angster-Krimi „Good Time“

Interview mit Ben Safdie: „Wir haben Robert Pattinson nicht als Geldesel engagiert“

In dem Thriller aus New York ist ein Bankräuber auf der Flucht. Regiemeister Martin Scorsese hat einen wohlwollenden Blick auf das Werk geworfen.

Mit einer Auftragsarbeit für Handtaschenwerbung begann die Kinokarriere der Brüder Benny und Joshua Safdie. Aus dem geplanten Spot entwickelten sie den Spielfilm „The Pleasure of being robbed“ (Das Vergnügen, überfallen zu werden) und wurden 2008 prompt auf das Festival von Cannes eingeladen. Ein Jahr später waren sie wieder dort, diesmal mit der Komödie „Go get some Rosemary“. Mit ihrer Literaturverfilmung „Heaven knows what“ ging das Duo danach auf Venedigs Biennale. In diesem Jahr gingen die Safdie-Brüder aus New York mit dem Gangster-Krimi „Good Time“ in den Wettbewerb um die Goldene Palme von Cannes. Der einstige „Twilight“-Hauptdarsteller Robert Pattinson gibt darin einen Bankräuber, der vom Pech verfolgt wird. Den behinderten Bruder des Gangsters spielt Ben Safdie. Mit ihm unterhielt sich Dieter Oßwald.

Mister Safdie, möchten Sie lieber über Robert Bresson oder Robert Pattinson plaudern?

BEN SAFDIE: Ich kann gerne über beide reden, viele Stunden lang . . .

Lieber erst über den Ex-Vampir der „Twilight“-Saga. David Cronenberg sagte, dank Star Pattinson wäre die Finanzierung seines Arthaus-Filmes einfacher gewesen. Ging es Ihnen ähnlich?

SAFDIE: Wir haben Pattinson nicht als Geldesel engagiert. Die Initiative ging von Robert aus. Er hatte Filme von uns gesehen und schrieb, dass er gerne Teil unserer Welt sein wolle. Beim ersten Treffen hatten wir gar kein Projekt. Von der unglaublichen Energie, die Robert ausstrahlt, waren wir begeistert. Aber klar, mit Robert konnten wir ein höheres Budget einplanen – und konnten uns den großen Freizeitpark für den Showdown leisten.

Wie weit will Pattinson mit solchen Projekten beweisen, dass mehr in ihm steckt als der Schönling für Teenies?

SAFDIE: Ich glaube nicht, dass Robert der Welt beweisen möchte, welch guter Schauspieler in ihm steckt. Er will vor allem sich selbst etwas beweisen – und das ist die beste Basis für gute Arbeit. Pattinson denkt ständig, er wäre nicht gut genug. Nach jeder Szene glaubt er, er könne sie noch besser machen. Nicht umsonst nimmt er so völlig verschiedene Rollen an. Er möchte seinen Platz an diesen ganz unterschiedlichen Orten finden – um darin völlig zu verschwinden. Das hat er sehr häufig gesagt.

Haben Sie ihn deswegen mit blonder Frisur und Zottel-Bart so verunstaltet, dass man ihn kaum noch erkennt?

SAFDIE: Das Aussehen war unsere Idee, aber Robert war davon begeistert. Er wollte endlich einmal nicht erkannt werden, sondern in dieser Welt verschwinden. Um das Make-up auszuprobieren, gingen wir gemeinsam in einen Donut-Laden. Der Verkäufer fragte: „Sind Sie Robert Pattinson?“ Robert schaute ihm direkt in die Augen und meinte trocken: „Nein! Aber das höre ich ständig!“ Es hat funktioniert, und gab Robert großes Vertrauen.

Auffallend an Ihrem Thriller sind Farben und Licht. Wie dreht man mit einer 35-mm-Kamera ohne die übliche Ausleuchtung bei Nacht?

SAFDIE: Man benutzt das Rücklicht von einem Bus, etwa in der Szene nachts vor dem Krankenhaus. Unsere einzige Lichtquelle ist dort tatsächlich jenes rote Buslicht. Das wirkt im Film surreal, aber es ist eine völlig reale Lichtquelle. Ähnlich verhält es sich in dem Haus, wo die Lampe kaputt ist und lediglich der Fernseher für die Beleuchtung sorgt. Auch dieses Farbenflimmern erzielt eine seltsame Stimmung und spiegelt sehr schön den Zustand unseres Helden wider, der ja immer verrückter wird.

Ihr Held hetzt durch die Nacht. Warum diese Hektik?

SAFDIE: Wir mögen keine überlangen Filme. Und bei „Good Time“ durfte es erst recht keine Pausen geben. Sobald es einen Stillstand gibt, beginnt der Zuschauer nachzudenken. Und sobald das Publikum die Chance zum Überlegen bekommt, verliert unser Held seinen Vorsprung. Erst am Ende treten wir auf die Bremse, und die Zusammenhänge werden deutlich.

Wie die Coen-Filmbrüder haben Sie den Film mit Ihrem Bruder Joshua gedreht. Worüber gibt es kreativen Streit?

SAFDIE: Wir streiten über alles. Allerdings versuchen wir, beim Drehen solche Auseinandersetzungen zu vermeiden, um niemanden zu verunsichern. Joshua kümmert sich lieber um die Kamera, ich um die Schauspieler. Zudem wissen wir beide sehr gut, dass es bei unserem Streit stets um die Sache geht und nicht ums eigene Ego. Wir haben immerhin den Vorteil, uns schon unser ganzes Leben zu kennen!

Nicht nur der Schauplatz New York erinnert an Martin Scorsese. Bei Ihrem vorherigen Film „Heaven knows what“ haben Sie ihm im Abspann gedankt. Welchen Einfluss hat er?

SAFDIE: Er hat uns auf Ideen gebracht. Dass ihm „Heaven knows what“ dann tatsächlich gefiel, stärkt natürlich das Selbstvertrauen. Scorsese ist schließlich der Kinogott.

Good Time

Vom 2. November an in den Kinos

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