Generationen aus Rhein-Main wurden hier musikalisch geprägt

40 Jahre Frankfurter „Batschkapp“: Echter Rock und reines Bier

Gegründet von einer linken „Putztruppe“, die einen Ort für Konzerte und Diskussionen brauchte, ist die „Batschkapp“ zu einer professionellen Konzerthalle herangewachsen.

Zum 25. Betriebsjubiläum fiel die Feier noch komplett aus. An eine betuliche Silberhochzeit fühlten sich die Betreiber beim Vierteljahrhundert „Batschkapp“ erinnert. Das war vor 15 Jahren. Anders, als die „Kapp“ 30 wurde. Da wurde in drei Akten Jubiläum zelebriert, mit einer optisch auf Vordermann gebrachten Konzerthalle. Auf die Pauke gehauen wurde auch 2013, als sie mit viel medialem Tamtam und gegen den Protest eingefleischter Besucher von Eschersheim nach Seckbach umzog, um sich auf dem ehemaligen Fabrikgelände für Trevira-Verarbeitung der Firma Zimmer zu vergrößern. 2016 steht nun im Zeichen von sagenhaften vier Jahrzehnten Existenzbehauptung.

Frühere Gaststätte

Noch an die Anfänge des mittlerweile abgerissenen Gebäudes erinnern kann sich der 83 Jahre alte Gregor Kemp aus Eschersheim. 1976 avancierte die „Batschkapp“ zum alternativen Kulturzentrum, das viele gerne unter Denkmalschutz gesehen hätten. Im frühen 20. Jahrhundert, so erinnert sich Kemp, befand sich darin die „Wirtschaft am Bahnhof“ oder auch „Müllerschorsch“, benannt nach Besitzer Georg Müller. Eine Lokalität mit eigener Apfelweinkelterei, Biergarten und Festsaal unweit der Eschersheimer Landstraße, das die Alteingesessenen ebenso liebten wie die Gaststätte „Drosselbart“, die zuvor „Zur Stadt Frankfurt“ hieß. „Zumindest hat mir das meine Mutter so erzählt“, gerät Kemp ins Schwärmen und fährt fort: „Als der Zweite Weltkrieg 1939 ausbrach, wurde die Gaststätte geschlossen – der Festsaal diente als Unterkunft für Zwangsarbeiter. Erst 1949 wurden die Räumlichkeiten wieder genutzt: Da zog das Metropol-Kino ein, das allerdings 16 Jahre später seine Pforten schon wieder schloss“. Danach stand das Gebäude mit Vorderhaus und angeschlossenem langem Anbau jahrelang leer. Bis der von der Stadtteilgruppe Heddernheim betriebene „Elfer Musikclub“ im vorderen und ein Trödelladen im hinteren Bereich eröffneten, letzterer alsbald vom „Italiener Toni“ in eine Discothek namens „La Baya“ umfunktioniert.

Daran, wie 1976 das damals berüchtigte Sponti-Kollektiv „Revolutionärer Kampf (RK)“ an die Liegenschaft geriet, um eine autonome linke Gegenkultur zu etablieren, erinnert sich Chef und Mitbegründer Ralf Scheffler noch recht genau: „Unser harter Kern traf sich regelmäßig allabendlich zum Politisieren und Klönen beim „Pizza Peter“ in der Glauburgstraße. Irgendwann wollte der Inhaber das nicht mehr. Also musste eine neue Spielwiese her. Übergangsweise fanden unsere Treffen dann in einem griechischen Speiselokal in der Weberstraße statt, bis irgendjemand den ,Elfer’ ausbaldowert hatte.“ Aus den von den Ortsansässigen anfänglich nicht gerne gesehenen Treffen im ,Elfer’ kristallisierte sich recht rasch die Idee eines Veranstaltungszentrums heraus. „Als der Italiener Toni angeblich wegen säumiger Steuern rasch verschwinden musste, bot uns der Besitzer des Gebäudes an, sämtliche Räumlichkeiten zu übernehmen“, rekapituliert Scheffler, der mit Wolfgang Feuerbach den Mietvertrag unterzeichnete.

Anfangs traten hauptsächlich lokale Bands („Frankfurt City Blues Band“) respektive Deutsch-Rock-Formationen wie „Embryo“, „Missus Beastly“ und „Checkpoint Charlie“ auf, präsentierte sich Politikbewegtes wie „Karl Napps Chaos Theater“ oder „Die 3 Tornados“. Zu jenem Zeitpunkt stand die „Batschkapp“ auf noch recht tönernen Füßen, nicht nur finanziell. Galt Geld doch als Verführer des verhassten Kapitalismus. Als anfänglicher Mühlstein erwies sich das Kollektiv selbst, wo die Linke nicht wusste, was die Rechte tat, sich keiner richtig verantwortlich fühlte – weder für Einnahmen noch Ausgaben – und das monatliche Programm ausschließlich eigenem Geschmack entsprach.

Vom Aus bedroht

Mehr als einmal drohte das vorzeitige Aus. Zumal in den Anfangsjahren der Betrieb als Unruheherd mit nächtlicher Randale galt, der die Anwohner vergrätzte und immer wieder Polizeieinsätze erforderlich machte. Scheffler entsinnt sich amüsiert: „Da tummelten sich verschiedene Jugendbewegungen, die aneinander gerieten – Punker, Popper, Waver, Rocker sowie Skinheads und Hooligans. Nicht zu vergessen die dominanten Alt-Hippies“. Just in jener Ära fand ein Generationenwechsel statt, dessen Bandnachwuchs nun „Trio“, „Extrabreit“, „Fehlfarben“, „Malaria“, „Fred Banana Combo“, „Der Moderne Mann“, „KFC“, „Wirtschaftswunder“ oder „Abwärts“ hieß. Aus dem Rhein-Main-Gebiet stießen die „Böhsen Onkelz“ hinzu. In dieser Phase gab es einige Veränderungen. Der als Buchhalter eingestellte Wolfgang Arth wurde auch Geschäftsführer der inzwischen gegründeten Batschkapp & Elfmeter Gaststätten Betriebs GmbH. Manfred Meyer, Che-Guevara-Fan und Rocker, der viel zu früh 2009 verstarb, und sein Clan sorgten von nun an für Sicherheit, gründeten später die MMSecurity, die bis heute die „Batschkapp“ versorgt, aber auch „Rammstein“, „Die Toten Hosen“ oder „Die Ärzte“ zu ihren Kunden zählt. Dass der Laden 1982 am Abgrund stand mit saftigen Steuerschulden, ließ sich dennoch nicht vermeiden. Ein Benefizkonzert mit „Ideal“ und „BAP“ in der Offenbacher Stadthalle linderte akute Not. Zwei Jahre später sorgte das Open-Air-Konzert im FSV-Stadion mit den Lokalmatadoren „Flatsch“, „Crackers“ und „Rodgau Monotones für volle Kassen. Vor allem der Indie-Rock-Boom aus Großbritannien und USA in den 80er Jahren sorgte von nun an für Umsatz und zumeist volles Haus. Es gab denkwürdige Konzerte von Bands wie „The Sisters Of Mercy“, „Alien Sex Fiend“, „Nirvana“, „Pearl Jam“ und „Soundgarden“. In den 90er Jahren veranstaltete die zu klein gewordene „Batschkapp“ Riesenevents in der Festhalle. Mehrtägige Raves im Frankfurter Theater- und Hafentunnel präsentierten neben internationalen Größen auch hiesige DJs wie Sven Väth oder Mark Spoon. 1993 kam es zur Gründung der Dependance „Nachtleben“ an der Konstablerwache für intime Clubkonzerte. Es folgte der Umzug 2013 ins Seckbacher Industriegebiet mit Platz für nunmehr 1500 Besucher.

Nach wie vor gilt für das „Batschkapp“-Team ein möglichst breites stilistisches Spektrum: Ob Pop, Rock, Soul, Funk, Blues, Folk, Metal, Punk, Elektro, Grunge, Jazz, Hip-Hop, Britpop, Dance, New Wave, Retro oder Hardcore – sämtliche Genres finden sich im Programm. Lokaler Nachwuchs wird gefördert, selbst Avantgardistisches geboten. Autorenlesungen und ein Flohmarkt kommen hinzu. Ein universelles Konzept also. Für mindestens weitere 40 Jahre.

„Die Party mit 1000 Litern Freibier“, „Batschkapp“, Gwinnerstraße 5, Frankfurt. 30. September, 23 Uhr. Karten zu 5,50 Euro unter Telefon (069) 95 21 84 10. Internet

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