August Diehl kommt als „Der junge Karl Marx“ in die Kinos

Interview mit Schauspieler August Diehl: „Ich hatte Muffensausen“

Unter der Regie von Raoul Peck spielt August Diehl den Journalisten Karl Marx, der im Paris des 19. Jahrhunderts zum Verfasser des „Kommunistischen Manifests“ wird.

Für den Film „23“ bekam er den Bundesfilmpreis, da war er selber erst gerade 23 Jahre alt. Noch auf der Schauspielschule engagierte der Theaterregisseur Peter Zadek den jungen August Diehl. Danach holte ihn Luc Bondy ans Wiener Burgtheater. Nachdem Diehl dann auf der Berlinale zum europäischen „Shootingstar“ gekürt wurde, ging es mit seiner Karriere steil bergauf. Er spielte den romantischen Liebhaber in „Kalt ist der Abendhauch“ oder den Serienkiller in „Tatoo“. Auch Hollywood rief an: Mit Brad Pitt zusammen war August Diehl in „Inglourious Basterds“ von Quentin Tarantino zu sehen, mit Angelina Jolie in „Salt“. Nun gibt Diehl (41) den „Jungen Karl Marx“, den Revolutionär, der mit seinem Hauptwerk „Das Kapital“ den aufkommenden Kapitalismus beschrieb und sich auf die Seite der Arbeiterklasse stellte. Der Film von Raoul Peck spielt Mitte des 19. Jahrhunderts, als Marx im Exil in Paris war und den jungen Fabrikantensohn Friedrich Engels (Stefan Konarske) kennenlernte. Dieter Oßwald unterhielt sich mit Titeldarsteller August Diehl.

Herr Diehl, die entscheidende Frage gleich vorab: Ist der Bart echt? Daniel Brühl klagt bisweilen über kargen Bartwuchs…

AUGUST DIEHL: Der Bart ist echt. Ich habe zwar ein bisschen Zeit gebraucht, um ihn wachsen zu lassen – aber er ist absolut echt.

Zu Beginn Ihrer Karriere gaben Sie in dem Thriller „23“ Karl, den Computer-Rebellen. Nun spielen Sie Karl, den Revolutionär. Schließt sich da ein Kreis?

DIEHL: Stimmt, über diesen Bogen von Karl Koch zu Karl Marx habe ich noch gar nicht nachgedacht. Wobei ich ja auch in „Wer, wenn nicht wir“ und einigen anderen Filmen bereits revolutionäre Figuren gespielt habe. Aber Marx ist natürlich etwas Besonderes.

Wo sehen Sie Aktualität von Marx für heute?

DIEHL: Das Thema Marx ist brandaktuell, weil seine Prognosen so nach und nach eintreten. Der Kapitalismus wird sich immer wieder regenerieren, erst wenn es Rohstoffknappheit gibt, wird es wirklich wackeln. Neben diesen zukunftsweisenden Ideen gibt es Marx als Menschen, der sagte: „Ich lebe mein Leben, um die Welt zu verändern“. Trotz aller Widrigkeiten hat er nie aufgehört, diesen Plan zu verfolgen.

Sind Sie durch den Film zum Marx-Kenner geworden?

DIEHL: Ich bin kein wirklich großer Marx-Kenner geworden. Für den Film habe ich weniger seine Werke studiert als vielmehr seine Briefe, die sehr unterhaltsam geschrieben und angenehm zu lesen sind. Dort erkennt man sehr gut den Charakter von Marx und sieht, wie intelligent, humorvoll und spöttisch er war. Man darf ja nicht vergessen, wie jung Marx und Engels zu dieser Zeit waren.

Hatten Sie Bedenken, die berühmte Person zu spielen, oder ist das eine Rolle wie jede andere auch?

DIEHL: Natürlich hat man Muffensausen vor solch großen Figuren, zumal wenn sie aus der jüngeren Vergangenheit kommen und man sehr vieles über sie weiß. Diese Angst gibt es aber nur in der ganz frühen Phase. Wenn man sich einmal für eine Rolle entschieden hat, eignet man sich ja eine Figur an, die nicht unbedingt der wirkliche Karl Marx ist, sondern ein Gemisch zwischen mir und meiner Vorstellung von diesem Menschen. Ab diesem Moment gibt es auch keine Zweifel mehr.

Wo lag der Reiz in dieser Figur?

DIEHL: Ich fand es faszinierend, Marx als Menschen zu porträtieren. Seine Werke und sein Wirken kommen in dem Film auch vor, aber es geht vor allem um die Privatperson, um die Beziehung zu seiner Frau und die Freundschaft zu Friedrich Engels. Man kann das also durchaus auch als einen Freundschaftsfilm verstehen.

Haben Sie durch den Film etwas Neues über Marx erfahren?

DIEHL: Marx hatte Humor und wandte ihn auch an, wenn er ihn brauchte. Er konnte sehr manipulativ sein, gleichzeitig besaß er ein unglaubliches Gerechtigkeitsempfinden, was die Menschen seiner Umgebung sehr gespürt haben: Er behandelte immer alle gleich, Bevorzugungen gab es bei ihm nicht. Was er in seinen Schriften forderte, hat er also schon sehr stark gelebt.

War es damals einfacher, Dinge zu verändern als heute?

DIEHL: Einfach war es wahrscheinlich nie. Aber es gibt immer Momente in der Geschichte, in der die Welt politischer ist als zu anderen Zeiten. Aktuell fehlen solche Bewegungen wie in den 1968er Jahren oder wie 1870, wo überall in Europa eine große Aufbruchstimmung herrschte, weil man spürte, dass man die Welt verändern kann. Durch neue Gedanken, durch ein neues Gedicht oder ein neues Bild.

Wären Sie damals auch ein Revolutionär gewesen in solch euphorischen Zeiten?

DIEHL: Das ist schwer zu sagen. Aber da ich ein geselliger Mensch bin, wäre ich sicher von Leuten umgeben gewesen, die ständig über Politik reden. Weil das ansteckend ist, führt das eine zum anderen. Vor kurzem sah ich eine Dokumentation über die 1968er Jahre. Darin beklagte sich jemand, dass heute auf Partys gefragt wird: „Ist er nett?“. Damals hätte man nur wissen wollen: „Hat er etwas zu sagen?“.

Waren Sie in jungen Jahren politisch aktiv?

DIEHL: Nein, ich habe zwar immer viel darüber nachgedacht, aber einer politischen oder ökologischen Bewegung schloss ich mich nie an.

Vom 2. März an in den Kinos. Am Starttag um 20.45 Uhr im Frankfurter Cinema in Anwesenheit von Schauspieler Stefan Konarske

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