Polnischer Literatur-Star

Interview mit Szczepan Twardoch: „Ich boxe, weil es den Kopf frei macht“

„Meinen Vater hat ein großer, gutaussehender Jude mit breiten Schultern und dem mächtigen Rücken eines makkabäischen Kämpfers getötet.“ So lässt Szczepan Twardoch seinen neuen Roman „Der Boxer“ beginnen.

Twardoch (38) ist in Polen längst ein Literatur-Star. Für seinen 2014 erschienenen Roman „Drach“ (deutsche Übersetzung 2016) erhielten Twardoch und sein Übersetzer Olaf Kühl den Brücke-Berlin-Preis. Twardoch, der mit seiner Familie im südpolnischen Pilchowice nahe Gliwice (Gleiwitz) lebt, bezeichnet sich selbst nicht als Pole, sondern als Schlesier, der auf Polnisch schreibt. Joachim Heinz sprach mit ihm.

Herr Twardoch, der Anfang einer Erzählung ist oft so etwas wie eine Visitenkarte. Wie lange haben Sie an dem ersten Satz Ihres Romans „Der Boxer“ gefeilt?

SZCZEPAN TWARDOCH: Schwer zu sagen. Es war auf jeden Fall nicht der erste Satz, den ich geschrieben habe. So etwas kann man nicht erzwingen. Wichtiger ist, die Idee für die Geschichte und ein Konzept zu haben.

„Der Boxer“ spielt in Warschau im Jahr 1937. Jüdische Gangster treten auf, dazu Antisemiten und andere Fanatiker – was hat Sie dazu inspiriert?

TWARDOCH: Ein Mix aus ganz unterschiedlichen Dingen, vor allem aber Bücher. Und das, was sich damals in Warschau abgespielt hat.

In „Morphin“, mit dem Ihnen 2012 der Durchbruch gelang, streift ein Leutnant 1939 durch die zerbombte polnische Hauptstadt – warum zieht es den Erzähler Twardoch immer wieder dorthin?

TWARDOCH: In beiden Fällen geht es um eine Welt, die dem Untergang geweiht ist. Das konnte damals natürlich niemand wissen, aber der Leser weiß es. Darin steckt etwas sehr Poetisches: Die Erkenntnis, wie flüchtig und vergeblich alles menschliche Streben ist. Dazu passt dieses alte jüdische Sprichwort: „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, dann musst du ihm von deinen Plänen erzählen.“

„Der Boxer“ entwirft ein schillerndes Panorama jüdischen Lebens im Warschau der unmittelbaren Vorkriegszeit. Welche Quellen liegen dem zugrunde?

TWARDOCH: Ich selbst habe keinerlei jüdische Wurzeln oder Vorfahren – ich musste also recherchieren. Eine große Fundgrube war das Jüdische Historische Institut in Warschau. Dann waren da Zeitungen aus der Epoche. Kleinanzeigen verraten mehr über den Alltag der Menschen als die Namen von Präsidenten und Diktatoren. Bei den Passagen in Jiddisch hat mir Ewa Geller, eine weltweit anerkannte Spezialistin von der Uni Warschau, geholfen.

Ein ziemlicher Aufwand.

TWARDOCH: Warschau war vor dem Zweiten Weltkrieg eine unglaublich schnelllebige, eine vielsprachige Stadt. Ohne das Jiddische hätte etwas Entscheidendes gefehlt.

Sehen Sie heute bedrohliche Schatten über Europa?

TWARDOCH: Ja. Wir leben in Europa seit mehr als 70 Jahren im Frieden. Ich hoffe sehr, dass mindestens 70 weitere Jahre folgen. Rein statistisch gesehen ist aber wahrscheinlicher, dass wir noch zu unseren Lebzeiten den Krieg am eigenen Leib erfahren werden. Das sollten wir wissen – und alles daran setzen, damit es nicht dazu kommt.

Ist das nicht ein wenig arg pessimistisch?

TWARDOCH: Wenn ich von meinem Heimatort Pilchowice 1000 Kilometer westwärts fahre, komme ich nach Köln. Dort treffe ich, wie bei mir zuhause, auf Menschen, die den Frieden für selbstverständlich halten. Fahre ich von Pilchowice aus 1000 Kilometer nach Osten, lande ich in Donezk. Dort haben die Menschen bis vor kurzem ebenfalls den Frieden für etwas Selbstverständliches gehalten. Bis der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine eskalierte.

Das heißt?

TWARDOCH: Du kannst dich so sicher fühlen wie du willst – du solltest immer damit rechnen, dass die Geschichte in dein Leben einbricht.

In Polen versucht die Regierung mit dem Holocaust-Gesetz, die Geschichte einzuhegen, sie gerichtsfest zu machen.

TWARDOCH: Ein völliger Unsinn und ein PR-Desaster noch dazu. Natürlich gab es keine „polnischen Todeslager“. Ich glaube, dass die Mehrzahl der Menschen damit lediglich eine geografische Zuordnung aus heutiger Sicht vornehmen und nicht den Polen die moralische Verantwortung für die KZs der Nazis zusprechen will.

In Ihrem Roman thematisieren sie polnischen Antisemitismus. Fürchten Sie für Ihre Arbeit rechtliche Konsequenzen aus dem Gesetz, das unter anderem eine faktenwidrige Mitverantwortung von Polen an den Verbrechen des Dritten Reichs unter Strafe stellt?

TWARDOCH: Nein, einmal abgesehen davon, dass ich mir eine tatsächliche Anwendung kaum vorstellen kann. Das Problem liegt woanders. Im kollektiven Gedächtnis war lange Zeit kein Platz für polnischen Antisemitismus vor und während des Zweiten Weltkriegs. Selbst Intellektuelle versuchten, das auszublenden.

Wo sehen Sie die Ursachen für den schleppenden Verlauf der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit?

TWARDOCH: Polen hat massiv gelitten während des Zweiten Weltkriegs. Danach erstickte der Kommunismus 50 Jahre lang öffentliche Debatten über Versagen und Verdienste von Politik und Gesellschaft. Aber: Wir leben seit inzwischen drei Jahrzehnten in einer Demokratie . .

. . . die manche Beobachter bedroht sehen durch den autoritären Regierungsstil der PiS-Partei.

TWARDOCH: Meiner Meinung nach agiert die Regierung unterirdisch. Zur Wahrheit gehört aber auch: In Polen gibt es starke regierungskritische Medien, ich kann meine Meinung sagen, ohne dafür ins Gefängnis zu müssen, niemand fälscht Wahlen. Wir sollten mit dem Begriff „autoritär“ vorsichtig sein. Was wollen wir sagen, wenn in Polen tatsächlich ein autoritäres Regime ans Ruder kommt?

Zurück zu Ihrem Roman, der mit einer fulminanten Box-Szene beginnt. Sie selbst sind über das Schreiben zum Faustkampf gekommen. Sehen sie sich in einer Linie mit boxenden Literaten wie Ernest Hemingway?

TWARDOCH: Nein, gar nicht. Ich boxe, weil es den Kopf frei macht und billiger ist als jede Therapie.

Haben Sie ein literarisches Vorbild?

TWARDOCH: Sándor Márai. Ich bewundere seinen leisen Mut, seine Charakterstärke.

Auch Márai, der seine Heimat Ungarn 1948 verlassen musste, erzählt von versunkenen Welten.

TWARDOCH: Ich habe nie versucht, ihn zu kopieren. Marai war ein Bourgeois im besten Sinne. Ich komme aus einer Bergarbeiterfamilie. Er schreibt sehr elegant, sehr feinsinnig. Ich schreibe schmutzig, brutal. Ich mag Gewalt – allerdings nur in der Literatur.

Hessisches Literaturforum im Mousonturm e.V.

Szczepan Twardoch, Lesung und Gespräch. 31. Mai, 20 Uhr, Mousonturm, Waldschmidtstraße 4, Frankfurt, Telefon (069) 24 44 99 40, E-Mail info@hlfm.de. Tickets ab 4 Euro unter und an der Abendkasse

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