiert, dass ein Verehrer mit Blumen ankam und mit Ihnen ausgehen wollte?

MELUA: Einmal, mit 17. Ich fand das süß. So was macht man ja heutzutage überhaupt nicht mehr, und schon gar nicht in London, wo alle immer so beschäftigt und gestresst dabei sind, die Karriereleiter hochzuklettern. In Georgien scheinen mir die Menschen noch einen Hang zur Romantik zu haben, auch zur Muße. Sie legen ihr Herz im wahrsten Sinne des Wortes auf die Türschwelle.

Sie haben mit 19 Ihr erstes Album „Call Off The Search“ rausgebracht. Ist Ihnen in der Musikbranche jemals etwas #MeToo-artiges begegnet?

MELUA: Nein. Ich hatte nie ein ungutes Erlebnis oder auch nur das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Bei mir war es eher andersherum extrem. Ich wurde fast schon überbehütet, man passte wahnsinnig gut auf mich auf.

Das hört sich auch ungesund an.

MELUA: War es auch. Ich fühlte mich damals zunehmend bedrängt, so unfrei. Ich wollte ausbrechen, mit anderen Leuten arbeiten, was ich auf dem Album „The House“ 2010 auch endlich durfte. Trotzdem: Das war mir alles zu viel, zu eng. Ich wollte Neues ausprobieren, Experimente wagen, atmen.

Eines der neuen Stücke auf der „Ultimate Collection“ ist „Bridge Over Troubled Water“ von Simon & Garfunkel. Welchen Bezug haben Sie zu dem Song?

MELUA: Für mich ist „Bridge Over Troubled Water“ eines der herausragenden Werke der westlichen Kultur. Du hörst dieses Lied, und deine Stimmung hellt sich sofort auf. Das ist für mich der Vorzug der Musik gegenüber anderen Künsten wie Theater, Literatur oder Film: Um dich von einem Song gefangennehmen zu lassen, musst du kein Geld bezahlen, dich nirgendwo anstellen oder stundenlang lesen. Lieder wie dieses sind der Grund, warum ich Sängerin bin. Ich selbst tauche beim Singen ein in diese Welt und fühle mich verwandelt.

Wovon handelt der Song aus Ihrer Sicht?

MELUA: Von bedingsloser Liebe: Ich bin für dich da, und ich gebe mich für dich hin. Eine schönere Metapher kann ich mir gar nicht ausmalen. Paul Simon ist ein wundervoller Mensch, sehr bescheiden.

Sind die berühmtesten Künstler nicht immer auch die bescheidensten?

MELUA: Oft jedenfalls. Manche müssen Bescheidenheit und Demut auch erst lernen.

Und Sie?

MELUA: Mich hat das damals schon beeindruckt, welche Macht du plötzlich über Menschen hast. Ich war noch ein Teenager oder Anfang 20: Die Liebe, die all diese fremden Leute dir im Konzert zuteilwerden lassen, das ist verrückt und nicht ganz greifbar. Manche werden abhängig von dieser Bewunderung, das ist wie eine Sucht. Wenn eine Tour vorbei ist, fehlt dir der Applaus, und die Leute, die dich in Watte gepackt und alles Unangehme von dir ferngehalten haben, sind nicht mehr da. Nach einigen Jahren habe ich gespürt, dass ich falsch werde, oberflächlich, zickiger. Ich fühlte mich, als würde ich von innen ausgehöhlt.

Sie konnten sich selbst nicht mehr ausstehen?

MELUA: Ja. Ich war immer sehr ehrgeizig, ich habe gedacht, ich arbeite hart, der Erfolg ist die Norm, der steht mir zu. Wie schwer das alles in Wirklichkeit ist, wie viel Glück ich auch hatte, ist mir erst später bewusst geworden.

Sie hatten 2010 ein Burnout und mussten wochenlang in einer Klinik auch medikamentös behandelt werden. War das die Quittung?

MELUA: Heute denke ich, meine Krankheit war das Resultat aus meinem Verhalten und den Umständen. Ich hatte mich in kreativen Konflikten aufgerieben, war rastlos. Gleichzeitig war da diese bescheuerte Arroganz, alles besser zu wissen. Ich hatte das Wesentliche verloren: meine Liebe zur Musik. Die ist glücklicherweise wieder zurückgekehrt, als es mir besser ging. Wenn ich mir die 33 Songs dieser Kollektion anhöre, empfinde ich Stolz auf diese Lieder. Ich habe überwiegend glückliche Erinnerungen.

Von den Georgiern heißt es, dass viele von ihnen sehr alt werden. Wenn Sie jetzt alle fünfzehn Jahre ein „Best-Of“-Album machen, wie viele sollen es noch werden?

MELUA: Also, ich habe nicht vor, so schnell aufzuhören. Es gibt in der Musik noch so viel für mich zu entdecken. Die hohe Lebenserwartung liegt vielleicht daran, dass wir vieles essen, was tatsächlich daheim angebaut wird, und dass das Klima in Georgien einem gesunden Leben sehr zuträglich ist.

Alte Oper Frankfurt, 26. November, 20 Uhr. Tickets: (069) 13 40 400.

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